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Erziehung zwischen Freiheit und GrenzenVielleicht erwarten wir von Eltern zu viel

Nicht alle Familien in Syrien setzen automatisch besser Grenzen als die in Deutschland. Jede Familie ist anders. Aber es gibt einen großen Unterschied.

S eit ich Vater geworden bin, entdecke ich meine Stadt völlig neu. Genauer gesagt: Ich entdecke sie durch die Augen meiner Tochter.

Gibt es Bordsteinkanten, die für Kinderwagen zum Hindernis werden? Wo gibt es Schatten, wo einen Spielplatz, wo eine Turnhalle? Mit diesem Blick begegnet man auch anderen Menschen. Vor allem anderen Eltern. Spielplätze und Turnhallen sind für mich deshalb nicht nur Orte, an denen Kinder spielen. Sie sind auch Orte, an denen sich beobachten lässt, wie wir unsere Kinder erziehen. Und manchmal lernen wir voneinander.

Natürlich sollte man dort vor allem auf das eigene Kind achten. Trotzdem beobachte ich auch die Erwachsenen, weil ich neugierig bin. Wie reagieren sie, wenn ihr Kind einem anderen das Spielzeug wegnimmt? Wenn es schubst? Wenn es die Schaukel besetzt hält, obwohl andere Kinder warten?

Nur ein kleiner Ausschnitt

Vielleicht täusche ich mich. Vielleicht sehe ich nur einen kleinen Ausschnitt. Aber manchmal habe ich den Eindruck, dass ein paar Eltern Schwierigkeiten haben, ihren Kindern Grenzen zu setzen. Sie greifen gar nicht ein.

Dabei frage ich mich oft, wo Kinder eigentlich lernen, dass sie nicht allein auf der Welt sind. Dass Freiheit dort endet, wo die Freiheit anderer beginnt. Dass Rücksicht und Geduld keine Strafen sind, sondern Voraussetzungen für ein gutes Zusammenleben.

Diese Gedanken führen mich in meine Kindheit in Syrien. Ich bin mit acht älteren Geschwistern aufgewachsen, ich war der Jüngste. Meine vier Onkel lebten mit ihren Familien in der Nachbarschaft. Dazu kamen Cousinen und Cousins, Nachbarn, Freunde meiner Eltern und Lehrerinnen, die meinen Vater oder meine Mutter kannten. Eigentlich kannte jeder jeden.

In Syrien sind nie nur die Eltern verantwortlich

Deshalb hatte ich nie das Gefühl, dass nur meine Eltern für meine Erziehung verantwortlich waren. Wenn ich außerhalb der Wohnung etwas tat, das nicht in Ordnung war, musste nicht erst meine Mutter oder mein Vater eingreifen. Auch ein Nachbar konnte sagen: „Das macht man nicht.“ Ein Onkel konnte mich zurechtweisen. Selbst ältere Menschen aus der Nachbarschaft fühlten sich verantwortlich. Damals erschien mir das selbstverständlich. Erst heute merke ich, wie besonders das eigentlich war.

Natürlich bedeutet das nicht, dass alle Familien in Syrien gleich erziehen oder automatisch besser Grenzen setzen. Genauso wenig gibt es so etwas wie „die deutsche Erziehung“. Jede Familie ist anders. Und trotzdem fällt mir ein Unterschied auf.

Vielleicht lautet die eigentliche Frage: Wer erzieht unsere Kinder überhaupt noch?

In Deutschland wachsen viele Kinder in deutlich kleineren Familien auf. Die Verantwortung liegt fast ausschließlich bei den Eltern. Selbst Großeltern halten sich oft bewusst zurück oder werden gebeten, sich nicht einzumischen. Erziehung wird zu einer Aufgabe von zwei Menschen – und manchmal sogar von nur einem Elternteil.

Ich frage mich oft, ob wir Eltern damit nicht überfordern. Denn früher wurden Kinder nicht nur von ihren Eltern begleitet, sondern von einer Gemeinschaft. Interessant ist, dass ich auch die gegenteilige Kritik höre. Wenn ich mit meiner Tochter und den Kindern meiner syrischen Verwandten zusammen bin, sagen manche scherzhaft: „Den Deutschen liegt das Kontrollieren der Kinder im Blut.“ Sie erzählen, deutsche Eltern stellten Regeln auf und ihre Kinder gehorchten schnell. Arabische Kinder hingegen diskutierten länger – und irgendwann gäben die Eltern nach.

