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Vorschläge für neue SPD-SpitzeKarrieresprungbrett in den Abgrund

Die SPD möchte vor den anstehenden Landtagswahlen keine Diskussion um die Parteispitze – wir schon. Hier ein paar Vorschläge

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die beiden SPD-Vorsitzenden Bärbel Bas und Lars Klingbeil in der eigenen Partei kaum noch Fans haben. Die Personalunion aus Parteispitze und Ministerämtern gilt als gescheitert. Die Strategie, die Partei aus der Regierung heraus zu profilieren und zu erneuern, geht erkennbar nicht auf: Statt Deutschland sozialdemokratisch geprägt zu reformieren, winkt die SPD eine Sozialkürzung nach der anderen durch und gilt wahlweise als Bremserin oder als Verräterin. Es kursieren bereits Briefe und Appelle, in denen Bas und Klingbeil zum Rücktritt aufgefordert werden. Was noch schwerer wiegt, niemand eilt zur Verteidigung herbei. Die Mehrheit der Ge­nos­s:in­nen schweigt aktuell. Vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern käme eine Diskussion, mit der man sich um sich selbst kreist, in den Augen vieler So­zi­al­de­mo­kra­t*in­nen einer Selbstdemontage gleich. Doch nach dem 20. September wird der Unmut nicht mehr zu ignorieren sein.

Aber wer steht bereit, die Revolte anzuführen und Bas und Klingbeil abzulösen? Der Posten als SPD-Chef:in gilt aktuell nicht gerade als Karrieresprungbrett, die Nach­fol­ge­r:in­nen laufen eher Gefahr, als Abrisskommando zu enden. Auch mangels Alternativen sitzen die derzeitigen SPD-Chef:innen noch recht unangefochten in der Schaltzentrale. Aber traut sich wirklich niemand zu, künftig die SPD zu führen – allein oder in Doppelspitze? Die taz hätte da ein paar Ideen.

Hubertus Heil – Die sozialdemokratische Jukebox

Seit 1998 sitzt Hubertus Heil im Bundestag und zählt damit zu den dienstältesten und erfahrensten Genossen. Der langjährige Arbeits- und Sozialminister galt auch in der Ampel als Stabilitätsanker, der den Laden im Griff hatte, doch seitdem er das Haus 2025 widerwillig an SPD-Chefin Bärbel Bas übergeben musste, ist er nur noch Hinterbänkler. Auch der Versuch, Fraktionsvorsitzender zu werden, scheiterte. Derart kalt gestellt kümmert er sich um Kirchen und schreibt nebenbei an einem Buch. „Der Angriff der Autokraten“, erscheint im Oktober.

Doch für das Dasein als Frührentner ist Heil mit 54 Jahren noch etwas jung. Er wollte zwar nie Kanzler werden, wie er zumindest mal der taz sagte, aber ganz unbeteiligt zuschauen, wie die SPD den Bach runtergeht, kann er auch nicht. Öffentlich positioniert er sich zwar nicht gegen Bas und Klingbeil und würde sich auch nicht selbst ins Spiel bringen, dazu ist er zu loyal und zu erfahren. Doch aus seinem Umfeld fällt sein Name häufiger.

Und in der Tat spricht einiges für ihn. Er kennt die SPD durch und durch, war Generalsekretär und Vizevorsitzender. Zudem weiß er, wie man zuverlässig einen Saal zum Jubeln bringt und die Leute von den Bänken reißt: Parteiintern nennt man ihn auch „fleischgewordene sozialdemokratische Jukebox“, weil er auf Knopfdruck sozialdemokratische Hits raushauen kann. Klar, die alten Platten, aber immerhin welche, die bei den eigenen Wäh­le­r:in­nen gut ankommen. (Anna Lehmann)

Manuela Schwesig – Die Hoffnungsträgerin

Sie ist klug, pragmatisch und stahlhart. Die 52-jährige Ministerpräsidentin aus Mecklenburg-Vorpommern hat bislang alle Krisen ihrer Amtszeit überstanden – eine Klimastiftung mit der russische Gazprom-Gelder gewaschen wurden, eine Krebserkrankung – und nun schickt sie sich mit der Landes-SPD an, die Staatskanzlei zu verteidigen. Und zwar gegen den Bundestrend, den als Gegenwind zu bezeichnen verniedlichend wäre. Noch führt die AfD in Umfragen, aber Schwesigs SPD holt Punkt um Punkt auf. Wenn Schwesig diese Wahl gewinnt, dann holt sie hoffentlich auch die SPD aus der Krise.

