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Autoritäre Persönlichkeit und FaschismusAntifa ist Kopfarbeit

Autoritäre können Ambivalenz schlecht aushalten. Warum die Erkenntnisse von Sozialforscherinnen wie Else Frenkel-Brunswik brandaktuell sind.

U nlängst kletterte ich die Leiter meiner Bücherwände hoch, auf der Fahndung nach einem Buch, das über die Jahre in den zweiten Reihen eines überladenen Regals verschwunden sein musste. Dort fand ich es dann auch prompt: „Der hilflose Antifaschismus“ von Wolfgang Fritz Haug. An dem Buch hat mich schon vor vierzig Jahren der Titel elektrisiert. Der ist fast ein geflügeltes Wort.

Haug hat es Ende der 1960er-Jahre geschrieben, vor einem dreifachen Hintergrund: Erstens, dem Aufschwung der Sechzigerjahre-Apo und ihrer Auseinandersetzung mit der Nazigeneration, den verstörenden Wahlsiegen der NPD – sie zog mit 8 bis 10 Prozent in verschiedene Landtage ein. Zweitens, den offiziellen „Nie wieder“-Rhetoriken – pathosgeschwängerten Reden über „diese dunkle Zeit“, die irgendwie über die Deutschen gekommen sei, und drittens über die „Blindheit“ jener, die sich „verführen“ ließen. Die Voraussetzungen, die den Nazismus ermöglicht hätten, werden mit solchen Sprechmanieren auffällig verschwiegen.

Haug ging es primär darum, dass Charakterbildungen, wie sie kapitalistischen Systemen eigen sind, ein fruchtbarer Boden für Faschismus und dessen Kult der Härte sind. „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“, formulierte schon Max Horkheimer pointiert.

Die Philosophin Eva von Redecker hat diese Spur unlängst wieder aufgenommen. In ihrem Buch „Dieser Drang nach Härte“ wendet sie sich der Frage zu, warum Menschen in die Fänge der Rechten geraten und sich besser fühlen, wenn es anderen schlechter geht. Sie staune da häufig und fragt sich, ob etwas bei mir verkehrt sei, weil sie das so vollkommen verständlich fände. „Wir leben in einer Konkurrenzgesellschaft. Natürlich fühlt man sich manchmal besser, wenn es anderen schlechter geht“, schreibt sie.

Status und Gefühle als Eigentum

Redecker führt den Begriff „Phantombesitz“ ein. Demnach seien wir in kapitalistischen Gesellschaften trainiert, alles wie Besitz zu behandeln – nicht nur das materielle Eigentum, sondern erworbenen Status, unsere Gefühle, den Respekt, von dem wir meinen, dass er uns zusteht. Und auch die Ansprüche, die wir vermeintlich haben, und die anderen eben nicht zustehen, sind Teil dieser Definition. Kurzum: Unsere Gefühle kommen nicht aus dem Nichts, sondern aus der Wirtschaftsordnung, die uns umgibt.

Auch posthume Aufmerksamkeit ist sehr ungerecht verteilt. Die meisten Leserinnen und Leser dieser Kolumne haben wohl schon die Namen Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse und Erich Fromm gehört. Deutlich weniger sind mit Marie Jahoda, Else Frenkel-Brunswik und Käthe Leichter vertraut. Das liegt vermutlich auch daran, dass sie Frauen waren. Alle drei waren brillante linke Sozialforscherinnen, die im „Roten Wien“ der Zwanzigerjahre sozialisiert und von der Ideenwelt des Austromarxismus geprägt wurden.

Leichter untersuchte Arbeits- und Lebenswelten, vor allem von Frauen. Sie war eine Pionierin der Klassenanalyse und wurde 1942 von den Nazis ermordet. Jahoda arbeitete an einer der berühmtesten Studien über psychosoziale Folgen von Arbeitslosigkeit und vertiefte sich im US-Exil in sozialpsychologische Dynamiken von Konformismus, Vorurteilsforschung und Antisemitismus. Frenkel-Brunswik war eine zentrale Autorin jener „Studien über den autoritären Charakter“, die bei uns exklusiv mit dem Namen Adornos verbunden sind, der die Teile der Studien aber hauptsächlich zu einem Text mit einem durchgehenden Faden editierte.

Ergründen, wie Faschismus begünstigt wird

Diese bahnbrechende Untersuchung widmete sich den Charaktertypen und -eigenschaften, die Faschismus begünstigen: Unterwerfung unter Autorität, Konventionalismus, das Kriecherische, der Terror der Normalität, weiters die destruktive Rebellion und das aggressiv Aufbrausende.

