Autochthone Spiele in Mexiko: Wenn der Ball brennt
Mit uralten Ritualen bewahren die Purépecha in Mexiko eine Sporttradition, die älter ist als Fußball – und plötzlich wieder im Rampenlicht steht.
A ls die Sonne untergeht, stehen sie sich im Cuauhtémoc-Wald in der mexikanischen Stadt Morelia gegenüber: Zwei Gruppen, beide in Weiß gekleidet, eine mit einer roten Schärpe um die Hüfte und die andere mit einer blauen. Die Roten stehen für die Sonne, die Blauen für den Mond. „Wenn man anfängt“, sagt Francisco Manuel Sánchez, einer von den Roten, „dann nimmt man an, dass wir uns im Zentrum des Universums befinden und Sonne und Mond bekämpfen einander. Es ist ein Spiel der Krieger. Es geht um den Kampf von Licht gegen Dunkelheit, Gut gegen Böse.“
Es ist still rundum. Einer der Männer bläst in eine Muschel und erzeugt einen durchdringenden Ton. Sie stellen sich um die Hockeyschläger auf, die am Boden liegen und dort zusammen mit dem Ball die Form einer Sonne bilden. Die Roten und die Blauen grüßen mit erhobener Faust in alle vier Himmelsrichtungen. „Wir bitten um Erlaubnis, dass wir das heilige Spielfeld betreten dürfen“, sagt Sánchez. Wenn die Erlaubnis erteilt ist, wird der Ball entzündet. Es ist ein Ball aus Colorín-Holz, einem lokalen Baum, der vielen indigenen Völkern heilig war. Er brennt lichterloh. Und dann, ja, dann wird die Partie gespielt.
Die Sportler:innen mit den roten und blauen Schärpen befinden sich an diesem frühen Abend in Morelia, der Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaates Michoacán, etwa vier Busstunden von Mexiko-Stadt entfernt. Morelia ist eine hübsche Stadt von rund einer halben Million Einwohner:innen, ihr koloniales Zentrum ist Unesco-Weltkulturerbe.
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Aber in dem kleinen Wald, weitab von den Kirchen und touristischen Boutiquen, geht es den Männern und Frauen um die Bewahrung eines anderen Erbes. Und es ist ein guter Zufall, dass dieser Wald nach Cuauhtémoc benannt ist, dem letzten Herrscher der Azteken. Denn Michoacán ist auch Kernland einer indigenen Sportart, die auszusterben droht. Und mithilfe der Fußball-WM ihren Weg in die Herzen vieler Mexikaner:innen finden soll.
Hockey, aber spirituell
Man kann das rund 3.500 Jahre alte autochthone Spiel Uárhukua Chanakua oder P'asarhutakua Ch'anakua, auf Spanisch Pelota Purépecha, sehr einfach erzählen: Es ist ein Sport von fünf gegen fünf Spieler:innen, Männer und Frauen können ihn gemeinsam oder getrennt betreiben. Die kunstvoll geschnitzten und verzierten Holzschläger erinnern an Hockey, und in der moderneren Variante mit zwei Halbzeiten à zehn Minuten geht es darum, mit dem Ball mehr Tore zu erzielen als die Gegner:innen.
So sehr ähnelt Uárhukua Chanakua dem heutigen Hockey, dass Francisco Manuel Sánchez es als einen Vorläufer bezeichnet. Aber es gibt da natürlich einen großen Unterschied: „Es geht nicht nur ums Gewinnen, es hat eine spirituelle Bedeutung.“ Und diese Bedeutung, bei der vor allem die Sonne im Zentrum steht, bringt etwas, was dem modernen Hockey fremd ist: Der Ball, mit dem gespielt wird, steht in Flammen.
Eine Schar von neugierigen Einheimischen hat sich in dem kleinen Wald versammelt, manche filmen mit ihren Handys. Denn es passiert nicht aller Tage, dass hier mit brennendem Ball gespielt wird. Die Spieler:innen, die hier trainieren, gehören zum Team Tukurhuecha P'ukutapu Anapu oder auf Spanisch Buhos del Bosque, die Waldeulen. Sie sind eines der Spitzenteams in Michoacán. Normalerweise trainieren sie hier ohne Feuer, den Ball entzündet man nur bei Spielen.
Für den Besuch aus Deutschland jedoch möchten sie das ganze Spektakel bieten. Und es gibt wohl wenige Sportarten mit solchem Adrenalingehalt. Die Spieler:innen passen wörtlich laufendes Feuer hin und her; wenn der Ball hochfliegt, rauscht er mit einem Zischen durch die Luft. Fliegt er aus dem Spiel, machen die Zuschauer:innen instinktiv einen Schritt rückwärts. Aber es könne nichts passieren, wird versichert, selbst wenn das Feuer die Spieler:innen kurz berührt.