Einziger Wermutstropfen: Schwesig selbst hat erst letzte Woche bei einer Wahlkampfveranstaltung erklärt, sie wolle in Mecklenburg-Vorpommern bleiben, und zwar die nächsten fünf Jahre als Ministerpräsidentin. Aber selbstverständlich könnte sie auch von Schwerin aus die Bundespartei führen. Immerhin ist sie qua Amt bereits Mitglied des SPD-Präsidiums und als solches regelmäßig in Berlin.

Doch will Schwesig überhaupt Parteivorsitzende werden? Gelegenheit hätte sie schon mehrfach gehabt. 2019 – da war sie sogar schon einmal Interimsvorsitzende – aber auch nach der verlorenen Wahl in Rheinland-Pfalz. Auch damals wurden verzweifelt Ret­te­r:in­nen gesucht, Schwesig aber winkte jeweils dankend ab. Vielleicht wartet sie aber auch nur auf die richtige Gelegenheit. Zu Schwesigs Stärken zählt, dass sie fast keinen Schritt unüberlegt tut. (Anna Lehmann)

Anke Rehlinger – die goldene Lösung?

Ihr Name ist für den Parteivorsitz längst im Gespräch, doch sie hat immer wieder abgelehnt: Anke Rehlinger erzielte 2022 bei den Landtagswahlen im Saarland eine absolute Mehrheit für die SPD. Seitdem gilt sie als eine der absoluten Hoffnungsträgerinnen. Rehlinger beteuert derzeit zumindest, dass sie ihren Platz weiterhin im Saarland sieht. „Ich bin sehr gerne Ministerpräsidentin und möchte es gerne bleiben“, sagte sie zuletzt im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung.

Als Erfolgsrezept der 50-jährigen Juristin und amtierenden Saarland-Rekordhalterin im Kugelstoßen gilt, dass sie einerseits in ihrem kleinen Bundesland so fest verankert ist wie eine Kommunalpolitikerin, andererseits sich aber auch in Berlin jederzeit Gehör verschaffen kann. In Zusammenhang mit den geplanten Sozialreformen gibt sie ihrer Partei einen einfachen, wenn auch längst nicht mehr selbstverständlich Ratschlag: „Meiner SPD rate ich, über Probleme nicht hinwegzusehen, wenn Bürgerinnen und Bürger sie doch sehen.“

Hat Rehlinger etwa die goldene Lösung dafür, wie die SPD einerseits bittere Kompromisse in der Regierung schließen und gleichzeitig das eigene Profil schärfen kann? Nun, als Chefin einer Alleinregierung hat sie wohl gut reden. Rehlinger steht zudem eine andere Auseinandersetzung bevor. Im April sind im Saarland wieder Landtagswahlen. Damit die miesen Werte der Bundespartei nicht dort auch durchschlagen, wäre es für sie im Herbst wohl nicht die schlechteste Idee, etwas Abstand nach Berlin zu suchen. (Cem-Odos Güler)

Boris Pistorius – Der Umfragenkönig

Man mag es kaum glauben, aber ein Mann aus der SPD ist seit Jahren der beliebteste Politiker im Land: Verteidigungsminister Boris Pistorius steht in den Umfragen der Forschungsgruppe Wahlen seit Februar 2023 ohne Unterbrechung auf dem ersten Platz, der nach Sympathie und Leistung bewerteten Politiker*innen. Die Dauerkrise des Ampel-Projekts ist ebenso an ihm abgeperlt wie die Unbeliebtheit der Regierung von Friedrich Merz.Die Hoffnung wäre groß, dass er als Umfragekönig auch die Sozialdemokratie von ihrem Siechtum befreien könnte. Doch als SPD-Vorsitzender stünde Pistorius vor einem ähnlichen Dilemma wie Lars Klingbeil und Bärbel Bas: Er müsste als Minister eine Regierungspolitik verteidigen, die weite Teile der Partei befremdlich finden.

