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Mieter als Masthähnchen

Mit Wohnraum schnell reich werden? Das versprechen Influencer in den sozialen Netzwerken, die sogenannten Immo-Bros. Ihre Tipps sind alles andere als harmlos

Von Lara Schulschenk

Ein junger Mann fährt im Cabrio durch die Sonne in hügeliger Landschaft und singt freudestrahlend den italienischen Popklassiker „Azzurro“ mit. Oben im Bild steht: „POV: Du hast gerade eine Runde Mieterhöhungen rausgeschickt“. POV steht für „Point of View“ und signalisiert, dass eine persönliche Perspektive folgt. @timotheuskünzel hat das Video ins Internet gestellt, es zeigt ihn selbst. Auf seinem Instagram-Kanal mit rund 59.300 Followern gibt er Tipps rund um Immobilien und Lifestyle und gehört damit zu einer noch relativ neuen Bubble in den sozialen Netzwerken: den Immo-Bros.

Immo-Bros, das sind überwiegend junge oder junggebliebene Männer, die auf den sozialen Netzwerken darstellen, wie sie angeblich erfolgreiche Geschäfte mit Wohnraum machen – von Verwaltung über Vermietung bis hin zu Kauf und Verkauf. Wie toll das läuft, malen die Herren in schillerndsten Farben für das Internet aus. @timotheuskünzel beispielsweise fokussiert sich laut eigener Aussage auf Kauf und Vermietung, er will 100 Häuser im Bestand haben und gibt alles, um seinen Instagram-Kanal nach Old Money aussehen zu lassen: luxuriös, aber unaufdringlich.

@fabilehner hingegen ist eher der Mario Barth unter den Immo-Bros. Statt mit Seriosität versucht er es mit Provokation: „Ich habe 35 Millionen Schulden, aber lasse sie von armen Studenten zahlen, damit ich Helikopter fliegen kann. So geht’s. Lies die Caption!“ In der Beschreibung führt er aus, dass er mit den 35 Millionen Euro Wohnungen gekauft und renoviert habe, um sie dann als Wohngemeinschaften an Studierende zu vermieten. In einem anderen Beitrag schreibt er: „POV: Jeder sieht das Auto. Niemand sieht die 100 Mieter, die wie Masthähnchen in 10 Wohnungen gequetscht werden, um die Rendite zu maximieren.“

Dieser Beitrag dürfte bloß Ragebait sein, also Content, der bewusst provoziert, um Aufmerksamkeit und Likes zu generieren. Ob provokant oder authentisch, spielt letztlich keine Rolle. Wie andere Immo-Bros erklärt er seinen fast 56.000 Instagram-Followern aggressiv und schambefreit, wie er sich an Einzelnen und der Gesellschaft insgesamt bereichert. Für den Masthähnchen-Beitrag erntet @fabilehner nicht mal 500 Likes und Kommentare. Damit ist der Beitrag ziemlich schlecht bei seinen Followern angekommen – vorausgesetzt, diese sind überhaupt real.

Mit ihrer Bandbreite von elegant bis provokant sprechen Immo-Bros ganz unterschiedliche Zielgruppen an. In den Kommentaren versammeln sich insbesondere junge Männer. Es gibt viel Beifall für den teuer anmutenden Lifestyle und die vermeintlichen geschäftlichen Erfolge.

Mit ihrer Bandbreite von elegant bis provokant sprechen Immo-Bros ganz unterschiedliche Zielgruppen an

Hinter den Posts der Immo-Bros verbirgt sich ein verlockendes Versprechen: raus aus den Geldsorgen, weg von Chef und Finanzamt. Ihre Geschichten versprechen Wohlstand, Freiheit und Anerkennung. Immobilien und Vermietung sollen die Lösung sein. Jemand wie Timotheus Künzel, der auch mal vor Investments ohne Eigenkapital warnt oder über die Arbeitsbelastung als Vermieter spricht, stellt eher eine Ausnahme dar. Vielmehr dominieren in der Bubble Leute, die Dinge raten, die unerfahrene Immobilienkäufer ruinieren können. Ein besonders beliebter Tipp ist die Finanzierung von Immobilien ohne Eigenkapital. Expert:innen warnen ausdrücklich vor dem Immobilienkauf ohne Rücklagen, weil Reparaturen oder Mietausfälle bei diesem fragilen Konstrukt schnell zur Zahlungsunfähigkeit führen können.

Diese Finanzierung nennen Immo-Bros gern „Money Glitch“. Sie suggerieren, das System auszutricksen, indem sie sich Immobilien von ihren Mieter:innen abbezahlen lassen, ohne selbst einen Cent in die Hand zu nehmen. Banken lassen sich solche Kredite – wenn sie die denn überhaupt vergeben – aber teuer bezahlen. Die hohen Zinsen werden dann über die Mieten abbezahlt. Finanzierungen ohne Eigenkapital laufen also zu Lasten der Mieter:innen.

Damit möglichst schnell möglichst viel Geld reinkommt, bedienen sich Immo-Bros verschiedenster „Vermietungstrategien“: möblierte Vermietung, Aufteilung von Wohnungen in WGs, Kurzzeitvermietung oder auch zusätzliche Serviceverträge. „Die Mietpreisbremse gilt nur für Leute, die nicht wissen, wie man sie umgeht“, wird da auch laut ausgesprochen.

