Aktivist über Rodungen für Schokofabrik: „Ökozid ist Ökoterrorismus“
In Halle (Westfalen) will Storck einen Wald für eine Fabrikerweiterung roden. Aktivist:innen haben die Bäume besetzt und einen Teilsieg errungen.
In Halle in Westfalen wird gegen die Schokoladenfirma Storck protestiert. Warum?
Mit etwa drei Milliarden Euro Umsatz ist Storck schon heute einer der weltweit größten Süßwarenproduzenten. Jetzt soll das Werk erweitert und dazu ein Bach verlegt werden. Dafür sollen 200 Jahre alte, gesunde Bäume gefällt und anschließend noch einmal 7 Hektar Wald vernichtet werden. Als Klimabewegung haben Gruppen wie Extinction Rebellion und Ende Gelände den Wald deshalb besetzt – unterstützt von Fridays for Future.
Warum ist dieses Stück Wald so wichtig?
Der Klimawandel, die Trockenheit lässt Bäume weltweit sterben. Hier in Ostwestfalen ist der Gebirgszug des Teutoburger Walds bald nackt – das ist von Halle mit bloßem Auge zu sehen. Bundesweit haben wir bereits 280.000 Hektar Wald verloren – das muss selbst SPD-Bundesumweltministerin Svenja Schulze einräumen. Deshalb können wir nicht hinnehmen, dass gesunde Bäume abgeholzt werden, um die Diabetesdichte in Deutschland zu erhöhen. Hier geht es um die Zukunft und die Gesundheit unserer Kinder: Die dürfen nicht den Interessen von Großindustriellen und Lokalpolitikern geopfert werden.
Storck und die Stadt Halle, denen jeweils ein Teil des Walds gehört, haben am Donnerstag verkündet, zunächst auf eine gewaltsame Räumung durch die Polizei verzichten zu wollen. Ist das nicht ein Riesen-Erfolg für die Besetzer:innen?
Wir sind kurzfristig erleichtert – aber nicht so dumm zu glauben, dass der Wald damit langfristig gerettet ist. Die Räumung wurde verschoben, nicht die Rodung. Wir werden deshalb vor Ort bleiben und genau beobachten, was passiert – nicht nur in Halle, sondern überall in Deutschland. Der erst am Mittwoch veröffentlichte Waldzustandsbericht der Bundesregierung sagt ganz klar: So schlecht wie heute ging es der Natur noch nie. Die Klimakatastrophe verhandelt nicht mit uns. Deshalb wird die Klimabewegung immer stärker, deshalb werden immer öfter Wälder besetzt – denn Politik und Industrie ignorieren die Wissenschaft.
Storck hat aber Ausgleich versprochen und will an anderer Stelle neue Bäume pflanzen.
Das funktioniert nicht. Denn in wenigen Jahren sind viele dieser Bäume vertrocknet. Als Ausgleich gezählt werden sie trotzdem. In Wahrheit geht es also um Kahlschlag ohne Ersatz. Außerdem: Ausgewachsene Buchen, wie sie hier in Halle gefällt werden sollen, haben bis zu 600.000 Blätter. Ein neu gepflanzter Baum hat zwischen 20 bis 80. Bis der also so viel Kohlendioxid aus der Atmosphäre zieht wie ein alter, vergehen viele Jahrzehnte. Dann ist die massive Erderwärmung mit ihren ungezählten Hitzetoten schon längst Realität.
In Ostwestfalen wird bereits davor gewarnt, dass die Waldbesetzung das Risiko linksextremer Gewalt berge. Sind Sie ein Öko-Terrorist?
Ich bin Arzt im Ruhestand, komme aus einem gutbürgerlichen Spektrum. Ökozid, also die Vernichtung der Umwelt, ist Ökoterrorismus – und nicht der gewaltfreie Schutz der Natur. Hier vor Ort kenne ich fast alle Aktivist:innen. Von denen ist niemand gewalttätig. Gewaltfreiheit gehört zum Aktionskonsens. Wir sind friedlich – und wurden selbst als „Öko-Wichser“ beleidigt und angegriffen: Unbekannte haben in der Nacht einen Baum abgeholzt – und der hätte durchaus Waldbesetzer:innen treffen können. Trotzdem ermittelt die Polizei nur wegen Sachbeschädigung.
Aber Sie hoffen trotzdem, den Wald vor Storck retten zu können?
Wir machen uns keine Illusionen: Das ist ein Kampf von David gegen Goliath. Noch wichtiger als die Rettung des Walds ist, dass wir immer mehr Menschen bewegen. Hier vor Ort wird die Unterstützung durch die Anwohner:innen immer größer, weil sie sehen, wofür wir stehen: Für unsere Zukunft, für die Zukunft unserer Kinder, für alle Lebewesen. Wir sind alle Teil der Natur.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert