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Woche der Beschwerde in BerlinDie Gewalt sichtbar machen

Durch eine Aktionswoche sammeln So­zi­al­ar­bei­te­r*in­nen Beschwerden von Wohnungslosen, leiten sie an Behörden weiter und schaffen damit Aufmerksamkeit.

Aktion „Woche der Beschwerde“: Gewaltdelikte gegenüber Obdachlosen sichtbar machen Foto: Carsten Koall/dpa

„Sie werden angepöbelt, bespuckt oder zu Mordopfern“, erzählt die Streetworkerin von Gangway e. V., Anna Sauerwein. Wohnungslose oder auch Obdachlose sind in ihrem Alltag fast täglich von Gewalt betroffen. Mit „Der Woche der Beschwerde“ will die Union für Obdachlosenrechte (Ufo Berlin) vom 4. bis 8. Mai die Erfahrungen der Betroffenen sichtbar machen.

Dazu suchen die Dropout-Teams von Gangway e. V. (Streetworker*innen für Berliner Brennpunkte), die AG Straße Mitte (Zusammenschluss aus verschiedenen Träger*innen) und die Initiative Habersaathstraße Gespräche mit Betroffenen auf der Straße. „Es gibt bisher keine gute Datenerfassung oder realistische Zahlen zur Gewalt, die wohnungslose Menschen erleben und diese nachweisen“, sagt Sauerwein. Mit den standardisierten Fragebögen werden die Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen der Betroffenen systematisch erfasst und an die Landesdiskriminierungsstelle (LADS), das Berliner Register sowie den Bürger- und Polizeibeauftragten des Landes Berlin weitergeleitet, um den Druck für eine unabhängige Beschwerdestelle zu vergrößern.

Hohe Gewalt bei Räumungen

Obdachlose erlebten in Berlin 2024 einen Anstieg von Gewalt im Vergleich zum Vorjahr. Nach Angaben der Senatsverwaltung für Inneres gab es 241 Fälle von einfacher Körperverletzung und 166 Fälle von gefährlicher und schwerer Körperverletzung. 114 Vorfälle fanden auf den Straßen statt. Es gab 35 Raubüberfälle, dreimal kam es zu Mord und Totschlag. Auch sexualisierte Gewalt ist für obdachlose Menschen Thema. Das sind jedoch Zahlen von angezeigten Vorfällen. Die Dunkelziffern sind vermutlich höher.

Ihr Recht auf Eigentum wird komplett übergangen

Anna Sauerwein, Streetworkerin bei Dropout-Mitte

Gründe für die Gewalttaten sind unter anderem Rassismus und Klassismus, erzählt die Sozialarbeiterin Julia Schenker, ebenfalls von Gangway. Besonders in Berlin-Mitte hätte sich die Gewalt während Räumungen über die Jahre stark zugespitzt. Als Beispiel nennt sie den Alexanderplatz. Dort werden Obdachlose häufig verbal von der Polizei angegangen. „Ihre Schlafsäcke, Isomatten oder auch Matratzen werden von der Polizei einfach entsorgt. Ihr Recht auf Eigentum wird komplett übergangen.“

Selbst die So­zi­al­ar­bei­te­r*in­nen sind manchmal von Gewalt betroffen: Die Streetworkerinnen berichten, dass durch das Sonderprogramm der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) „Für mehr Sauberkeit und Sicherheit“ das erhöhte Aufgebot von Sicherheitspersonal zu mehr Auseinandersetzungen geführt habe: Man habe Betretungsverbote für bestimmte Bahnhöfe erhalten und eine Kollegin habe bereits körperliche Gewalt erlebt.

Unabhängige Beschwerdestelle für Wohnungslose

„Mit unserer Aktion wollen wir die Lebenssituation der Wohnungslosen verbessern“, sagt eine Sprecherin der Union für Obdachlosenrechte. „In den letzten sechs Monaten haben wir bereits über 50 Beschwerden sammeln können.“

Doch das Zusammentragen von Beschwerden sei schwer, erklären Streetworkerinnen von Dropout-Mitte. Es sei nicht einfach für die Menschen, über ihre Erlebnisse zu sprechen. „Häufig hören wir auch Aussagen wie: ‚Das bringt doch eh nichts‘“. Es brauche viel Beziehungsarbeit, damit die Menschen sich öffnen, so die Streetworker*innen.

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