Doch mit hohen Mieteinnahmen ist es nicht getan, auch bei den Steuern wollen Immo-Bros sparen. In dem Video „Keine Steuern zahlen einfach erklärt“ verspricht @marcpeiss seinen 90.700 Instagram-Followern, zu erklären, wo sich mit Immobilien Steuern sparen lassen. @mr.steuer_martinrichter motiviert seine 45.200 Follower auf Instagram mit Titeln wie „Der Staat nimmt dich aus? Dreh den Spieß einfach um“ oder „Einfach keine Steuern zahlen“.

Nicht alle Immo-Bros belassen es bei fragwürdigen Tipps. @immo.tommy machte 2024 Schlagzeilen. Er hatte laut <i>Spiegel</i> Immobilienkäufe beworben, von denen sich die Kund:innen getäuscht sahen. Ermittlungen wurden aufgenommen. Mit 1,1 Million Followern auf Tiktok und über 800.000 auf Instagram ist er der größte Immo-Bro Deutschlands. Für einen besseren Schutz vor gefährlichen Tipps will die Finanzaufsicht Bafin Influencer nun genauer in den Blick nehmen und die Aufklärungsarbeit verstärken.

Die Sprüche vieler Immo-Bros klingen nicht gerade nach Gemeinwohlorientierung, ihre Geschäftsidee – Mieter:innen auspressen, Steuern nicht zahlen – unterscheidet sich im Wesentlichen aber kaum vom Gebaren größerer Wohnungsunternehmen: Ob es nun die Firma Heimstaden ist, die versucht hatte, die Mietpreisbremse zu umgehen, und erst angesichts hunderter Streitfälle einknickte. Oder die Vonovia, die ihre Einnahmen 2025 durch Zehntausende fragwürdige Mieterhöhungen steigern wollte und die bei der Übernahme der Deutsche Wohnen ein Steuerschlupfloch genutzt hat und so die Zahlung von schätzungsweise einer Milliarde Euro Grunderwerbsteuer umgehen konnte.

Die großen Wohnungsunternehmen machen seit Jahren vor, wie sich möglichst viel Geld aus Wohnraum herausholen lässt – auf Kosten der einzelnen Mieter:innen und der Allgemeinheit. Diese Entwicklung treiben die Immo-Bros weiter voran. Auch, indem sie ihre Tipps und Tricks bei Coachings, Seminaren, Festivals und Konferenzen versuchen, an den Mann zu bringen. Wie erfolgreich das ist, bleibt fraglich. Die Cashflow Conference 2026 musste Insolvenz anmelden, nachdem sich dort 2025 noch die Crème de la crème der Bubble getroffen hatte.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich der eine oder andere Immo-Bro erfolgreicher präsentiert als er tatsächlich ist. In der aktuellen Aufmerksamkeitsökonomie gehört Klappern zum Handwerk, mindestens für Coaches und Influencer. In diesem Kontext wirken auch steile politische Thesen der Immo-Bros folgerichtig, schließlich klicken die in den sozialen Netzwerken.

Besonders auf die Spitze treibt das unter anderem @alex_duesseldorf_fischer. Er schimpft auf „Klima-Fanatismus, Gendersprache und moralische Überlegenheit“ und behauptet, dass Minderheiten verantwortlich für Insolvenzen, Entlassungen und steigende Lebenshaltungskosten wären. Ähnlich der in Dubai lebende @daniel.garofoli, der angesichts der Kritik am Sondervermögen nicht weniger fordert als: „Wir müssten eigentlich mit wehenden Fahnen und Fackeln vor dem Bundesreichstag stehen, weil das ist Wahlbetrug auf allerhöchstem Niveau.“

Vor allem aber reproduzieren die Immo-Bros das, was die etablierte Immobilienlobby seit Jahren predigt: Mit Wohnraum muss sich Geld verdienen lassen, Investoreninteresse schafft Wohnraum, staatliche Regulation schadet dem Markt, die Nachfrage treibt die Preise, Neubau kann die Wohnkrise beenden. Das sind die üblichen Erzählungen der Immobilienbranche, die sich als Glaubenssätze in den Köpfen der Menschen festsetzen, je öfter sie wiederholt werden. Diese Arbeit muss die Immobilienlobby nicht mehr allein machen, seitdem die Immo-Bros da sind.

Dabei dürfte es gestandenen Immobilienlobbyist:innen sicherlich manchmal kalt den Rücken hinunterlaufen, wenn sie das karrikaturenhafte Auftreten der Immo-Bros verfolgen. Martialische Musik, schnelle Autos, teure Hotels und dicke Uhren – diese Darstellung der eigenen Person als erfolgreicher Businessman kann befremdlich wirken. Doch letztlich sind die Immo-Bros damit nur die Personifikation einer Vermietungskultur, die die großen Unternehmen vormachen. Nicht nur der Wohnungsmarkt in Deutschland steckt in einer Krise, auch die Vermietungskultur tut es. Und das eine ist ohne das andere nicht denkbar.

Lara Schulschenk, 33, ist Publizistin und Content Creatorin; sie ist außerdem tätig beim Mieterverein zu Hamburg.

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