Stolz, aber kein Cent vom Staat
Uárhukua Chanakua ist ein Spiel der indigenen Purépecha, deren Siedlungsschwerpunkt im heutigen Michoacán lag. Zur aktuellen Fußball-WM wirbt Mexiko unter dem Namen „Pelota“ (Deutsch: Ball) stark mit diesen Spielen. Man feiert eine angeblich dreitausend Jahre Fußballtradition – auch, wenn die autochthonen Ballsportarten mit Fußball hauptsächlich den Ball gemeinsam haben. Die Waldeulen nahmen gerade erst an einer großen WM-Prozession unter dem Titel „Pelota kehrt nach Hause zurück“ teil und hielten in Mexiko-Stadt eine Showpartie vor Tausenden von Menschen ab.
Sie sind stolz darauf, dass man an sie gedacht hat. Denn eigentlich promotet die Regierung viel lieber das indigene Spiel Ulama, bei dem ein Kautschukball mit der Hüfte gespielt wird, und das in Mexiko auch wegen vieler vorhandener historischer Plätze recht populär ist. Uárhukua Chanakua steht ein wenig im Schatten des größeren Bruders. Das Hockeyspiel mit dem Feuer ist spektakulär genug für Show-Matches, aber im Alltag dem Staat keinen Cent wert. Kleidung und Sportgeräte zahlen die Spieler:innen selbst. Hier in Morelia haben sie nicht mal ein Spielfeld. „Es gibt von der Regierung sehr wenig Unterstützung für unser Spiel“, klagt Francisco Manuel Sánchez.
Francisco Manuel Sánchez vom Team der Waldeulen
Sánchez gründete das Team 2005 als Student, eigentlich nur für Shows. Mittels solcher Folkloreevents haben die oft mündlich weitergegebenen indigenen Traditionen zunächst überlebt. „Früher habe ich Basketball und Fußball gespielt. Dann habe ich mich in diesen Sport verliebt. Es ist für uns auch ein besonderer Stolz.“ Bald schon, berichtet er, hätten die Teammitglieder jedoch mehr gewollt als Shows.
Sie begannen, hier im Wald zu trainieren, auf einem betonierten Wegstreifen, auf dem man oft umknickt oder den Ball versehentlich gegen Blumenkübel schießt. „Da kamen uns zwei Schleiereulen besuchen. Immer, wenn wir trainierten, waren zwei weiße Schleiereulen da.“ Und so war der Name Waldeulen geboren. Heute trainiert das Team dreimal pro Woche, fährt auf 10 bis 14 Turniere im Jahr und zu zwei nationalen Meisterschaften.
Immer professioneller
Diese Form der Organisation ist relativ neu. Was früher höchstens noch auf einzelnen Dörfern betrieben wurde, jeweils mit eigenen Regeln und Traditionen, ist heute standardisiert, etwa in Form der Nationalen Indigenen Spiele, bei denen eine staatliche Meisterschaft auch im Uárhukua Chanakua ausgetragen wird. Von den letzten fünf Nationalen Indigenen Spielen habe Michoacán bei den Männern viermal den Titel geholt, bei den Frauen dreimal, berichtet Sánchez stolz.
Dass die autochthonen Spiele jetzt ein organisierter Sport sind, geht auch auf Ana Claudia Collado zurück. Seit 2017 ist sie ehrenamtliche Präsidentin des nationalen Verbands für autochthonen Sport und Spiele, der 1997 gegründet wurde, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. „Damals spielten sie nur noch ältere Leute“, erinnert sie sich. Doch im letzten Jahrzehnt, sagt Collado, habe es ein bemerkenswertes Wachstum gegeben.