Dabei wurde im Herbst 2024 deutlich, dass der Verteidigungsminister neuen Rollen gegenüber nicht generell abgeneigt ist: Über Wochen stellte er sich einer Debatte, ob er anstelle von Olaf Scholz nicht der bessere Kanzlerkandidat wäre, nicht aktiv entgegen. Die Personaldiskussion galt als einer der Faktoren für das miese Abschneiden der SPD bei den Wahlen.

Dabei ist auch die Liste der Vorhaben in seinem eigenen Haus, die nicht rund laufen, lang: Trotz des Rekordbudgets für das Verteidigungsministerium geht es etwa bei der Digitalisierung des Funkwesens der Bundeswehr kaum voran. Eine Befürchtung lautet deshalb, dass Pistorius dank der vielen Milliarden und seiner charismatischen Art zwar wirkt wie ein Macher – dass er aber schnell entzaubert wäre, wenn es hart auf hart käme. (Cem-Odos Güler)

Alexander Schweitzer – Der Überragende

Eigentlich hätte er die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz im März gewinnen müssen, war er doch deutlich beliebter als sein Herausforderer von der CDU. So sah es die SPD und Alexander Schweitzer am Wahlabend. Als die CDU schon nach der ersten Prognose als Wahlsiegierin feststand, schmollte Schweitzer erst mal eineinhalb Stunden und ließ sich nicht blicken, bevor er seine Niederlage öffentlich einräumte.

Souverän sieht anders aus. Allerdings war der Verlust der Mainzer Staatskanzlei auch ein wirklicher Nackenschlag, nicht nur für Schweitzer, der dort nur knappe zwei Jahre residiert hatte, sondern vor allem für die SPD, die 35 Jahre die Haushoheit hatte. Und sich bis heute nicht von dem Verlust erholt hatte.

Anders als Schweitzer, der sich trotz Wahlniederlage flugs zum Fraktionsvorsitzenden im Landtag wählen ließ und somit signalisierte, dass er weiter im Spiel ist. Ein wichtiger Posten, der sich gleichwohl schnell übergeben ließe, falls die Partei ihn ruft. Schweitzer, der schon wegen seiner Körpergröße von über zwei Metern eine überragende Persönlichkeit ist, kann, wenn er nicht gerade grollt, aufmunternd, mitreißend und witzig sein. Er ist bereits stellvertretender Parteivorsitzender, kennt also den Berliner Betrieb. Und könnte überhaupt tätige Buße zum Wohle der Partei tun, immerhin hat er ihr die jetzige Misere auch zu einem kleinen Teil mit eingebrockt. (Anna Lehmann)

Rasha Nasr – Die Erneuerin

Sie ist jung, ostdeutsch und eine mehr oder weniger neue Stimme im Parlament: Die 34-jährige Rasha Nasr könnte an der Spitze der SPD der Partei für ihre personelle und inhaltliche Erneuerung ein Gesicht geben. Bei Debatten um eine Neubesetzung des Parteivorsitz kursiert ihr Name zumindest in Juso-Kreisen.

Die Dresdnerin zog 2021 erstmals über die sächsische Landesliste in den Bundestag ein. Dort ist Nasr, deren Eltern 1986 aus Syrien in die DDR gekommen waren, migrationspolitische Sprecherin. In ihrer Zeit im Parlament wurde sie bereits öfters mit den Wassern der Realpolitik gewaschen: Obwohl es ihren eigenen Prinzipien widersprach, stimmte sie mit der Regierung für eine Aussetzung des Familiennachzugs bei Geflüchteten mit subsidiärem Schutzstatus. „Ich weine, wenn ich meine Tochter ein paar Tage nicht sehe, und stimme dann dafür, dass andere Familien getrennt bleiben“, sagte sie im Nachhinein dem Spiegel.

Sie habe sich vor der Abstimmung unter Druck setzen lassen. „Mir wurde gesagt: Du willst nicht dafür verantwortlich sein, dass wir nur mit den Stimmen der AfD eine Mehrheit bekommen. Also habe ich mitgemacht.“ Heute würde sie bei einer solchen Abstimmung nicht mehr mitmachen, sagte sie.

