20 Jahre „H2O: Plötzlich Meerjungfrau“: Teeny-Wasser sind tief
Kaum berühren sie Wasser, schon verwandeln sich Emma, Cleo und Rikki – zack – in Meerjungfrauen. Warum hat diese ÖRR-Kinderserie noch heute Fans?
Foto: Jasin Boland/zdf/picture alliance
Von „H2O: Plötzlich Meerjungfrau“ erfuhr ich von einem Freund in der fünften Klasse. Er schwärmte von der Serie und schon am nächsten Tag schaute ich sie mir im Kika mit meinen Schwestern gespannt an. Bis heute weiß ich, welche Folge es war, und auch, zu welchen Zeiten die Serie lief.
Für mich wie für viele (queere) Kinder eröffnete sich eine neue Welt. Ich wusste damals noch nicht, dass ich auch heute, zwanzig Jahre nach Erscheinen der australisch/deutschen Co-Produktion noch Fan sein würde. Meerjungfrauen selbst sind in Kinder und Jugendmedien nichts Neues. Man denke nur an „Arielle“ (1989), die Meerjungfrau, die Mensch werden will. Doch 2007 eroberte „H2O: Plötzlich Meerjungfrau“ die Herzen unzähliger Fans und prägten eine ganze Generation, indem sie die Metamorphose dreht. Emma, Cleo und Rikki stranden bei einer Bootstour an der Küste der berüchtigten Insel „Mako“. Zufällig entdecken sie einen kleinen See im Inneren eines Vulkans. In dem See scheint der Vollmond auf die drei, und das hat Folgen. Fortan müssen sie aufpassen, in der Öffentlichkeit nicht nass zu werden. Diese neue Entwicklung mag zwar einschränkend sein, hat aber auch Vorteile. Sie können in Blitzgeschwindigkeit schwimmen und die Flora und Fauna der Meerestiefe bewundern. Zusätzlich können sie Wasser einfrieren, erhitzen oder bewegen.
Ein Zug von Euphorie durchfährt mich, wenn ich nur das Intro der Serie höre oder jemand den Namen nennt. Damit bin ich nicht allein. Auch heute, fast zwanzig Jahre nach der ersten Ausstrahlung der Serie in Deutschland, sind alle Staffeln auf Netflix und im ZDF zu sehen, und die Fanbase ist riesig. Auf Youtube haben Zusammenschnitte der Serie teilweise Millionen Aufrufe. Auf Insta kriegen Memes und Reels unter dem #H2O täglich Zehntausende Likes. Jeden Tag kommt neuer Content. So einen Erfolg können andere öffentlich-rechtliche Koproduktionen nicht vorweisen. Noch nicht davon überzeugt, dass es höchste Zeit für einen Rewatch oder einen Firstwatch ist? Hier ein paar Gründe:
Empfohlener externer Inhalt
Ein Leben als Teilzeit-Meerjungfrau ist in der Kulturgeschichte der Meerjungfrauen etwas Einmaliges. Normalerweise leben Meerjungfrauen unter Wasser. Einen Wechsel zwischen Fisch und Menschsein gibt es nicht. Dies macht die Prämisse von „H2O“ origineller. Wir sehen Rikki, Emma und Cleo nicht nur in ihrer übernatürlichen Form, sondern auch im normalen Schulalltag, mit gewöhnlichen Problemen, wie Crushes, Streit mit den Freund:innen oder der Angst, nicht auf die nächste Party eingeladen zu werden. Im „Magical-Girl Genre“, zu dem auch Serien wie „Sailor Moon“ gehören, geht es darum, wie die Protagonistinnen ihr Doppelleben führen. Das ist ein Kontrast zu Medien mit der Zielgruppe Jungs. Denn die spielen oft in einer gänzlich anderen Welt und versuchen emotionale Themen zu vermeiden.
Brav, rebellisch und kreativ
„H2O: Plötzlich Meerjungfrau“, 3 Staffeln bei Netflix und ARD
Emma ist brav, Rikki rebellisch, Cleo kreativ – die Persönlichkeiten der drei Hauptcharaktere folgen einem klassischen Muster: Doch gerade, weil sie so verschieden sind, gehen sie unterschiedlich damit um, plötzlich ein Meereswesen zu sein, und fächern eine große Bandbreite an Handlungen und Emotionen auf. Mal verstehe ich die eine, mal die andere Protagonistin besser. Es gibt so viel Identifikationsfläche.