Das rigide Individuum fühlt sich durch Mehrdeutigkeit bedroht

Frenkel-Brunswik, in Lemberg geboren, floh 1914 mit ihrer Familie vor einem Pogrom nach Wien. Später wurde sie von den Nazis vertrieben. In den USA angekommen, untersuchte sie unter anderem die „Etablierung von Männlichkeit beim Jungen“, das häufige Zurschaustellen „von Härte und Rücksichtslosigkeit“ bei jungen Männern und den Zusammenhang dieser Eigenschaften mit antidemokratischen Überzeugungen. Es scheint fast so, als hätte sie Figuren der Manosphere und „Tradwives“ prophezeit.

Wo Ambivalenz keinen Platz hat

Zugleich entdeckte sie schon früh die Gefahren unsicherer Männlichkeit, was der „Angst, ein Trottel zu sein“, charakterisierte, die typisch für autoritäre Persönlichkeiten sei. Der wohl verbreitetste Aspekt der Persönlichkeitsstruktur des extrem voreingenommenen Individuums war für Frenkel-Brunswik „seine Rigidität“, die „Rigidität der Denkweisen“, die keinen Platz für „Ambivalenz und Mehrdeutigkeiten“ lasse.

Das rigide Individuum fühlt sich durch Mehrdeutigkeit bedroht. Später prägte die brillante Forscherin den famosen Begriff der „Ambiguitätsintoleranz“. In ihren Forschungen zum autoritären Charakter formulierte sie den bemerkenswerten Satz: „In unserem heutigen Kampf um eine Stärkung der toleranten, liberalen Sichtweise müssen wir möglicherweise vermeiden, dem voreingenommenen Individuum mehr Unklarheiten zu präsentieren, als es aufnehmen kann.“ Das heißt: Wenn wir zu viele progressive Reformen fordern, provozieren wir autoritäre Gegenreaktionen. Die These gefällt mir nicht. Was nicht heißt, dass sie ganz falsch ist.

Autoritäre Persönlichkeiten zeichnen sich durch eine starre, stereotype Denkstruktur aus, die Ambivalenz kaum erträgt. Mehrdeutigkeit wird vermieden, Komplexität reduziert. Diese kognitive Vereinfachung ist kein reiner intellektueller Mangel, sondern eine psychische Stabilisierungstechnik: In einer als bedrohlich erlebten Welt bietet das starre Schema Halt.

Vorurteile gegenüber Minderheiten – bis hin zum Rassenwahn und zur fanatischen Xenophobie – haben überdies die so famose wie gefährliche Eigenart, dass sie den ganz normalen Leuten einer Mehrheitskultur erlauben, sich erhaben zu fühlen. Ein pathetischer Antifaschismus, der diese sozialpsychologischen Dynamiken verdrängt, ist hilflos. Das gilt genauso für verbale Kraftmeierei wie für eine arrogante Herablassung, die die Gegenseite meist sogar stärkt. Antifa ist Kopfarbeit.

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Robert Misik

Robert Misik

Geboren 1966, lebt und arbeitet in Wien. Journalist, Sachbuchautor, Ausstellungskurator, Theatermacher, Universaldilettant. taz-Kolumnist am Wochenende ("Der rote Faden"), als loser Autor der taz schon irgendwie ein Urgestein. Schreibt seit 1992 immer wieder für das Blatt. Buchveröffentlichungen wie "Genial dagegen", "Marx für Eilige" usw. Jüngste Veröffentlichungen: "Liebe in Zeiten des Kapitalismus" (2018) und zuletzt "Herrschaft der Niedertracht" (2019). Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik 2009, Preis der John Maynard Keynes Gesellschaft für Wirtschaftspublizistik 2019.
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26 Kommentare

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  • Nach Lesen des Romans von Heinrich Mann "Der Untertan" (es gibt auch eine wundervolle Verfilmung) und dem Sehen des Filmes "Die Welle" weis man alles über den autoritären Charakter insbesondere der Deutschen.

