Ole Liebls Buch zu fragiler Männlichkeit: Das Problem sitzt im Saal
Ole Liebl seziert in seinem Buch die Gefühlswelt von Männern. Bei der Lesung wird viel gelacht – unbequeme Fragen an das eigene Verhalten bleiben aus.
Müde, horny, hungrig. So oder so ähnlich fallen die Antworten aus, die Frauen von Männern auf die Frage „Wie geht’s dir?“ bekämen – als wäre es eine Checkliste mit 13 Auswahlmöglichkeiten. „Als Frau mit einem Mann befreundet zu sein, kann sich anfühlen, als wäre man ein kostenloses Beziehungs- und Beratungszentrum“, fasst Ole Liebl andersgeschlechtliche Freundschaften zusammen – und erntet Gelächter.
Der Saal im Heimathafen in Neukölln ist prall gefüllt, das Publikum durchmischt. Der queere Autor und Influencer trägt eine weiße Rüschenbluse und strahlt, als dort am Donnerstagabend sein neues Buch „Brutal fragile Typen. Männer und Gefühle“ vorgestellt wird. Darin untersucht Liebl die männliche Unfähigkeit, mit Gefühlen umzugehen, die Frauen und Queere häufig beklagen. Unter der emotionalen Verkümmerung leiden auch Männer: Ihre Einsamkeits- und Suizidraten sowie ihr Drogenkonsum liegen deutlich über dem Durchschnitt von Frauen.
In den sozialen Medien boomt derzeit die Debatte um die „männliche Einsamkeitsepidemie“. Studien zeigen: Männer haben weniger enge Freunde als Frauen. „Neu ist das nicht“, sagt Liebl. „Es trifft nur einen Nerv, weil sich die Ansprüche an Freundschaften verändert haben.“ Viele Männer könnten den gesteigerten Anforderungen aufgrund ihrer Sozialisation schlechter gerecht werden. Die Folge: Frauen übernehmen die emotionale Care-Arbeit und erschöpfen sich daran.
Fokus auf Manosphere
Unter den männlich gelesenen Publikumsgästen macht sich ein leises Unbehagen breit. Der Abend könnte für sie unbequem werden – wird er aber nicht. Denn der Fokus verschiebt sich schnell von den eigenen Reihen auf die offensichtlicheren Feindbilder: Incels (Männer, die sich als unfreiwillig enthaltsam verstehen) und die Manosphere. Liebl liest eine Passage, in der er ironisch beschreibt, wie er sich in der Lanxess Arena zusammen mit 7.000 anderen Gästen den antifeministischen Beziehungs-, Job- und Fitnesstipps von Deutschlands einflussreichsten Maskulinisten, Kian Hoss und Philip Hopf, lauscht.
Das eigentliche Problem liegt aber nicht nur an den extremen Rändern, sondern sitzt mitten im Raum. Anstatt das eigene Verhalten kritisch zu hinterfragen und Verantwortung zu übernehmen, wird über offensichtlich toxisch und fragile Männlichkeit gelacht. Der Konsens ist bequem: Incels und Friedrich Merz sind scheiße, Feminismus notwendig.
Dabei ist es Liebls erklärtes Ziel, genau nicht in diese Binarität zu verfallen: Männer sind schlecht, Frauen gut. Auch den Begriff „toxische Männlichkeit“ kritisiert er, da er Männer in „gute“ und „schlechte“ einteile – und zudem häufig rassistisch aufgeladen werde, wie zuletzt im Fall Collien/Ulmen durch Friedrich Merz.
„Ich will nicht auf männlichen Eigenschaften herumreiten“, sagt Liebl. Stattdessen wolle er Menschen als historisch geprägte Wesen begreifen und jene sozialen Prozesse kritisieren, die fragile Männlichkeit hervorbringen – etwa, dass man sich im Patriarchat „selbst zum Mann zu machen hat“. Häufig geschehe das über Rituale, die Einsamkeit, Schmerz und Misogyne beinhalten.
Appell, gemeinsam für Geschlechtergerechtigkeit zu kämpfen
Heute stünden Männer in einem Zwiespalt: Sie sehen sich sowohl mit patriarchalen als auch mit feministischen Erwartungen konfrontiert. Opfer seien sie dennoch nicht, betont Liebl – diese Erfahrung sei lange Frauen und queeren Menschen vorbehalten gewesen. „Sie haben es geschafft durch Schwesternschaft eine bessere Zukunft zu entwerfen“, sagt er. „Das müssen Männer jetzt auch tun.“ Sein Appell: Die Wut der Frauen auf die Männer muss sich in eine Wut aufs Patriarchat übersetzen – und die der Männer auf den Feminismus ebenso.
Zurück bleibt ein wohliges, konstruktives Gefühl. Doch die existenziellen Konsequenzen patriarchaler Gewalt – etwa Vergewaltigungen und Femizide –, die im Buch durchaus thematisiert werden, bleiben an diesem Abend randständig. Liebl setzt auf Humor und ermöglicht damit Männern, die Lesung nicht mit Unbehagen oder dem Drang zur Veränderung zu verlassen, sondern mit einem beruhigenden Lächeln. Angesichts einer Realität, in der Frauen täglich Opfer misogyner Gewalt werden, wirkt das unzureichend.
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