Analyse zum WM-Aus des DFB-Teams: Zurück in die Zukunft

Nach dem erneuten WM-Vorrundenaus bräuchte das DFB-Team wieder einen Neuanfang. Zu befürchten ist aber eine Niederlagenaufarbeitungskommission.

Verteidiger Antonio Rüdiger sitzt auf dem Fußballfeld und schlägt entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen

Entsetzt: DFB-Spieler Antonio Rüdiger nach dem Spielende und WM-Aus Foto: Christian Charisius/dpa

Manchmal entwickelt der Fußball eine infernalische Kraft. Er schleift Gewissheiten, scheint die alte Welt aus den Angeln zu heben und eine neue Ordnung zu schaffen, von der keiner wusste, dass sie in dieser Form existiert. Auch Bundestrainer Hansi Flick war diese Parallelwelt nur aus Erzählungen bekannt, bis er vom großen Scharfrichter Fußball bitter lernen musste, dass Deutschland keine Turniermannschaft mehr ist und auch kein Team, das automatisch in die K.-o.-Runde einer WM einzieht. Warum? Weil es eben so ist.

Der Automatismus ist nun schon zum zweiten Mal gebrochen. Deutschland hat sein letztes Gruppenspiel gegen Costa Rica gewonnen, aber es reicht nicht zum Weiterkommen.

Wo das DFB-Team sein Refugium hatte, da tummeln sich jetzt Teams aus Japan und Marokko. „Diversity wins“ – so gesehen. Der Slogan steht am Flieger der DFB-Truppe. Er war anders gedacht und erweist sich nun als Bekenntniskitsch. Wie so vieles in den vergangenen zwei, drei Wochen.

Der Fußball scheint die allzu Selbstsicheren auf den Boden der Tatsachen zu führen: lustvoll, höchst unterhaltsam und für die Betroffenen mit einer großen Gnadenlosigkeit. Fast könnte man denken, hier seien unsichtbare Lehrmeister einer moralischen Anstalt am Werke, die jene mit hypertrophem Selbstbewusstsein oder allzu schiefem Selbstbild in die Wirklichkeit des Sports zurückholen, wo dann Bilder entstehen vom Elend der Nationalspieler: konsterniert auf dem Feld, gelähmt auf der Bank, manche mit Tränen in den Augen. Erstarrte Salzsäulen der Fassungslosigkeit.

Gewogen und für zu leicht befunden

Der Kontrast ist riesig: Eben noch auf den WM-Pokal schielend, nun Prüflinge, gewogen und für zu leicht befunden. Das Hyänenrudel der Experten fletscht die Zähne. Die Presse, eben noch bereit, die größte Nebensächlichkeit aus dem Lager der Deutschen als wichtige Nachricht unters Volk zu bringen, schwenkt um in den Modus der Verurteilung.

Enttäuschte deutsche Nationalspieler auf der Ersatzbank

Häufchen Elend: die deutschen Nationalspieler sind nach dem WM-Aus sichtlich angefasst Foto: Federico Gambarini/dpa

Es ist nicht so, dass die Berufsopportunisten lange suchen müssten. Sie werden schnell fündig. Dass es sich beim nun multiplen Scheitern der Deutschen um Zufall, Pech gar, handeln könnte, fällt aus. Das Versagen ist systemisch, so viel steht fest. Es hat eine innere Logik, deren Formeln aber durchaus kompliziert sind.

Man muss ein bisschen ausholen, zurückgehen ins Jahr 2006, als nicht nur die Welt, sondern auch die Nationalmannschaft eine andere war. Der deutsche Fußball hatte gerade die größte Transformation seiner Geschichte hinter sich. Die Kicker konnten plötzlich Tiki-Taka und sie konnten kreativ sein, jedenfalls häufiger als früher.

