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AfD und Beamte Widerstand oder Ruhestand

Benno Stieber

Kommentar von

Benno Stieber

Sollte die AfD in Sachsen-Anhalt tatsächlich regieren, kommt es auch auf die Beamten an. Sie können den AfD-Anweisungen widersprechen. Tun sie es auch?

N och ist die erste AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt nicht im Amt. Aber schon weist die Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) darauf hin, dass Beamte in der Pflicht zum Widerspruch sind, wenn eine AfD-geführte Landesregierung sie anweisen sollte, gegen geltendes Recht zu verstoßen: Wenn Beamten rechtswidrige Weisungen von Mitgliedern der AfD-Regierung erteilt würden, müssen sie Bedenken klar äußern. Beispielsweise wenn sie Anweisungen bekommen, Einbürgerungsanträge nicht mehr zu bearbeiten oder keine gleichgeschlechtlichen Ehen mehr zu schließen.

Immerhin gibt es unter beamteten Wählern in Sachsen-Anhalt mehr Vorbehalte gegen die AfD als anderswo. So waren Beamte bei der Landtagswahl am 6. September jene Berufsgruppe mit dem geringsten Anteil an AfD-Wählern. Nur 38 Prozent von ihnen wählten die rechtsextreme Partei. Und vor der Landtagswahl forderten in dem ostdeutschen Bundesland 50 Richter und 7 Staatsanwälte ein AfD-Verbotsverfahren.

Trotzdem werden Beamte in Ministerien, Rathäusern und Behörden nicht gerade darauf geeicht, ihren Vorgesetzten zu widersprechen. Im Gegenteil sollen sie in preußischer Tradition dafür sorgen, dass der Staat funktioniert. So postulierte ein CSU-Innenminister in Bayern vor vielen Jahren, dass Beamte nicht den ganzen Tag mit dem Grundgesetz unterm Arm herumlaufen könnten. Gemeint waren jene Männer und Frauen vom Landesamt für Verfassungsschutz.

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Doch Widerspruch ist Pflicht. Laut Gesetz müssen sie dienstliche Handlungen auf ihre Rechtmäßigkeit prüfen und rechtliche Bedenken den direkten Vorgesetzten formulieren. Im Beamtenrecht heißt das Remonstration. Sieht der Vorgesetzte die Anweisung als gerechtfertigt an und räumt die Bedenken also nicht aus, muss sich der Beamte an den nächsthöchsten Vorgesetzten wenden. Ist der ebenfalls der Meinung, die Anweisung sei richtig, muss der tapfere Beamte die Anweisung ausführen. Seinen Widerspruch kann er aber in der Akte vermerken.

Wirksamer als Remonstration könnte für Exekutivbeamte das Whistleblowing sein, das seit 2023 mit dem neuen Hinweisgeberschutzgesetz unterstützt wird. Mussten Beamte früher mit Beschwerden über rechtswidrige Behördenvorgänge streng den Dienstweg einhalten, könnten sich Beamte im vom Hubig skizzierten Fall heute an die Zentrale Meldestelle⁠ des Bundes wenden.

Wetten, die Demokratie gewinnt? ​

Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz berichtet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie hier.

Der Weg direkt an die Öffentlichkeit, etwa die Presse, ist dagegen mit Unsicherheiten verbunden. So müssen Beamte zuvor die Meldestellen erfolglos kontaktiert haben. Zudem müssen geleakte Verstöße eine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben von Personen betreffen. Wird dies später in einem Disziplinarverfahren anders beurteilt, müssen Whistleblower mit harten Konsequenzen rechnen.

Immerhin gibt es unter beamteten Wählern in Sachsen-Anhalt mehr Vorbehalte gegen die AfD als anderswo

Gerade für Nichtjuristen im Staatsdienst ist es oft schwer, das richtig einzuschätzen. Der Rechtswissenschaftler Christian Thönnes am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht in Freiburg schlägt deshalb eine unabhängige Clearingstelle vor, die Beamten auf Anfrage eine rechtliche Einschätzung gibt. Insgesamt sieht Thönnes Beamte als wichtige Akteure einer wehrhaften Demokratie.