Für eine solche Haltung hätte Nasr zumindest die Jusos auf ihrer Seite. Mit einem offenen Nein zu dem ein oder anderen sozialpolitischen Kürzungsplan der Regierung könnte sie auch an anderen Stellen in der Partei für ein Aufatmen sorgen. (Cem-Odos Güler)

Till Backhaus – Der Walflüsterer

Wer mit einer gestrandeten Walkuh kommunizieren kann, versteht auch die gestrandete SPD. Die Walkuh Timmy machte Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus im Frühjahr zum Liebling der Medien. Ein Parteivorsitzender, der in Erinnerung bleiben könnte mit Sätzen wie: „Ich habe der SPD mehrfach in die Augen geschaut. Ich habe ihren Lebenswillen und ihren Lebensmut erkannt.“

Seit 1994 holt der 67-jährige Backhaus bei jeder Wahl das Direktmandat in seinem Landtagswahlkreis in Ludwigslust, seit fast drei Jahrzehnten ist er Umweltminister. Ein echter Gewinnertyp. Mit Jagdschein. Und großem Unterhaltungswert.

So lieferte er sich 2014 mit seiner Ex-Partnerin einen öffentlichen Rosenkrieg um unter anderem einen alten Traktor. Zuvor zelebrierte er ebenso öffentlich sein neues Eheglück mit einer ehemaligen Landesrapsblütenkönigin. 2012 saß die SuperIllu mit am Frühstückstisch und fabrizierte zeitlos schöne Einblicke. Etwa: „Er nimmt sein rosafarbenes Messer, Rosa ist Ivonnes Lieblingsfarbe, dann schmiert er sich ein Brötchen vom Bäcker um die Ecke.“

Auseinandersetzungen geht der ostdeutsche Sozi mit dem rosa Messer nicht aus dem Weg. Erinnert sei an einen Vorfall von 2013. Der Minister und seine Ex-Königin radeln heiter durch die Gegend. Doch dann fegt sie ein Cabrio-Fahrer fast von den Rädern. Fehlender Mindestabstand. Da setzte es was. Es gab zwar ein Verfahren, weil er dem Autofahrer (einem Wessi!) eine in die Fresse gegeben haben soll. Aber das wurde eingestellt. Ein Koalitionsausschuss mit Friedrich Merz und Markus Söder könnte jedenfalls konfrontativ werden.

Und schließlich ist da ja noch Timmy, die Walkuh. Sicher, zunächst zeigte sich Backhaus mit Blick auf eine Rettung des Tiers abweisend. Doch dann schloss er Timmy ins Herz. Und weil alle Timmy liebten, liebten auch alle Tilly. Verzagte Einwände seiner Mit­ar­bei­te­r:in­nen gegen die missglückte Kuh-Rettung soll Backhaus einfach ignoriert haben. So geht Führung. (Rainer Rutz)

Keir Starmer – Das Putzmittel der Sozialdemokratie

„Starmerismus gibt es nicht und wird es nie geben“ – so lautet einer der wenigen Sätze, die von Keir Starmer, dem britischen Labour-Premierminister von Juli 2024 bis Juli 2026, in Erinnerung bleiben. Wer könnte besser geeignet sein als dieser englische Mann ohne Eigenschaften, um diese deutsche Partei ohne Eigenschaften zu neuer Blüte zu führen?

Als Starmer die Labour-Partei 2020 übernahm, dümpelte sie in den Meinungsumfragen bei unter 30 Prozent. Nach zweieinhalb Jahren Starmer, im Herbst 2022, war sie bei über 50 Prozent angekommen und bei den Parlamentswahlen 2024 holte Starmer für Labour im Parlament eine Zweidrittelmehrheit. Das beruhte zwar auf nur einem Drittel der Stimmen, ein Ergebnis des britischen Mehrheitswahlrechts, aber Labour war trotzdem plötzlich die erfolgreichste sozialdemokratische Kraft Europas. Nicht dass man Starmer dies angesehen hätte, die Last seines Amtes als Premierminister wog von Anfang an viel zu schwer. Und nach seinem Wahlsieg führte Starmer Labour genauso zielstrebig nach unten wie vorher nach oben. Sein Parteiapparat hat sich nun nach zwei Jahren erbarmt und ihn durch den zugkräftigeren Andy Burnham ersetzt, dem das Regieren wenigstens Spaß macht.