    Siegmund Freud sprach in diesem Zusammenhang übrigens vom "sadomasochistischen Charakter" und begründete dies folgendermaßen: "Diese Terminologie ist auch dadurch gerechtfertigt, dass der Sado-Masochistische immer durch seine Einstellung zur Autorität gekennzeichnet ist. Er bewundert die Autorität und strebt danach, sich ihr zu unterwerfen; gleichzeitig aber will er selbst Autorität sein und andere sich gefügig machen.“

    Dass es auch bei Linken autoritäre Gestalten gibt ist ein alter Hut, Russland und China sind da Paradebeispiele. Die oben im Artikel erwähnte Literatur ist aber angesichts des drohenden Faschismus entstanden.

    Ich fürchte, weite Kreise unserer Brüder und Schwestern im Osten bereiten gerade den Weg in autoritäre Strukturen: Alles Nicht-Konforme, wie zum Beispiel Homosexuelle, alles Fremde, wie Migranten, bereiten Angst und sollen "ausgemerzt" werden. Die Blindheit gegenüber den autoritären Machthabern in Russland sprechen ebenfalls eine deutliche Sprache.

  • Individualpsychologische Betrachtungen mögen interessant sein. Soweit sie aber im Nachzeichnen von "Charaktertypen und -eigenschaften" steckenbleiben, vernachlässigen sie (mal von falschen Generalisierungen abgesehen) das historisch entwickelte gesellschaftliche Umfeld der Individuen.



    Konkret gesagt: Pflege von Nazitraditionen als "Opposition" zum herrschenden System, gleichzeitig Anpassung an muffige Spießerkultur und zudem komplettes Fehlen einer 68er-Bewegung in der ehemaligen DDR sind neben weiteren Faktoren zur Erklärung der politischen Stimmung in Ostdeutschland heranzuziehen. Einfach nur "Ambiguitätsintoleranz" etc. zu konstatieren, stellt nur Symptome fest, weist jedoch keine Ursachenketten auf.

  • "Eine Art Rachsucht steckt in Ihnen" sagten die Indigenen während ihrer Selbsthilfekonferenzen in Europa Ende der 1970er Jahre.



    Dazu lese man Alice Miller und man erfährt eine ganze Menge über Mentalitätsbildung durch Gewaltkultur und den Machtanspruch, diese zu erhalten und gegen emanzipative Hinterfragung zum eigenen Nachteil zu verteidigen.

  • Es ist genau NICHT Kopfarbeit, sondern Herzensarbeit oder genauer emotionale Arbeit. Das Uneindeutige macht diesen Menschen nunmal mehr Angst als das eindeutig Schlechte. Den Blick vom möglichen Ungemach auf den möglichen Gewinn zu richten, ist Aufgabe jeder gesellschaftlichen Utopie. Hier ist es, wo der Antifaschismus seit jeher zu kurz greift, weil er sich selbst als Kampf versteht und daher aus der Angstlogik nicht auszubrechen vermag. Angstfreie Menschen wollen nicht kämpfen. Und hier ist es, wo linke Politik seit Jahrzehnten versagt, nämlich etwas von der Utopie gegen die egoistische Geldelite in die Praxis umsetzen. Und so haben weiterhin alle Angst und sehen sich im Kampf, die einen werden Faschisten, die anderen Vandalen, viele stecken den Kopf in den Sand und die meisten wählen weiterhin die Täter. Die drei Antworten auf Bedrohung: Fight, Flight, Fawn.

  • Interessanter Artikel. Die Beschreibung autoritärer Denkmuster fand ich lesenswert. Gleichzeitig frage ich mich, ob wir solche Tendenzen heute nicht auch in Teilen der politischen Linken beobachten können: Wenn abweichende Meinungen zunehmend moralisch delegitimiert, Debatten durch Ausgrenzung ersetzt oder ideologische Gewissheiten über den offenen Diskurs gestellt werden, wirkt das ebenfalls autoritär. Autoritarismus sollte man deshalb unabhängig vom politischen Lager kritisch betrachten – gerade wenn man demokratische Werte ernst nimmt.

  • Der Autor macht es sich mal wieder einfach und ignoriert das autoritäre Persönlichkeiten sich auch in linken Strukturen pudelwohl fühlen. Von Antideutschen, Kommunisten, bis zu den Freund*Innen der Identitätspolitik, Ambiguitätstoleranz ist praktisch keine mehr vorhanden.

  • Interessanterweise gibt es diese Rigidität auch auf der Gegenseite: Intoleranz und Vorurteile gegenüber der Mehrheit oder was als diese wahrgenommen wird.

  • Vielen Dank für diesen, guten und spannenden Artikel. Bis auf van Redecker kannte ich noch keine der Sozialwisschenaftlerinnen, vielen Dank dafür.