Zwischen diesen beiden Sichtweisen bewege ich mich. Ich möchte keine autoritäre Erziehung. Ich möchte aber auch keine Erziehung, in der Kinder nie lernen, dass es Grenzen gibt. Denn Grenzen bedeuten nicht automatisch Unfreiheit. Sie sind oft die Voraussetzung dafür, dass viele Menschen gemeinsam frei leben können. Vielleicht ist deshalb gar nicht die entscheidende Frage, ob deutsche oder syrische Eltern besser erziehen.

Vielleicht lautet die eigentliche Frage: Wer erzieht unsere Kinder überhaupt noch? Früher war die Antwort für mich einfach: Eltern, Verwandte, Nachbarn, Leh­re­r*in­nen – eine ganze Gemeinschaft. Heute scheinen wir diese Verantwortung immer stärker auf zwei Menschen zu übertragen. Vielleicht erwarten wir von Eltern inzwischen zu viel. Und vielleicht brauchen Kinder nicht nur mehr Freiheit, sondern auch wieder mehr Gemeinschaft.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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8 Kommentare

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  • sàmi2

    Danke für den Artikel!

    Grenzen geben Kindern Orientierung. Sind sie zu starr und unverhandelbar, schaffen Sie Unfreiheit und behindern Lernen und Entwicklung. Werden sie zu undeutlich oder nicht gezogen, führt das zu Unsicherheit und Kinder sind bei der Bewältigung sozialer Situationen auf sich allein gestellt. Das Ergebnis ist oft schlechtes Benehmen oder die Reproduktion sozialer Hierarchien (die Stärkeren setzen sich durch). Zwischen autoritär und gewährend gibt es einen Raum, in dem Erwachsene und Kinder gemeinsam lernen können, was gutes Zusammenleben ausmacht. Erwachsene haben da nämlich nicht selten auch Entwicklungsbedarf. Dass nicht alle Erwachsenen die Grenzen gleich ziehen, schadet den Kindern nicht. Gut ist, wenn die eigene Position und Entscheidung für das Kind verständlich wird.

    Ich nehme in meiner Großstadt übrigens viel Gemeinschaft wahr. Ich kenne alle Nachbarn aus meinem Haus (12 Parteien) mitsamt Kindern und auch einige aus den Nachbarhäusern. Gartenzäune gibt es nicht, aber Schwätzchen halten wir trotzdem, sehen uns bei Hinterhoffesten, gießen gegenseitig Blumen oder nehmen Pakete an. Kommt eher auf die konkreten Menschen an als auf Stadt oder Land :-)

  • Il_Leopardo

    Das Leben in Hamburg ist sicher anders, als das Leben in einem Ort in Syrien. Dann spielt sich auch der Bildungslevel eine Rolle. Konkret: Eine syrische Kleinfamilie in Hamburg hat nicht das oben geschilderte verwandtschaftliche Umfeld. Eine deutsche Familie in einem kleinen Ort schon eher. Ob dort dann auch die in der Nähe wohnenden Tanten und Onkel mit erziehen dürfen, weis ich nicht. Idealerweise gehen die Kinder ab dem 3. Lebensjahr in den Kindergarten und im 6. Lebensjahr in die Schule. Im späteren Lebensalter kommt dann vielleicht noch ein Sportverein dazu. Fazit: Die Eltern sind auch hier nicht ganz so allein, wie oben dargestellt. Ein großes Problem ist sicher, dass viele Eltern vor lauter Geldverdienen wenig Zeit mit ihren Kindern verbringen und ihnen, um ihre Ruhe zu haben, Spielzeug ins Kinderzimmer werfen - und heutzutage wohl auch Elektronik. Ich sehe auf den Spielplätzen immer wieder Mütter und hin und wieder auch Väter, die auf einer Bank sitzen und nicht auf ihre Kinder achten, sondern auf ihr Smartphone.

  • Astrid Sehnefeld

    "In Syrien sind nie nur die Eltern verantwortlich. Deshalb hatte ich nie das Gefühl, dass nur meine Eltern für meine Erziehung verantwortlich waren. Wenn ich außerhalb der Wohnung etwas tat, das nicht in Ordnung war, musste nicht erst meine Mutter oder mein Vater eingreifen. Auch ein Nachbar konnte sagen: „Das macht man nicht.“ Ein Onkel konnte mich zurechtweisen. Selbst ältere Menschen aus der Nachbarschaft fühlten sich verantwortlich. Damals erschien mir das selbstverständlich. Erst heute merke ich, wie besonders das eigentlich war."



