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Plattform für SozialeinrichtungenHelfen leicht gemacht

Wie kommen von Armut und Wohnungslosigkeit betroffenen Menschen möglichst schnell an Informationen? Eine neue Plattform soll denen helfen, die helfen.

Mit Moritz Bachmann, einem der Leiter der Bahnhofsmission in Kassel, besprechen die Initiatoren Funktionen ihrer Plattform Foto: Severin Wohlleben
Sabine Seifert

Aus Berlin und Kassel

Sabine Seifert

Tür an Tür liegt die Bahnhofsmission des Berliner Hauptbahnhofs neben der DB-Lounge. Ihre Be­su­che­r*in­nen trennen Welten. An diesem kalten Februarmorgen warten bereits ein Dutzend Menschen darauf, um Punkt 9 Uhr für 30 Minuten in den Aufenthaltsraum der Bahnhofsmission eingelassen zu werden: 16 Sitzplätze und ein Tresen, an dem die Wartenden Kaffee und Auskunft erhalten. Viele der Be­su­che­r*in­nen sind wohnungs- oder mittellos, kommen täglich und starten hier ihren Tag.

Ein Mann tritt an den Tresen, hinter dem im blauen Kittel ein Mitarbeiter steht. Wo er etwas zu essen bekomme, fragt er mit polnischem Akzent. Zwischen seinen Füßen klemmt ein Rucksack. Die Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo biete Suppe und Dusche, erklärt ihm der Mitarbeiter, mit ein paar Klicks druckt er ihm die Standortbeschreibung aus.

Verwirrt starrt der Mann auf die rot gestrichelten Linien: S1 -S3 – S5 – S9, es fahren mehrere S-Bahnlinien zum Zoologischen Garten. „No train“, sagt der Mann kopfschüttelnd. „Kein Zug“, erklärt der Missionsmitarbeiter. „Straßenbahn, S-Bahn.“ Dem Mann stehen viele Fragezeichen im Gesicht.

Beraten, Adressen vermitteln, eine Verschnaufpause gewähren, gehört zum Tagesgeschäft einer Bahnhofsmission. Viel Zeit bleibt nicht. Wie lässt sich den Menschen hier also schnell und effizient helfen? Dem kaum Deutsch oder Englisch sprechenden Polen, der eine warme Suppe braucht? Der zwischen Arabisch und Französisch switchenden Ägypterin, die seit Tagen ohne Schuhe auftaucht, obwohl man ihr jedes Mal neue mitgibt. Will sie Kontakt zur Botschaft oder braucht sie psychologische Hilfe?

Einen Überblick schaffen

Die Bahnhofsmission am Berliner Hauptbahnhof versucht die Menschen an soziale Hilfsangebote zu vermitteln und nutzt dafür die App der Berliner Kältehilfe. Damit ist sie digital zwar weiter als ihre Schwestervereine in anderen Städten, aber ihre App ist auf Berlin begrenzt und kann nur Deutsch. An dieser Stelle setzt Egenus an, eine neue Webanwendung, die bundesweit und gratis einen Überblick über Angebote in allen sozialen Bereichen bietet. Für Menschen, die arm, krank, verwirrt, wohnungslos, auf der Flucht oder ohne Auffangnetz sind.

„Wie kommen Hilfsbedürftige möglichst niedrigschwellig an Hilfe, war unsere Ausgangsfrage“, erzählt Egenus-Mitinitiator Deniz Petzold bei einem Treffen in der taz Kantine. „Ursprünglich hatten wir an eine App fürs Handy gedacht, doch davon sind wir wieder abgekommen. Im Browser ist die Anwendung leichter.“

Petzold ist einer von vieren im Team, die nachts programmieren, Server pflegen, Adressen digitalisieren. Ursprünglich ein Semesterprojekt im Bachelorstudium an der Berliner Hochschule für Technik, ist Egenus nun nach zwei Jahren so weit durchzustarten.

Ahmad Zanboua (links) und Deniz Petzold (rechts) wollen Egenus gerne hauptberuflich betreuen Foto: Severin Wohlleben

Anfangs hätten sie bei den Betroffenen recherchiert, berichtet Petzold. „Aber wir sind keine Sozialarbeiter. Wir sind Softwareentwickler, da liegen unsere Möglichkeiten.“ Trotzdem war er erstaunt, wie gut manche Wohnungslose untereinander organisiert seien. „Und dann gibt es diejenigen, die alles verloren oder sich aufgegeben haben. Nicht alle haben ein Handy, oft geht es verloren oder wird geklaut.“

So kamen die Entwickler auf die Idee, eine Plattform zu kreieren, die denen hilft, die helfen: Infos möglichst schnell und unkompliziert weitergeben zu können. Die über 100 deutschen Bahnhofsmissionen wurden zum Testfall, ob die Plattform funktionieren kann.

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Einrichtungen brauchen Vernetzung

Erster Versuchsort: Freiburg. Dort gibt es mit Malte Klassen einen Leiter für digitale Projekte. Die taz erreicht ihn am Telefon.„Alle Einrichtungen der Bahnhofsmission managen ihre Daten selbst“, erklärt Klassen. „Wir sind untereinander nicht vernetzt. Das ist ein Problem, das wir angehen wollten.“ Über 100 Bahnhofsmissionen gibt es in Deutschland. Ökumenisch von der katholischen wie evangelischen Kirche finanziert sowie von den Kommunen, agieren sie dennoch eigenständig.

