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EU-AsylpolitikHandschrift der Rechtsextremen

Christian Jakob

Kommentar von

Christian Jakob

Das EU-Parlament stimmte für die fast schrankenlose Abschiebung in Drittstaaten. Konservative und extreme Rechte taten sich dafür zusammen.

Stimmt zusammen mit Rechtsextremen ab: Manfred Weber (CSU), Fraktionsvorsitzender der Fraktion EVP im Europaparlament Foto: Katharina Kausche/dpa

A n 38 Stellen soll der Gesetzestext verändert worden sein, den Konservative und Rechtsextreme am Donnerstag im EU-Parlament beschlossen haben. 38-mal verschärften sie gemeinsam die neuen Abschieberegeln der EU. Teils wurden Forderungen der ESN-Fraktion (Europa der Souveränen Nationen), zu der die AfD gehört, direkt übernommen. So geht das neue Abschieberecht über das hinaus, was der Kommission vorschwebte und was die anderen Parteien der Mitte mitgetragen hätten.

Die neue Rückführungsverordnung ermöglicht, Menschen, die nicht in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt werden können, in sogenannte Return-Hubs in Drittstaaten zu bringen. Nach dem Willen der Kommission hätte es dabei eine gewisse zentrale Steuerung und Überwachung gegeben. Nun aber haben die Mitgliedsstaaten praktisch völlig freie Hand. Sie können weitgehend nach Gutdünken andere Regierungen dafür bezahlen, Haftlager einzurichten, in die Abgeschobene, auch Familien mit Kindern, gesperrt werden.

Wie lange? Nach welchem Recht? Wie kommen sie wieder raus? Wer ist für sie verantwortlich? Alles unklar. Die Mitgliedsstaaten können es nun im Großen und Ganzen halten wie sie wollen. Offen ist, ob sie Staaten finden, die dabei mitmachen. EVP-Chef Manfred Weber hatte noch am Mittwoch behauptet, ihm sei keine andere Möglichkeit geblieben, als den Beschluss mit den Rechten zu fassen, weil die Sozialdemokraten nicht mitziehen wollten. Tatsächlich haben die Sozialdemokraten die Return-Hubs sehr wohl mitgetragen. Die Idee wurde in der Ampelzeit unter der SPD-Innenministerin Nancy Faeser vorangetrieben. Einwände gegen die Return-Hubs hatten die Sozialdemokraten allenfalls gegen die weiter angeschärfte Version.

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Dass Weber diese nun unbedingt mit der extremen Rechten durchsetzen musste, ist seine bewusste Entscheidung. Dass die Rechtsextremen im Parlament das Votum mit Standing Ovations begrüßten, zeigt: Sie sehen es als Grundlage für eine weitere Zusammenarbeit mit den Konservativen in anderen Bereichen. Wahrscheinlich haben sie damit recht.

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Christian Jakob
Reportage & Recherche
Seit 2006 bei der taz, zuerst bei der taz Nord in Bremen, seit 2014 im Ressort Reportage und Recherche. Im Ch. Links Verlag erschien von ihm 2023 "Endzeit. Die neue Angst vor dem Untergang und der Kampf um unsere Zukunft". Seit 2019 gibt er den Atlas der Migration der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit heraus. Zuvor schrieb er "Die Bleibenden", eine Geschichte der Flüchtlingsbewegung, "Diktatoren als Türsteher" (mit Simone Schlindwein) und "Angriff auf Europa" (mit M. Gürgen, P. Hecht. S. am Orde und N. Horaczek); alle erschienen im Ch. Links Verlag. Seit 2018 ist er Autor des Atlas der Zivilgesellschaft von Brot für die Welt. 2020/'21 war er als Stipendiat am Max Planck Institut für Völkerrecht in Heidelberg. Er ist Autor von Hörfunkfeatures für SWR, Deutschlandradio und ORF und Mitglied im Beirat des Mediendienst Integration. Auf Bluesky: chrjkb.bsky.social
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21 Kommentare

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  • M.W. nach wären die AfD-Stimmen zur Erlangung einer Mehrheit nicht nötog gewesen. Nimmt man die deutsche Brilla, sieht man eine Zustimmung bei rechten, mittigen und teils auch eher linken Parteien.



    Und was man den Grünen (Mercosur) zugesteht, darf man bei den Konservativen nicht verteufeln.

  • Schon klar: die EVP ist zu Kompromissen mit demokratischen Parteien nicht fähig und kritisiert daraufhin die Kompromissunfähigkeit der Sozialdemokraten/Grünen/Liberalen.

  • Es ist ein historischer Tabubruch und eine moralische Bankrotterklärung: Dass Manfred Weber und seine EVP-Fraktion im EU-Parlament gemeinsame Sache mit Rechtsextremisten und Neofaschisten machen, um eine menschenverachtende Asylreform durchzupeitschen, markiert das endgültige Aus der „Brandmauer“. Wer sich mit der AfD und anderen Verfassungsfeinden in Chatgruppen abspricht, um Inhaftierungslager in Drittstaaten – sogenannte „Return Hubs“ – zu legitimieren, hat den Kompass der Humanität verloren.