    Das hat weniger mit Syrien oder Deutschland zu tun, sondern mit Stadt und Land.



    Städte sind immer unpersönlicher geworden. Mittlerweile kennen viele nicht mal mehr die Nachbarn in ihrem Haus.



    Dieser Trend erfasst auch das Landleben - weniger Verein, weniger Feuerwehr, weniger am Zaun quatschen.



    Wo der Gemeinsinn verloren geht, kämpft nur noch jeder für sich selbst.



    Da könnte ich jetzt die Brücke zum Zivildienst und der Wehrpflicht spannen...



    Weisheit: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.



    Fällt das weg, greift die nächste Weisheit: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nicht mehr.



    Leider sind wir gerade da großflächig angelangt.

  • Willi Müller alias Jupp Schmitz

    ...sondern auch wieder mehr Gemeinschaft...



    Stimmt!

  • DiMa

    Ich finde die Beobachtungen gut getroffen. Dazu dann zwei Anmerkungen:

    Wenn alle Personen einer Gemeinschaft die Kinder erziehen, werden den Kindern automatisch die vorherrechenden Rollenbilder und Vorstellungen anerzogen ohne, dass sich Eltern dagegen wehren könnten. Dies kann beispielsweise hinsichtlich der Gleichberechtigung der Geschlechter problematisch sein.

    Erziehen dagegen nur die Eltern die Kinder, dann besteht das Risiko, dass die Kinder keine Erziehung erfahen oder als problematisch empfundene Vorstellungen ohne Korrektiv übertragen werden. Auch insoweit greift wieder das oben genannte Beispiel.

    Die wichtigsten Erziehungshelfer meiner Kinder waren die vielzählichen Trainer unterschiedlicher Sportvereine. Dieser fast beiläufige Nebeneffekt des Sports wird leider vollkommen unterschätzt.

  • Exilberliner

    Aber wenn andere Menschen außer den Eltern Kinder Grenzen aufzeigen wird das doch heute sofort als übergriffig bezeichnet und verurteilt. Besonders von links. Vielleicht ist diese Denkweise doch ein Fehler? Großeltern, Nachbarn, Familie im weitesten Sinn haben früher bewusst oder unbewusst mit erzogen. Vielleicht nochmal probieren?

    • Herma Huhn

      @Exilberliner:

      Dass die Erziehung durch andere momentan also so übergriffig empfunden wird, liegt aber auch daran, dass sich die Vorstellung von guter Erziehung so extrem gewandelt hat, dass die Erziehungshilfe durch das Dorf eher zur Gehässigen Bemerkung von der Peanut Gallery mutiert ist.



      Vor 70 Jahren war es noch normal, dass Kinder von den Nachbarn geohrfeigt wurden.



      Dass sich Eltern dagegen gewehrt haben ist gut und richtig.



      Wenn die Nachbarn dann eingeschnappt gar nichts mehr sagen, haben sie halt auch nicht verstanden, was ursprünglich falsch war.

  • Sikasuu

    In Syrien sind nie nur die Eltern verantwortlich

    Deshalb hatte ich nie das Gefühl, dass nur meine Eltern für meine Erziehung verantwortlich waren. Wenn ich außerhalb der Wohnung etwas tat, das nicht in Ordnung war, musste nicht erst meine Mutter oder mein Vater



    In Syrien sind nie nur die Eltern verantwortlich

    Deshalb hatte ich nie das Gefühl, dass nur meine Eltern für meine Erziehung verantwortlich waren. Wenn ich außerhalb der Wohnung etwas tat, das nicht in Ordnung war, musste nicht erst meine Mutter oder mein Vater eingreifen. Auch ein Nachbar konnte sagen: „Das macht man nicht.“ eingreifen. Auch ein Nachbar konnte sagen: „Das macht man nicht.“ ....



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    Was in Syrien üblich ist? Keine Ahnung!



    Was in DE mal Standard war, wenigstens in "der Siedlung" habe ich erleben dürfen!



    Zusammengefasst:



    "Zum Kindermachen reichen Zwei, eine XX & ein XY!



    Zum Kinder erziehen braucht das/die/der ein ganze/s Siedlung/Dorf!"



    Beispiel gefällig?



    Bei dem Ruf "Mutti Stulle!" gab es einen Blick aus dem Fenster & dann kam ein Paket "Brote mit Margarine & Zucker" passend zur Zahl der spielenden Kinder aus dem Fenster der Wohnküche!



    Wir Kinder hatten viel Freiheit unter gemeinsamer Verantwortung! :-)