Doch um tief zu fallen, muss man erstmal oben gewesen sein. Als Regierungschef war Starmer eine Fehlbesetzung, aber er war der ideale Oppositionsführer, der einen zerstrittenen Haufen neu ausrichtet und ausmistet. Sein Machtinstinkt, seine Brutalität im Umgang mit seinem Vorgänger Jeremy Corbyn und sein eisener Griff auf seinen Apparat – all dies hat Maßstäbe gesetzt. Starmer war das Putzmittel der britischen Sozialdemokratie, gegen Scheiße unverzichtbar, und nach dem Einsatz muss man es wegwischen. Genau das, was die SPD heute braucht. (Dominic Johnson)

Jürgen Klopp – Der Machtmensch

Hat Jürgen Klopp jemals einen Abstiegskandidaten übernommen? Nein, hat er nicht. Aber er war mal in Mainz, als der dortige Fußballverein noch zweitklassig war, und auch in Dortmund beim BVB war die Lage alles andere als rosig, als Jürgen Klopp, lizenzierter Fußballtrainer, dort eine Stellung als genau solcher antrat.

Also, natürlich ist ein Bundesligatrainer alles andere als ein Politiker, obwohl er genauso mit Menschen, Themen, Strukturen, Plänen und Programmen umgehen muss und selbstredend mit Geld, und zwar nicht zu knapp, als wäre er genau das: ein Machtmensch. Und man kann schon sagen, dass Jürgen Klopp, inzwischen mit der mächtigste Mensch im deutschen Fußball, genau das ist: ein Machtmensch.

Warum sollte der Retter des deutschen Fußballs, als der er nach dem WM-Debakel im Sommer vom DFB geholt worden ist, nicht auch der Retter der Sozialdemokratie sein?

Da stellen sich natürlich ein paar Fragen. Hat er das richtige Parteibuch? Äh, erstmal nein. Er hat sich zwar schon mehrfach zu gesellschaftlichen Themen geäußert und dabei unter anderem gesagt, eine linke Grundhaltung zu haben, jedoch betonte er stets, parteipolitisch unabhängig und kein Politiker zu sein. Doch die wahre Antwort wird sein: Wenn die Ablöse stimmt, lässt sich über alles reden!

Dabei versprüht der Heavy-Metal-Fan und Macher Klopp vielleicht eher etwas, das besser zur FDP passen würde, wäre die nicht so verschnarcht und grundsätzlich hinterher: Selbstbewusstsein bis zum Anschlag, Streberhaftigkeit, Geldgier, ein ewiges, überdrehtes Aufmerksamkeitsdefizit, wie es sich allein an der Vielzahl von Werbeclips mit ihm als Werbefigur ablesen lässt.

Für die SPD wäre er aber so oder so ein Gewinn. Umgekehrt sieht die Sache anders aus: Was will Jürgen Klopp bei, sagen wir, Hannover 96, das denkt, es sei nah am FC Bayern, aber tatsächlich eher den VfL Osnabrück im Nacken hat, wenn er doch gleich ganz Deutschland trainieren kann? Die SPD wird weitersuchen müssen. Es heißt, Julian Nagelsmann ist gerade frei. (René Hamann)

Serpil Midyatlı – Die Verfügbare

Sollte sich die SPD eine neue Parteispitze geben, wäre die Schleswig-Holsteinerin Serpil Midyatlı die logischste Kandidatin. Schließlich ist die 51-Jährige bereits stellvertretende Bundesvorsitzende.

Genügend politische Erfahrung für ein Spitzenamt bringt Midyatlı mit: Seit 2009 sitzt sie im Kieler Landtag, zwischen 2019 und 2025 führte sie die Landespartei in der Opposition an. Dass die So­zi­al­de­mo­kra­t:in­nen unter ihr keine Wahl gewinnen konnten, liegt vermutlich weniger an ihr als an dem bis vor Kurzem dauerbeliebten CDU-Ministerpräsidenten Daniel Günther.