    Wie auch @Giordano Bruno ging mir am Ende des Artikels durch den Kopf: "..und was machen wir jetzt?" und mir fiel noch eine weitere kluge Frau ein, die gut in diese Reihe passen würde: Jane Loevinger. Diese hatte sich mit der psychologischen Ich-Entwicklung (von Erwachsenen) beschäftigt und benannte das, was hier im Artikel als Persönlichkeits- oder Charaktereigenschaft bezeichnet wird, als eine Entwicklungstufe, eine spezifische Haltung, die die Wahrnehmung und Sicht auf die Welt prägt.

    Mir hilft es das Autoritäre nicht als etwas eher statisches, wie eine Charaktereigenschaft, sondern als eine Haltung zu sehen, die sich wandelt. Im Coaching Bereich wird ja damit gearbeitet (z.B. das Haltungsmodell von Martin Permantiere) oder im sozialpolitischen Bereich, Hanzi Freinacht. Mir helfen diese Haltung- bzw Entwicklungsmodelle (es gibt da ja verschiedene) ein konstruktiven Umgang und Perspektiven zu finden. Eine Fortsetzung des Artikel in diese Richtung fände ich sehr spannend :)

  • Dass manche Individuen eher dazu befähigt sind, positive und negative Eigenschaften ihrer Eltern, Partner u.a. zu sehen und Gefühle von Liebe und Hass ein und derselben Person gegenüber ohne allzu große Angst oder Konflikte zu akzeptieren, während andere das Bild dieser Personen entweder als ganz und gar gut oder schlecht dramatisierten, ist mir schon immer aufgefallen.



    Oft genug entstehen so Karikaturen von Eltern, Partnern oder Chefs, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben.

  • Man muss den Blick gar nicht so weit nach rechts schweifen lassen; es reicht, wenn man sich die eigene linke Babbel anschaut und mit Entsetzen feststellt, das autoritäre Denkweisen auch in unseren linken Gemeinschaften die absolute Oberhand gewonnen haben. Hamas Faschisten werden als Widerstandskämpfer stilisiert, das Massaker am 7. Oktober entweder mit einem Schulterzucken abgetan oder gefeiert, islamistischer Terror wird von unseren "Aktivisten" bejubelt, Juden werden weltweit angegriffen, ausgegrenzt, gemobbt und ausgeschlossen. Die Linke schweigt oder entschuldigt oder feiert es. Menschen, die eine andere Meinung äußern, werden niedergebrüllt, bedroht und ebenfalls ausgeschlossen. - Ich kann keinen Unterschied zu Rechtsradikalen entdecken.

    • @micca:

      Wirklich nicht? Selbst bissl ambiguitätsintolerant?

      • @Cornelia Gliem:

        Ich finde die Formulierung am Ende auch misslungen, glaube aber, dass gemeint ist, dass es um "keinen Unterschiede" in diesem einen Punkt gibt, also der Frage der autoritären Denkweise.

  • Und wie passt da der Autoritismus der kommunistischen Parteien hinein wie z. B. Stalin, Mao, Ho Chi Minh, Xi, .... die ebenfalls Menschen brutal abwertenden durch Volkszugehörigkeit (Uiguren, Tibetaner,...) oder Gruppen Zugehörigkeit (Christen, Buddhisten, Don Kosaken,...)



    Da ist das Milgram-Experiment deutlich aufschlussreicher.

    • @Reinero66:

      Lesen Sie "Im Grund gut" von Rutger Bregman geschrieben. Dann werden sie lernen, dass das Milgram-Experiment ganz anders abgelaufen ist als meist beschrieben und die Folgerungen, die typischerweise daraus gezogen werden, falsch sind.

  • Ich kraftmeiere jetzt trotzdem mal verbal: Die „Angst, ein Trottel zu sein“ ist ja bei „dem voreingenommenen Individuum“ meist völlig berechtigt.

    • @guzman:

      Word.

  • "Diese bahnbrechende Untersuchung widmete sich den Charaktertypen und -eigenschaften, die Faschismus begünstigen: Unterwerfung unter Autorität, Konventionalismus, das Kriecherische, der Terror der Normalität."



    Witzigerweise sind es doch genau diese Charaktereigenschaften, die neben ganz rationalen Motivationen, die Stalinismus in allen seinen nationalen Ausprägungen begünstigten.



