Aktivistin über EU-Agrarministertreffen: „Wir sind unschuldig am Höfesterben“
Am Sonntag wollen Umweltschützer beim Treffen der EU-Landwirtschaftsminister demonstrieren. Ihnen geht es um eine Agrarwende, sagt die Organisatorin Saskia Richartz.
taz: Frau Richartz, Ihr „Wir haben es satt“-Bündnis demonstriert am Sonntag anlässlich der EU-Agrarministerkonferenz in Koblenz. Warum?
Saskia Richartz: Wir demonstrieren für eine nachhaltige und sozial gerechte Landwirtschaft, weil die Minister sich treffen, um die EU-Agrarreform zu diskutieren. Wir fordern eine Umverteilung dieser künftig jährlich 55 Milliarden Euro Subventionen.
Worin soll das Geld fließen?
Wir müssen weg von Flächensubventionen, die per Gießkannensystem einfach auf die Hektare verteilt werden. Stattdessen sollte die EU in den Umwelt-, Natur- und Klimaschutz sowie durchaus auch in gute Arbeitsplätze in der Landwirtschaft und den Erhalt von Bauernhöfen investieren. Auch Covid 19 hat gezeigt, dass wir für unsere Ernährungssouveränität gerade diese bäuerliche Landwirtschaft brauchen, die vielfältige Produkte regional erzeugt.
In Koblenz wird auch die Bewegung „Land schafft Verbindung“ (LsV) protestieren. Sie macht Leute wie Sie, die strengere Umwelt- und Tierschutzauflagen fordern, für das Höfesterben verantwortlich. Zu recht?
Nein. Ich kann verstehen, dass es nicht leicht ist, diesen Anforderungen auf den Höfen gerecht zu werden. Aber das liegt an der Politik, die die Höfe nicht dabei unterstützt, zu investieren, um diese Anforderungen zu erfüllen. Stattdessen haben die Spitzen des Bauernverbands, Agrarministerin Julia Klöckner und ihre Amtsvorgänger von der Union dieses schrecklich „Wachse oder weiche“-Dogma gefördert: Also, wenn du bei der Billigproduktion nicht mithältst und nicht mehr Land besitzt, dann musst du halt vom Acker. Daran sind nicht wir oder der Umwelt- und Naturschutz schuld.
Werden Sie in Koblenz mit Land schafft Verbindung reden?
Wir haben LsV ein Gespräch angeboten, aber noch keine Antwort erhalten. Wir fordern aber auch, dass sich jede Initiative, die sich mit uns an einen Tisch setzt, klar gegen Rechts abgrenzt. Da muss LsV als relativ junge Bewegung noch nachjustieren.
Warum?
Weil sie sehr wohl Mitläufer aus dem rechtsextremen Bereich hat. Es kann natürlich immer passieren, dass bei Demos solche Leute dabei sind. Aber dann muss man sich davon ganz klar distanzieren. Auch innerhalb der Bewegung ist ja die Position nicht immer ganz klar. Manche LsV-Anhänger haben zum Beispiel das Symbol der Landvolk-Bewegung genutzt, die in den 1920er Jahren Anschläge verübte und von der die NSDAP profitierte.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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