Zur Wahrheit gehört: Ende 2025 entzog die SPD-Basis Midyatlı das Vertrauen. Nun soll der bis dato Kieler Oberbürgermeister Ulf Kämpfer die Partei in die Landtagswahl im Frühjahr 2027 führen. Heißt umgekehrt aber: Midyatlı wäre für eine neue Aufgabe frei.

Was für sie spricht: Als Unternehmerin mit türkischen Wurzeln steht Midyatlı wie keine andere SPDlerin im Bundesvorstand für Vielfalt und Integration. Würde Midyatlı SPD-Vorsitzende, wäre sie übrigens die erste Muslima in diesem Amt – die SPD könnte unter Beweis stellen, dass sie doch noch progressiv denken und handeln kann.

Ob Midyatlı den Abwärtstrend der SPD stoppen kann? Fraglich. Aber immerhin steht ihre Landes-SPD in Umfragen mit rund 15 Prozent noch fast so gut da wie bei den Landtagswahlen 2022. Das können wahrlich nicht alle Landesverbände behaupten. (Ralf Pauli)

Saskia Esken – Die ewig Unterschätzte

Als die SPD 2019 schon einmal in ähnlich toxischer Beziehung mit der Union ähnlich unglücklich und zerrupft aussah – die damalige Vorsitzende Andrea Nahles trat dann auch nach verlorener Landtagswahl zurück – kam ihre Nachfolgerin wie aus dem Nichts. In einer Urwahl setzte sich die Baden-Württembergerin Saskia Esken gemeinsam mit Norbert Walter-Borjans gegen alle anderen Kan­di­da­t:in­nen­du­os durch. Und das Duo schaffte, was ihnen keiner zugetraut hatte: die SPD zwei Jahre später zum Wahlsieg zu führen.

Das Gemecker über Saskia Esken riss zwar nie ab – zu hölzern, zu uncharismatisch – aber die Frau vom linken Flügel schaffte es, die zerstrittene Partei zusammenzuhalten und warf nebenbei ein paar Ideen in die Debatte, die ihr ehemaliger Co-Vorsitzender Lars Klingbeil heute als SPD-Knaller schlechthin verkauft: Wie etwa das Sondervermögen für Infrastruktur. Schon 2023 schlug Esken ein Milliarden-Sondervermögen Bildung vor. Die gelernte Informatikerin ist außerdem in Zukunftsthemen drin und erreicht mit ihren Beiträgen auf Insta zum völkischen Charakter der AfD fast eine halbe Million Menschen – also deutlich mehr, als die SPD Mitglieder hat

Eine Frau also, die vorausdenkt, hart arbeitet und gnadenlos unterschätzt wird, eher Bergarbeiterin als Heilsbringerin, aber vielleicht hilft der SPD aktuell eine solche ohnehin mehr. (Anna Lehmann)

Transparenzhinweis: In einer früheren Version hieß es Midyatli habe zudem das zweitbeste Wahlergebnis für den Posten der Vizevorsitzenden erreicht. Das stimmt nicht. Sie erhielt 77,6 Prozent, das zweitbeste Ergebnis erzielte nach Anke Rehlinger Alexander Schweitzer mit 95,3 Prozent.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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2 Kommentare

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  • So,so

    Oje, was für eine Gruselauflistung.



    Ein Hoffnungsträger ist nicht dabei.



    Und Robert Habeck hat sich ja zurückgezogen (und fehlt!)



    Daher warte ich auf die Taz-Horronachricht" Spahn und Weidel in Koalitionsverhandlungen".

  • Martin Rees

    Stephan Weil und Peter Tschentscher wären vielleicht auch Kandidaten, die Leute miteinander konstruktiv und produktiv verbinden können.



    Es braucht eventuell aber ein ganz neues Narrativ für Zukunftsfragen, speziell für Industriepolitik und Klimapolitik als Gegenentwurf zu dem dummen Geschwätz zum Klimawandel von Repräsentant:innen aus einer klimaignoranten Partei, die nur einen guten Sommer sehen wollen und über Strom aus Braunkohle nachdenken.



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