Geburt der „Internationalmannschaft“

Die Nationalmannschaft wurde zum Labor für Veränderung, durchaus in Abgrenzung und Opposition zum verkrusteten DFB in Frankfurt am Main. Die Nati-Crew, Hansi Flick war damals schon dabei, entwickelte einen Korpsgeist, der inspirierend wirkte, frisch und modern. Sie bot eine Identifizierungsplattform. Fans konnten mit denen etwas anfangen, sie erzählten sich Sommermärchen.

Die Truppe zeigte damals schon Anzeichen von Hybris, allen voran Vermarktungsoffizier Oliver Bierhoff, der sich nicht entblödete, als Markenbotschafter der Schweizer Uhrenmarke IWC die Nationalspieler zu einem Workshop in eben jene Firma zu schleifen, was viel über sein Verständnis von Führung sagte.

Aber das ging unter. Das Image der Macher dominierte. Bundestrainer Jogi Löw und sein Assistent Flick wirkten sympathisch, unprätentiös. Sie erklärten ihren Fußball ruhig und geduldig. Deutschland hörte ihnen zu. Und es ging ja auch wirklich voran. Nach der Überraschungs-WM 2006 überzeugte die Nationalmannschaft in Südafrika vor allem spielerisch. Von der „Internationalmannschaft“ wurde geschrieben, von der Unbeschwertheit der „jungen Wilden“.

Alles schien möglich. Und tatsächlich: Der WM-Titel folgte vier Jahre später. Das Team konnte vor Kraft und innerer Überzeugung kaum laufen. Demütigte die Gastgeber. „So geh’n die Gauchos“, sangen sie auf der Berliner Fanmeile, aufgepumpt vom Erfolg – und weniger tugendhaft als heute.

In solchen Momenten denkt man, es könnte ewig so weitergehen. Man hat ja bewiesen, dass das Modell erfolgreich war. Warum etwas verändern? Die Nati-Crew aber hatte sich zu Tode gesiegt. Sie hatte mittlerweile ja auch den DFB erobert. Was sollte jetzt noch kommen? Die Uefa, die Fifa? Hansi Flick wurde Sportdirektor im DFB, Oliver Bierhoff DFB-Direktor mit großen Kompetenzen. Sie hatten den Laden übernommen oder zumindest nach ihren Interessen ausgerichtet.

Bierhoff etablierte 2015 die Marke „Die Mannschaft“, aber die Mannschaft, angeblich Solitär im deutschen Teamsport, wuppte ab da nichts mehr. Ein Prozess der Entfremdung setzte ein. Die Fans distanzierten sich zunehmend; in Doha blieben sie blass, zersplittert, leise. Die Mannschaft wurde zum Scheinriesen, zur Markenhülle. Löw blieb so lange auf seinem Posten kleben, bis es peinlich wurde. Erst das Aus bei der WM in Russland belehrte ihn eines Besseren.

Saturiertheit der allzu Erfolgreichen

Und Flick? Hat als Bundestrainer seine Leichtigkeit verloren. Er ist vom Fußballerklärer zum Funktionär geworden. Die Saturiertheit der allzu Erfolgreichen hat auch ihn eingeholt. Bei den klimatischen Bedingungen im DFB ist das kein Wunder. Am Stadtwald in Frankfurt, dem Sitz des DFB, sind noch ganz andere gescheitert: zuletzt der Freiburger Fritz Keller als Präsident, dabei schien er doch wie gemacht für den Posten. Der Verband klammerte sich in seiner Hilf- und Richtungslosigkeit zunehmend ans Nationalteam, und als aus dem auch ein unsicherer Kantonist zu werden drohte, verkumpelte sich der Verband mit dem Juste Milieu.

Dafür ist nun der ehemalige SPD-Lokalpolitiker Bernd Neuendorf, der neue Präsident, zuständig, der sich in Opposition zur Fifa und zu Katar sieht. Eingeigelt ins Luxusresort im Norden Katars, über 120 Kilometer von Doha entfernt, erschien das Lager der Deutschen als das Epizentrum des ethisch vollendeten Fußballsports. So angemessen die Anliegen der Deutschen gewesen sein mögen, die Politisierung war der Leistung offensichtlich abträglich.