Das sieht der ehemalige Vizegewerkschaftschef der Polizei Sven Hüber ähnlich: „Eine AfD-Machtergreifung entbindet keinen Beamten von seinem Eid auf den Schutz der Verfassung, im Gegenteil.“ Er deutete ein Szenario an, in dem Polizeibeamte womöglich gegen eine Landesregierung vorgehen müssten. Die AfD und ihr Umfeld nahmen das als Kampfansage, erhoben daraufhin schwere Vorwürfe aus seiner Zeit als DDR-Grenzpolizist, worauf Hüber zurücktrat. Beamte, die sich widersetzen, müssen – wie der Fall Hüber zeigt – mit Einschüchterung rechnen.

Personaltausch als bewährte Methode von Autokraten

Druck erzeugt Anpassung. Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, drohte schon im Wahlkampf damit, bis zu 200 Beamte im Regierungsapparat auszutauschen – weit mehr als die Schicht politischer Beamter, die bei einem Regierungswechsel üblicherweise durch eigene Leute ersetzt werden. Man kann das als Einschüchterung verstehen. Trotz seiner „Versicherung“, niemand müsse sich Sorgen machen: „Wir reichen jedem die Hand, egal welcher politischen Couleur. Außer wenn versucht wird, unsere Arbeit aktiv zu blockieren. Dann greifen sicherlich verwaltungsrechtliche Maßnahmen.“

Personalaustausch ist eine bewährte Methode autoritärer Regime, ihre Macht im Apparat zu festigen. Die Politikwissenschaftler Christian Gläßel und Adam Scharpf haben in ihrem Buch „Making a Career in Dictatorship“ ⁠herausgearbeitet, dass es als Ersatz für widerborstige Verwaltungskräfte keine große Zahl von überzeugten Parteianhängern braucht. Regelmäßig erweisen sich jene im Verwaltungsapparat als besonders geschmeidig, die unter der alten Führung – etwa wegen mangelhafter Qualifikation – bisher keine Karriere gemacht haben.

Man sollte die Widerstandsbereitschaft von Staatsdienern also nicht über- und ihre Anpassungsfähigkeit nicht unterschätzen. Das zeigen ebenso Untersuchungen in Israel.⁠ Beschäftigte der öffentlichen Verwaltung, die mit der Schwächung der Justiz durch die Regierung Benjamin Netanjahus nicht einverstanden waren, gingen nicht in den Widerstand. Sie gingen in die innere Emigration oder in den Ruhestand.

Transparenzhinweis: Dieser Text ist im Rahmen eines Stipendiumsaufenthalts beim Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität Sicherheit und Recht entstanden.

Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Benno Stieber

Benno Stieber taz-Korrespondent BaWü

Benno Stieber ist seit 2015 Landeskorrespondent der taz in Baden-Württemberg. In Freiburg als Österreicher geboren, lebt er heute als eingefleischter Freiberufler wieder im badischen Landesteil. Er ist Absolvent der "Deutschen Journalistenschule" in München und hat dort auch Geschichte und Politik studiert. Er schrieb unter anderem für die "Financial Times Deutschland", hat einen erfolgreichen Berufsverband gegründet und zwei Bücher geschrieben. Eins über Migranten nach der Sarrazin-Debatte und eins über einen Freizeitunternehmer aus dem Südwesten.
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13 Kommentare

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  • SHAKE[s]BEER

    Ich verstehe das so, dass er, wenn sowieso bereits 38% der Beamten AfD gewählt haben und man außerdem "als Ersatz für widerborstige Verwaltungskräfte keine große Zahl von überzeugten Parteianhängern braucht", eigentlich gar keine 200 Beamte austauschen muss. Ist also gar nicht so schlimm, oder?

  • nappy

    "Ist der ebenfalls der Meinung, die Anweisung sei richtig, muss der tapfere Beamte die Anweisung ausführen."



    ---



    Die AfD hatte die Beamtenschaft in der Tasche. Die GANZE Beamtenschaft? NEIN! ...

    (Haben Sie bei dem Satz ganz oben auch vor Ihrem geistigen Auge das gallische Dorf gegen die Römer marschieren sehen?)

  • Zippism

    Beamte haben selbstverständlich geltendes Recht zu beachten und rechtswidrigen Weisungen zu widersprechen. Das ist allerdings keine spezielle AfD Erfindung, sondern eine Selbstverständlichkeit des deutschen Beamtenrechts.

    Beamte sind nicht dazu da, politische Programme nach persönlichem Geschmack zu sabotieren, sondern Gesetze und rechtmäßige Weisungen umzusetzen. Wo eine konkrete Anweisung rechtswidrig ist, gibt es dafür mit der Remonstration ein klares Verfahren.

