Liebe zu Lateinamerika: Das ist nicht nur eine Phase
Früher war Lateinamerika für unsere Autorin ein exotisierter Sehnsuchtsort. Jetzt kehrt sie zurück und erkennt viel Vertrautes. Zeit für einen Neustart.
E s ist ein seltsames Gefühl, nach Hause zu kommen an einen Ort, an dem man nie war. Mein Flug landet spät in Chiapas, Mexiko, ich habe rund 20 Stunden Reise hinter mir. Ich bin für die Fußball-WM der Männer da, ein bisschen nervös angesichts von fast zwei Monaten mit sehr viel Recherchearbeit. Und doch, es fühlt sich vage vertraut an.
Ein Fahrer der Unterkunft holt mich ab, wir reden die ganze Fahrt über Fußball und das Leben. „Du wirst Chiapas lieben und wiederkommen“, sagt er. Und ich ignoriere, dass das ein Taxifahrersatz ist, den er vielleicht jedem sagt. Wir kommen an einer Kirmes vorbei. Ich sage, dass ich Kirmes sehr liebe. Er nickt enthusiastisch: „Wollen wir hingehen?“ Ich muss lachen. Ich bin todmüde, also nein, aber mit dem Taxifahrer spontan um Mitternacht aufs Riesenrad gehen, das ist eines dieser Dinge, die in Deutschland undenkbar wären. Ein Lateinamerikading. Fremd und vertraut.
In meinen Zwanzigern war ich viel in Lateinamerika unterwegs. Ich war privilegiert genug, um als Studentin reisen zu können, und die Frage war nur: Wohin in Lateinamerika? Es war in meinem Milieu der mit Abstand populärste Kontinent, viele Mitstudent:innen hatten Profilbilder mit irgendwelchen Kindern in Peru. Und viele hatten lateinamerikanische Boyfriends, was manchmal sogar hielt, aber meist bloß Abenteuer war.
Lateinamerika war exotischer und erotischer Sehnsuchtsort. Natürlich war das neokolonial. Und was für eine absurde Annahme, einen ganzen Kontinent mit seinen Sprachen und Traditionen als einen Ort zu betrachten. Irgendwann war ich damit durch. Ich war müde von Hostels und Partys und der Crowd mit Dreadlocks und Yogapants. Südamerika, dachte ich, war eben eine Phase. Aber so einfach ist es nicht. Man kann einer Liebe entwachsen, aber was tut man, wenn sie wieder vor einem steht?
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
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Ich wohne in Tuxtla Gutiérrez, einer Stadt mit einer so uncharmanten Mischung aus Fast-Food-Läden und Neubauten, wie ich es nur von lateinamerikanischen Hauptstädten kenne. Und Erinnerungen kommen hoch. Ich reise nach San Cristóbal de las Casas, pittoresk und touristisch mit bunten Häusern, indigener Kultur und Straßenmärkten voller schreiender Händler:innen. Wieder ist vieles vertraut. Ich trinke Horchata, eine Art Reismilch, esse Reis mit Bohnen, höre den weichen Akzent.
Chiapas ist etwas Neues und Eigenes, aber auch ein Flickenteppich aus Erinnerungen. Und ich schätze, ich werde noch mal wiederkommen. Der Taxifahrer und ich schreiben uns bis heute. Damals hatte ich keine lokalen Freund:innen, es interessierte mich nicht. Was, wenn man die Chance bekommt, mit einer alten Liebe besser umzugehen?
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