Auch diese Lehre hätten sie aus der Katastrophen-WM in Russland ziehen können. Seinerzeit waberten die Diskussionen ums „Deutschsein“ von Mesut Özil durch die Mannschaft und die Öffentlichkeit, jetzt galt es, dem katarischen Gesellschaftsmodell den Stempel der Rückständigkeit zu verpassen – mit moralinsaurer Symbolpolitik, der One-Love-Binde und der Mund-zu-Geste.

Entrückt in einer schönen heilen Welt

Wie entrückt der DFB-Tross in seiner schönen, bis Donnerstag noch heilen Welt lebte, illustriert eine Szene, die vorm Spiel gegen Spanien datiert: Da erschien Bundestrainer Hansi Flick vor den Medien im Pressezentrum. Allein. Normalerweise hätte er in Begleitung eines Spielers auf dem Podium sitzen müssen, aber diese lange Fahrt sei seinen Schützlingen nicht zuzumuten, „vor so einem wichtigen Spiel“. Und außerdem könnte doch die versammelte Weltpresse zu den Deutschen kommen; man habe ein schönes Medienzentrum im Norden Katars eingerichtet. Die Fifa sanktionierte den selbstherrlichen DFB mit 10.000 Euro.

So geht es für die deutsche Nationalmannschaft zurück in die Zukunft, vielleicht sogar ins Jahr 2000, dem letzten großen Tiefpunkt. Unter Erich Ribbeck vergeigte der DFB-Tross die Europameisterschaft, verlor gegen Portugal und England, konnte jahrelang nicht gegen „die Großen“ gewinnen. Dann reagierte man. Mit Nachwuchszentren, professioneller Trainerarbeit, mit Risikokapital. Vor so einem Umbruch scheint der deutsche Fußball nun wieder zu stehen. Bundestrainer Flick, der wohl die längste Zeit Bundestrainer gewesen sein dürfte, bemängelte nach dem spektakulären Aus die Qualität der deutschen Defensivkräfte.

Es gebe zu wenig gute Abwehrspieler in Deutschland. Und die wenigen guten, so ließe sich ergänzen, machen zum Teil haarsträubende Fehler. Beim 4:2 gegen Costa Rica patzte sogar der hoch gelobte Antonio Rüdiger. Auch Nico Schlotterbeck, Niklas Süle und David Raum standen bisweilen neben sich. Flick fand nie seine Stammabwehr, testete und rotierte. Weiter vorn setzte er auf einen kompakten Bayern-Block, weil ihm das als ehemaligem Bayern-Coach irgendwie logisch erschien. Wenig fruchtete, Chancen wurden im Dutzend vergeben. Siechtum auf hohem Niveau.

Es braucht, nun ja, einen Neuanfang. Die Alten, Bierhoff, Flick und Co, mehr oder weniger seit 16 Jahren im Amt, müssen den Laden übergeben an Fußballfachleute, die nicht nur mit der Verwaltung alter Erfolge beschäftigt sind. Der Marsch der 2006er-Crew durch die Institutionen ist zu Ende.

Das Nationalteam muss in einen Prozess der Revitalisierung gehen. Das ist schwierig in einem Umfeld von Inflation und Irritation, klar. Es bräuchte dennoch so etwas wie einen Anarcho-Trupp, der den DFB aufmischt, unangepasst und mutig. Aber wir ahnen schon, was kommt: die Niederlagenaufarbeitungskommission, die NAK. Und die Besserer-Fußball-Task-Force, die BFTF – unter Einbindung von Politik, Kirche und NGOs.

Und könnte Bundeskanzler Olaf Scholz nicht mit einem Triple-Wumms helfen?

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