Seit Mai 2025 testete die Freiburger Bahnhofsmission die Plattform, gab Feedback, machte Verbesserungsvorschläge. „Zwei Punkte haben wir eingebracht“, sagt Klassen. „Wir erleben täglich, dass Sprache darüber entscheidet, ob Menschen Hilfe finden oder nicht. Deshalb war die Mehrsprachigkeit von Egenus für uns besonders zentral. Der zweite Punkt war die Möglichkeit, die Hilfsangebote als Flyer mit Wegbeschreibung sofort ausdrucken zu können. Das erspart enorm Zeit.“ Überzeugt von dem Projekt, begann Klassen, Egenus in die Welt der Bahnhofsmissionen zu tragen.

Doch nicht überall reagieren sie so offen wie in Freiburg, gesteht Petzold. An einem Freitag im Februar sitzt er mit seinem Egenus-Kollegen Ahmad Zanboua im Auto. „Wir haben oft das Problem, dass die Leute misstrauisch sind, weil wir so jung sind, und denken, wir wollten ihnen etwas verkaufen“, sagt Petzold, 25, der fährt. Er hat gerade seine Bachelorarbeit abgegeben, Zanboua, 26, studiert im Master.

Ohne die Hilfe der Bahnhofsmission wären viele Menschen aufgeschmissen Foto: Severin Wohlleben

In der Bahnhofsmission von Kassel-Wilhelmshöhe sind die zwei mit Moritz Bachmann aus dem Leitungsteam, verabredet. Die Einrichtung liegt im ersten Stock, am Kaffeetresen im Aufenthaltsraum gibt es Kuchenstücke und belegte Brötchen. Eine Handvoll Leute sitzt an Tischen verteilt. „Sonst ist es voller“, sagt Bachmann zur Begrüßung, „bei uns streikt heute der Nahverkehr“.

Bachmann bittet in einen Besprechungsraum, an der Wand hängen Pläne mit Adressen von Kasseler Sozialeinrichtungen mit Orientierungskarte, Öffnungszeiten, Dienstleistungen und einem QR-Code. „Die Flyer sind mit unserer Software erzeugt“, freut sich Petzold, der das „Onboarding“ übernimmt.

Über 400 soziale Einrichtungen – Notunterkünfte, Drogenhilfen, Beratungsstellen, Tafeln – bundesweit hat das Team in den letzten Monaten erfasst, Daten, von denen die meisten noch geprüft und aktiviert werden müssen. Letztlich soll jede Einrichtung sich mit einem Konto einloggen und dann selbst verwalten können. „Wir werden dann nur noch moderieren“, hofft Petzold, „und können uns auf die technische Weiterentwicklung konzentrieren“.

Auskunft in zwölf Sprachen

„Was würde Ihnen die Arbeit erleichtern?“, fragt Zanboua. „Die Standortbeschreibungen benutzen wir sehr oft“, sagt Bachmann. „Ideal wäre, wenn wir auch Straßenbahnhaltestellen markieren könnten, damit die Leute wissen, wie sie zu den Hilfsstellen kommen können.“ Bachmann wünscht sich außerdem Standortbeschreibungen, die nicht für alle einsehbar sein sollten, gemeint sind Notunterkünfte für Frauen oder Menschen mit Gewalterfahrungen. „Technisch schwierig“, sagt Petzold.

„Habt ihr entdeckt“, fragt er stolz, „dass man die Informationen mittlerweile in zwölf Sprachen abrufen kann?“ Viele Hilfesuchende scheitern an verklausuliertem Deutsch oder am lateinischen Alphabet. Die diversen Anforderungen lassen sich nun in der Suche kombinieren.

Auch die Leiterin der Bahnhofsmission am Berliner Hautbahnhof hat mittlerweile von Egenus gehört: „Ich kann mir gut vorstellen, damit zu arbeiten. Wir machen noch viel in Papierform“, sagt Anke Voigt, 37. Um die 220 Menschen kämen täglich zu ihnen, überschlägt sie. Nach offiziellen Schätzungen leben in Berlin etwa 6.000 Menschen auf der Straße, rund 1.100 Notübernachtungen bietet die Stadt.

„Wir sind die erste und manchmal auch die letzte Anlaufstelle“, sagt Voigt. Etwa 80 Prozent der Be­su­che­r*in­nen seien Stammgäste, schätzt sie, ein Viertel davon Frauen. Nur die Hälfte etwa spreche Deutsch.

Arbeitserleichterung können sie dringend gebrauchen. „Wir arbeiten am Limit“, sagt Voigt. Nur zwei hauptamtliche Arbeitskräfte sind es in der Bahnhofsmission des Hauptbahnhofs, unterstützt von etwa 60 Ehrenamtlichen. In Kassel arbeiten zwei Hauptamtliche mit halber Stelle. Freiburg hat neben Malte Klassen zwei Festangestellte. Zumal gehören die Begleitung von Kindern und mobilitätseingeschränkten Menschen nach wie vor zu den Kernaufgaben einer Bahnhofsmission – neben der Sozialarbeit.

Anfang März fand ein Online-Meeting der Egenus-Initiatoren statt, zu dem alle Bahnhofsmissionen eingeladen waren. 14 nahmen schließlich teil. „Es kamen gute Fragen“, sagt Deniz Petzold beflügelt vom Feedback. Ihre Strategie, die Einrichtungen zu stärken und dadurch Hilfesuchende besser zu erreichen, hat sich ausgezahlt.

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