„Ganze Familien fingen an zu spielen, viele Kinder. Wir wollten die Traditionen auch an ein gemischtes und urbanes Publikum weitergeben, nicht nur an Indigene.“ Dafür sei es wichtig gewesen, Regelwerke niederzuschreiben und nationale Wettbewerbe einzuführen. Und ein Erfolgsrezept sei gewesen, dass sich einige Sportarten leicht auf städtische Fußballplätze adaptieren ließen. Dennoch sagt auch Ana Claudia Collado: „Es fehlt noch viel Infrastruktur, damit sie weiter wachsen können.“
Über 200 autochthone Spiele und Sportarten gebe es in Mexiko, so die Präsidentin. Die berühmteste davon ist zweifellos Ulama. Collado selbst betrieb Uárhukua Chanakua, den Hockeysport der Waldeulen, und gründete ein Frauenteam. Indigene ist sie nicht. Eines Tages habe ein Freund sie zu einer Showpartie in Mexiko-Stadt eingeladen. Sie studierte damals die indigene Sprache Náhuatl, sie habe immer eine Neigung für das Thema gehabt. „Und dann sah ich dieses spektakuläre Spiel mit dem brennenden Ball. Ich habe mich sofort verliebt.“ Das war vor 25 Jahren.
Von Frauen gespielt und weitergegeben
Die lebhafte Ana Claudia Collado steht für den kleinen Boom der Spiele jenseits der dörflichen Gemeinden. Aber auch für problematischere Aspekte. Autochthone Sportarten werden hier in Mexiko von einer Person vertreten, die gar keine Indigene ist. „Bei uns gibt es diese Diskussion nicht“, behauptet Collado. Sie sagt: „Die Organisation hat keine indigene Ausrichtung, es handelt sich um einen nationalen Sportverband. Wir legen, anders als in anderen Weltregionen, großen Wert auf einen multikulturellen autochthonen Sport. Nur noch die Tradition ist indigen.“
Diese Entwicklung birgt die Gefahr von kultureller Aneignung. Sehen die indigenen Gemeinden dabei nur noch zu? Collado betont, sie würden zwingend eingebunden. Aber zugleich habe die Offenheit dazu beigetragen, dass der Sport anschlussfähig wird. Und so erst inklusiv. Die Präsidentin schätzt, dass immerhin rund 5.000 Mexikaner:innen einen autochthonen Sport betrieben, von 133 Millionen Einwohner:innen. Bei Gründung des Verbands seien es etwa 100 gewesen. „Viele Jugendliche heute sehen die Spiele als Teil ihres mexikanischen Erbes, unabhängig davon, ob sie indigen sind.“
Und rund 30 Prozent seien heute Frauen. „Wir sind noch nicht bei dem Anteil, bei dem wir sein wollen, aber die Erzählung hat sich in den letzten Jahren massiv geändert. Früher kam es oft vor, dass Frauen die Teilnahme verboten wurde. Und wenn eine Frau teilnahm, dann nur, weil sie die Tochter eines Spielers war.“ Heute gebe es immer mehr Frauenteams. Auch von Müttern, die ihre Kinder zum Training brächten und dann selbst auf die Idee kämen, ein Team zu gründen. „Es ist eine schöne Kontinuität, denn auch in den indigenen Gemeinden waren es die Frauen, die die Traditionen bewahrt haben. Und Archäolog:innen haben mittlerweile herausgefunden, dass Frauen früher auch spielten.“ Eine Tradition, die nun wiederbelebt wird.
Ana Claudia Collado hofft auf einen weiteren Durchbruch der autochthonen Sportarten rund um die WM. „Die WM ist ein wichtiges Schaufenster“, glaubt sie. „Wir haben durch die Präsidentin Anerkennung bekommen, wir spielen viele Showpartien und die ganze Welt interessiert sich plötzlich für autochthone Sportarten in Mexiko. Es kann wie ein Funke für uns werden, aus dem ein Feuer entsteht.“
Allerdings gibt es da auch ein Limit. „Diese Sportarten sind nicht kommerzialisierbar. Viele der Sportgeräte werden per Hand hergestellt, man kann sie nirgendwo kaufen.“ Und wäre eine Professionalisierung im Sinne des Höher-schneller-weiter nicht auch der Ausverkauf der spirituellen Tradition? „Es ist ein schmaler Grat“, räumt die Präsidentin ein. „Wettkampfsport und traditioneller Sport haben verschiedene Strukturen.“
Vorsicht, Folklorefalle
Zugleich seien die Anerkennung als Sportverband und staatliche Gelder wichtig, um nachhaltig arbeiten zu können. Dank der Gelder gibt es Festangestellte. Der Verband hat auch begonnen, sich stärker international zu vernetzen, etwa als Teil der World Ethnosport Union. Dass indigene Sportarten in vielen Ländern wieder wachsen und nicht nur in Mexiko, ist durchaus solchen internationalen Bewegungen zu verdanken.