  • Don Geraldo

    Siegmund will tatsächlich 200 Beamte in der gesamten Landesverwaltung austauschen?



    Wow, da hat ja Habeck alleine im Wirtschaftsministerium schon mehr neue Stellen geschaffen für seine Freunde.

  • Astrid Sehnefeld

    "Beamte (...) können den AfD-Anweisungen widersprechen. Tun sie es auch?"



    Nein, das werden die Wenigsten tun.



    Erstens, weil unter den Beamten große Sympathien für die AfD herrschen - das Beamte "jene Berufsgruppe mit dem geringsten Anteil an AfD-Wählern" sein sollen mit "nur 38%" widerspricht meinem persönlichen Eindruck den ich auf den Fluren so mitbekomme.



    Das Beamte grundsätzlich eher konservativ bis rechts drehen ist sowieso logisch, Ordnung und Kontrolle sind wenig was linke Geister reizt - Polizei, Militär, Finanzen insbesondere - welcher überzeugte Linke geht schon freiwillig zu einer dieser drei Institutionen...



    Eben🤷



    Diese 38% würde ich also mit großer Vorsicht genießen. Taktisches Lügen ist keine Seltenheit. Viele Beamte warten seit langem darauf, Gesetze oder zumindest den politischen Rückhalt an die Hand zu bekommen, endlich mal richtig durchgreifen zu können.



    Zweitens "werden Beamte in Ministerien, Rathäusern und Behörden nicht gerade darauf geeicht, ihren Vorgesetzten zu widersprechen. Im Gegenteil sollen sie in preußischer Tradition dafür sorgen, dass der Staat funktioniert" - ja, klare Hierarchie ist Standard.



    Widerstand ist wenig zu erwarten, eher Rückendeckung.

    • Šarru-kīnu

      @Astrid Sehnefeld:

      Ich würde das an der Tarifgruppe festmachen. Je höher die Tarifgruppe und je westdeutscher damit das Personal, umso weniger Zustimmung zur AfD. Ich sitze hier öfter im ÖD vor dem Bodenpersonal, die wahrscheinlich +50% AfD wählen aber das wegen ihrer westdeutschen Vorgesetzten niemals offen zugeben würden. Ist eigentlich wie früher in den 80ern. Widerstand würde ich auch keinen erwarten und schon gar nicht von Justiz oder Polizei, denn die sind hier ganz fest in rechter Hand seit je her.

      • Astrid Sehnefeld

        @Šarru-kīnu:

        Das kann mit den Besoldungsgruppen kann ich nicht bestätigen, bis auf wenige Schreibkräfte sind hier nur Kollegen A13 aufwärts im Haus.

      • Bommel

        @Šarru-kīnu:

        Bei mir ist es genau umgedreht. Soviel Afd-Sprech wie auf den Baustellen in Westdeutschland - auch und insbesondere von Bauleitern - höre ich im Osten nicht.

  • Willi Müller alias Jupp Schmitz

    Gesetzestreue à la Dobrindt?

    • Desdur Nahe

      @Willi Müller alias Jupp Schmitz:

      Da gibt es ja leider viele Beipiele.



      Welche Beamten haben sich denn bei der Causa "Coesfelder Liste" widersetzt?

      • Willi Müller alias Jupp Schmitz

        @Desdur Nahe:

        Ich denke eher an



        SCHENGEN



        und an die



        unangemessenen,



        einschüchternden,



        und nicht EU-konformen



        GRENZKONTROLLEN

  • rhuby

    Das die Beamten und Beamtinnen Sachsen Anhalts zu 38% ihre Stimme der AfD gegeben haben ist absolut erschreckend – selbst wenn sie die "Berufsgruppe mit dem geringsten Anteil an AfD-Wählern" sind.

    • Desdur Nahe

      @rhuby:

      "erschreckend" - ok.



      Aber eher nicht überraschend.



      Der größte Teil der BeamtInnen kommt aus den Bereichen Polizei und Schule. Auch Justiz ist nicht klein.



      Alles Bereiche, die direkt im Alltag mit Problemen konfrontiert werden, die zum Kernthema der AfD passen.



      Und wenn alle anderen Parteien dann trösten, dass diese Probleme nur "gefühlt" und nicht real sind, oder es gar verwerflich sei, diese anzusprechen, oder, noch krasser, man selbst der eigentliche Grund dafür wäre, dann, ja dann kommen halt diese Stimmen zustande.