    Auch die im Beginn des Artikels benannte Unfähigkeit oder Unlust Ambivalenz auszuhalten, ist doch kein ausschließliches Phänomen der autoritären Rechten (wenn der Autor "Autoritär" auch als Attribut der linken Strömung sieht, ist alles gut).



    Um dies zu prüfen empfehle ich, alle wie auch immer gearteten propalästinensischen Bewegungen hinsichtlich Ihrer Ambivalenzkompetenz zu prüfen.

  • Interessanter Artikel.



    Sprachlich leider an ein paar Stellen etwas holprig.

    „Sie staune da häufig und fragt sich, ob etwas bei mir verkehrt sei, weil sie das so vollkommen verständlich fände. “

    „Zugleich entdeckte sie schon früh die Gefahren unsicherer Männlichkeit, was der „Angst, ein Trottel zu sein“, charakterisierte, die typisch für autoritäre Persönlichkeiten sei.“

  • ...zu fragen bleibt, warum die Demokratie aktuell so schwach erscheint...

    Mir persönlich scheint diese aktuelle Schwäche ein Prototyp des Schemas: In der medialen Öffentlichkeit werden demokratische Aktionen unterbelichtet und autoritäre Aktionen hervorgehoben.

    Mein persönliches Beispiel sind die Massendemonstrationen für Demokratie in Deutschland im Januar 2024. - Dagegen setzte die CDU im März 2025 ihre 551 Fragen.

    Allerdings, in den 1920er Jahren ist es misslungen, die brillanten Faschismus-Analysen der damaligen Zeit in eine effektive Verteidigung der Republik umzusetzen. Sind wir heute klüger und effektiver???

    • @Der Alleswisser:

      Nein, man ist heute nicht klüger und effektiver. Zeigt auch dieser Artikel. Weil man die Ursache an der falschen Stelle sucht. Man analysiert die rechtsextremen Parteien oder die Wähler der rechtsextremen Parteien und analysiert, was man gegen die machen könnte.

      Aber stattdessen müsste man analysieren, was in der Gesellschaft schief läuft. In den 30ern war die Weltwirtschaftskrise ein wesentlicher Grund, warum viele Menschen so verzweifelt war. Die wurden im Stich gelassen und haben sich dann eine neue Partei gesucht, weil sie sich von den etablierten Parteien im Stich gelassen fühlten.,

      Wir haben nun zwar keine Weltwirtschaftskrise wie 1929, aber trotzdem fühlen sich 50-70% der Menschen seit vielen Jahren, teils sogar Jahrzehnten von den etablierten Parteien im Stich gelassen und suchen sich dann irgendwann eine neue Partei. Und landen dann oft bei der Partei, die am lautesten gegen die etablierten Parteien schreit.

  • Das ist vermutlich alles richtig, dass es bestimmte Charakteristika gibt, die Menschen für rechtsextreme Positionen empfänglicher machen.

    Aber trotzdem ist das einen Schritt zu kurz gedacht. Denn warum hatten wir nicht schon vor 20 Jahren 30% für rechtsradikale Parteien?

    Weil diese Charakter-Eigenschaften erst dann verstärkt zum Vorschein kommen, wenn sich diese Personen ungerecht oder sonst wie schlecht behandelt fühlen. Und dass man 50-70% zunehmend schlecht behandelt, ist in unserer Demokratie und Wirtschaft eben in den letzten Jahrzehnten zunehmend der Fall.

    Und daher nutzt es nichts, jetzt zu versuchen, an diesen Menschen herumzudoktern. Solange unsere Gesellschaft nicht wieder viel gerechter wird als sie im Augenblick ist, wird das Problem immer schlimmer und radikale Parteien wie die AfD werden immer mehr Zulauf bekommen.

  • "Autoritäre können Ambivalenz schlecht aushalten."



    Das stimmt Rechts so wie leider auch Links.

  • Danke Herr Misik, alles klug und richtig, wie immer. Und was machen wir jetzt? Sachsen Anhalt is getting closer.

    • @Giordano Bruno:

      Im besten der schlimmsten Fälle bleibt uns nur der Rat Adornos und Horkheimers: „Wenn die Rede heute an einen gerichtet werden kann, so ist es weder die sogenannte Masse noch der Einzelne, der ohnmächtig ist, sondern eher ein eingebildeter Zeuge, dem wir es hinterlassen, damit es doch nicht ganz mit uns untergeht.“ (Max Horkheimer / Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, Vorrede)

  • An sehr kluger Artikel, der zum Denken anregt.