Ana Claudia Collado, Sportfunktionärin
Im vergangenen Jahr etwa, erzählt Ana Claudia Collado, seien Indigene aus Alaska, Grönland und Kanada zum Austausch gekommen. „Wir haben auf globaler Ebene an Einfluss gewonnen. Andere Länder haben uns schon um Unterstützung gebeten, damit autochthone Sportarten auch bei ihnen wachsen.“ Collado sitzt im Exekutivkomitee der World Ethnosport Union. 67 Länder seien in der Organisation vertreten. „Es geht darum, indigenen Sport medial zu präsentieren, ohne dass sein Herzstück, die Tradition in den Gemeinden, verloren geht.“
Es ist der schmale Grat, von dem Collado sprach. „Das Risiko ist, in die Folklorefalle zu tappen.“ Ist es nicht Folklorefalle, wenn Indigene im Kostüm für die Fifa eine Showpartie spielen? Ana Claudia Collado sieht das anders. Man ändere für diese Partien nichts am Regelwerk. Sie sieht sie eher als Bühne. Entscheidend sei, „die Sportarten zu modernisieren, sie zugänglich zu machen, ohne ihre Essenz zu verlieren.“
Es ist der Drahtseilakt, an dem sich auch die Tukurhuecha P'ukutapu Anapu, die Waldeulen, versuchen. Denn die kulturelle Komponente ist wichtig hier. Viele der Spieler:innen sprechen die indigene Sprache Purépecha nicht mehr. Francisco Manuel Sánchez hat sich dank der Spiele ein wenig davon beigebracht. In Morelia, berichtet er, seien Sprache und Spiele vielen verloren gegangen. In lokalen Gemeinden hätten die Spiele überlebt, weil sie mit christlicher Religion verknüpft worden seien – so hätten die Kolonisatoren sie nicht verbieten können.
Warten auf einen besseren Platz
Die Waldeulen wollen die Traditionen wieder stärken. Man gehe an Schulen, sagt Sánchez, um den Sport zu popularisieren, und unterstütze andere Gemeinden bei der Gründung von Teams; auch indigene Brettspiele beleben sie wieder. Heute gebe es allein in Morelia wieder fünf Teams für Uárhukua Chanakua, im gesamten Bundesstaat Michoacán schätzt er die Anzahl auf 80 Teams.
Für viele ist es mehr als ein Sport. Cuitlahuac ist seit 2021 Teil der Waldeulen. Seine Familie sei auf beiden Seiten Purépecha, sagt er. „Abgesehen davon, dass ich hier eine geniale Zeit verbringe, hat es für mich eine besondere Bedeutung. Ich spüre hier etwas Spirituelles, etwas Transzendentales. Es ist wie ein Ritual.“ Er spreche ein wenig Purépecha und sein Hörverstehen sei recht gut. Cuitlahuac findet die Komponente mit dem Kampf zwischen Sonne und Mond mindestens genauso wichtig wie den Sport. Er findet hier zu seinen Wurzeln.
Andere Teammitglieder finden anderes für sich. Wie Ximena, die anfangs die einzige Frau beim Training ist. Sie ist ähnlich lange dabei wie Cuitlahuac. Ihr Onkel spiele im Team, daher sei sie dazugestoßen. Es bleibt ein familiärer Sport, im sehr altersgemischten Team sind viele verwandt. „Mir gefällt, dass hier alle so gechillt sind. Es ist ein gesunder Sport und er entspannt mich. Wenn wir aufs Spielfeld gehen, fällt aller Druck der Woche von mir ab.“
Und dann ist da noch Luca, der Sohn von Francisco Manuel Sánchez. „Ich verbringe mein ganzes Leben schon in diesem Team“, erzählt er. Er möge die Brettspiele lieber als den Sport, aber er mache ein bisschen von Beidem. „Es ist Purépecha-Kultur von hier vor Ort und das hat mich immer sehr interessiert. Ich habe oft mit einem älteren Herrn gespielt, leider ist er schon lange verstorben. Wir spielten nicht, um zu gewinnen, sondern nur um des Spiels willen.“
Vielleicht sind die autochthonen Spiele genau deshalb so inklusiv, weil sie in Mexiko nicht als Abgrenzung verstanden werden, sondern als nationales Kulturerbe. Es gebe Leute, so Francisco Manuel Sánchez, die sagten: „Ich habe noch einen Schläger von meinem Großvater.“ Und dann wollten sie auch spielen. Den ewigen Kampf von Licht und Dunkelheit, die Sonne gegen den Mond. Teil von etwas sein, das mehr ist als nur Hockey mit einem brennenden Ball. Und vielleicht irgendwann, hofft Sánchez, auch mal auf einem richtigen Platz. „Wir warten schon viel zu lange darauf.“
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