Das liegt auch daran, dass Fantasy-Serien bestimmte Sehnsüchte ansprechen und uns aus dem begrenzten Alltag an einen Ort transportieren, an dem (Körper-)Normen und Ordnungen weiter gefasst sind. Auch die eigene Wahrnehmung darf von denen der Erwachsenen abweichen. Das ist auch der Grund warum das Genre so viel Potenzial für queere Geschichten und Figuren bietet.
Bei „H2O“ kann man die Heldinnen nur beneiden. Sie können jederzeit ihren Alltagsproblemen entfliehen und über bunte Korallenriffe durch den Unterwassereingang zum „Mondsee“ auf Mako schwimmen. Ein Ort, den sie nur für sich haben, zum Reflektieren, Entspannen und Gossippen. Dort kann niemand anderes hin, denn niemand anderes weiß von diesem Ort. Auch das ist ein oft genutzter und wirkungsvoller Trope in Jugendmedien. In alten Baumhäusern oder auf verlassenen Dachböden suchen Serienprotagonist:innen Zuflucht. Wie schön wäre auch heute ein solcher Ort, an dem wir uns wohl, sicher und fernab des Chaos der wirklichen Welt fühlen könnten?
Männlichkeitsbild werden auf die Probe gestellt
Heute fällt auf: Die Serie war sehr fortschrittlich bei der Repräsentation von Männlichkeit. Der beste Freund von Cleo mag Naturwissenschaft und liebt Angeln, das betrachten die anderen Jungs allerdings als ziemlich nerdig und eigenartig. Deswegen verspotten sie ihn. Und selbstredend, weil er so viel Zeit mit den Mädchen verbringt. Cleos Freund fühlt sich deswegen aber nicht schlecht, und er übernimmt auch nicht das Männlichkeitsbild dieser Jungs, sondern stellt es – ganz im Gegenteil und ganz locker – auf die Probe. Dies macht er humorvoll und nicht herablassend. Eine Version gesunder, sicherer Männlichkeit, die wir durch „H2O“ schon 2007 gezeigt bekommen haben. Welche neue Kinderserie traut sich das heute?
Ebenfalls bemerkenswert ist die Repräsentation von alten Frauen. Egal ob „H2O“ oder „Sex and the City“: Wenn ich heute Serien anschaue, die ich als Heranwachsende gesehen habe, verstehe ich die Entwicklung und Emotionen der weiblichen Charaktere besser. Weil ich Dinge selbst erlebt, Lebenserfahrung gesammelt habe. Und so öffnet sich mir jetzt der Charakter von Miss Chatham. Sie war vor 50 Jahren, bevor die Mädchen sie treffen, eine Teilzeitmeerjungfrau. Durch sie erfahren Emma, Cleo und Rikki mehr über ihre Existenz. In einer berühmten Folge entdeckt Rikki einen Anhänger, den auch Miss Chatham um ihren Hals trägt. Die bricht, als sie ihn sieht, in Tränen aus. Er gehörte nämlich ihrer ehemaligen Freundin und Meerjungfraukollegin Julia. Die Tatsache, dass der Anhänger bei einer Nachlassräumung aufgetaucht ist, offenbart, dass Julia vor Kurzem verstorben ist.
Als Kind war ich traurig, weil Miss Chatham traurig ist. Als Erwachsene verstehe ich, wie aufwühlend es sein muss, auf diese Weise vom Tod einer Freundin zu erfahren, mit der sie ein geheimes Leben geteilt hat. Hatten sie einen Streit und deswegen jahrelang keinen Kontakt, bis es zu spät war? Man muss keine Meerjungfrau gewesen sein, um nachempfinden zu können, sich von einer geliebten Person entfernt zu haben. Sich zu fragen: Wie wäre es, wenn sie noch in meinem Leben wäre? Wie wäre es, wenn wir uns wiedersehen, uns austauschen, unsere Erfahrungen teilen könnten?
20 Jahre nach Erstausstrahlung von „H2O: Plötzlich Meerjungfrau“ in Deutschland gibt es also gute Gründe, Emma, Cleo und Rikki auf ihren tollen Abenteuern zu begleiten. Lasst der Nostalgie freien Lauf!
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