    ​Hier wird das Schicksal schutzsuchender Menschen, darunter Familien mit Kindern, auf dem Altar eines rechten Machtkalküls geopfert. Webers Kurs ist kein „Realismus“, sondern die aktive Kapitulation vor der Agenda der Rechtsaußen-Parteien. Indem die Konservativen die Sprache und die Methoden der Ausgrenzung übernehmen, machen sie sich zu nützlichen Idioten jener Kräfte, die Europa von innen heraus zerstören wollen. Wer Mauern baut und Menschenrechte externalisiert, rettet nicht das Abendland, sondern begräbt dessen Seele. Diese unheilige Allianz ist ein Verrat an allem, wofür die Europäische Union einst stehen sollte: Freiheit, Recht und menschliche Würde!

  • Die Brandmauer ist weg oder Natürliche Allianzen

    Zitat: "Das EU-Parlament stimmte für die fast schrankenlose Abschiebung in Drittstaaten. Konservative und extreme Rechte taten sich dafür zusammen.“

    Jetzt wächst wieder zusammen, was schon immer zusammengehörte…

  • Der wirkliche Feind der Demokratie sind hier die Deutschen SPD Abgeordneten ! Im Gegensatz zu der Schwarz - ROTEN Bundesregierung haben diese "Abgeordneten" gegen die Vorlage ihrer eigen Mutter-Partei gestimmt, und somit bewusst, geplant das scheitern dieses Entwurfes in kauf genommen. Wenn es jetzt dadurch zu einem Rechtsruck gekommen ist, ist es die alleinige Schuld dieser Politiker.

    • @Günter Witte:

      Natürlich bindet der Koalitionsvertrag in Berlin nicht das Abstimmungsverhalten in Straßburg und Brüssel. Aber ich geben Ihnen recht, klug war es nicht. Schade auch, daß das in der Berichterstattung der taz unterschlagen wird.

  • "Offen ist, ob sie Staaten finden, die dabei mitmachen."

    Vielleicht in Nachbarschaft der Gefängnisse, die die USA nutzen in El Salvador.

  • Menschenrechte? War da mal was?

    Was treibt der Herr Weber da eigentlich?

    • @Aurego:

      Das, was seine Vereinigung von ihm erwartet.

  • Man kann nur beten und hoffen, dass sich keine Drittländer finden, die da mitmachen - auch wenn man diese vermutlich mit viel Geld locken wird. Für mich sind CDU und SPD auf ewig erledigt. Über die AfD schweige ich lieber. Schließlich hatte ich eine gute Kinderstube.

  • Was ist denn nun genau falsch an diesem Beschluss, wenn damit illegale Migranten sowie abgelehnte oder straffällig gewordene Asylbewerber in Drittländer abgeschoben werden können?

    • @Die_Mitte_machts:

      Wer im Jahr 2026 immer noch ein rassistisches Logo als Avatar-Bild nutzt, zeigt deutlich, wes Geistes Kind er/sie ist.

      Und ansonsten: Lesen Sie noch einmal den Artikel. Es geht um Entrechtlichung von Menschen in Not und mangelnde beziehungsweise nicht vorhandene rechtsstaatliche Kontrolle, die von der EVP in traulicher Zusammenarbeit mit den Rechtsextremen im EU-Parlament durchgesetzt wurde.

    • @Die_Mitte_machts:

      Kein Mensch ist illegal.

    • @Die_Mitte_machts:

      Das wird Ihnen hier vermutlich niemand erklären.



      Die Frage trage ich auch schon länger unbeantwortet mit mir herum.

    • @Die_Mitte_machts:

      Weil auch diese Gruppen ein Anrecht auf menschenwürdige Behandlung haben.

  • Laut UN Flüchtlingskonventon dürfen Flüchtlinge in sichere Drittstaaten verbracht werden.

  • Es gab mal eine Zeit, da wurde die offensichtliche Lüge in der Öffentlichkeit (gestern bei Lanz mehrfach; vor kurzem beim Münchner Stammtisch etc.) kritisch gesehen. Weber lügt überall und jederzeit, da er sorgfältig vermeidet eine strukturierte Zusammenarbeit mit der Rechtsextermen sich nachweisen zu lassen; und. er brennt für die EU, brennt sie nieder? Aber Schwamm drüber: seine Leuten haben ihn als KP verhindert und Frau v. d. L zur KP gemacht.

  • Passt doch alles zusammen. Das Völkerrecht missachten, Menschen-Lager errichten, Grenzen abschotten, im eigenen Land den Rechtskurs hochfahren, komplette Kontrollen über Widerstände.



    Man muss schon blind sein um nicht den "neuen Richtungswechsel" zu erkennen.



    Den Rechtsradikalen die ausgestreckte Hand hinhalten und es offiziell als Demokratie zu verkaufen, für wie blöd halten die uns mittlerweile?

  • Auch wenn es langsam lästig wird immer das Gleiche zu wiederholen, es gibt keinen Unterschied zwischen Konservativen und extremen Rechten im EU-Parlament.

  • Da wächst zusammen, was dem Willen gewichtiger Kreise in der EVP (also auch der CDSU) zusammengehört.

    Weitergehen, es gibt hier nichts zu sehen!

    „Return Hubs“ klingt so schön harmlos. Machen wir uns nichts vor: es geht um Internierungslager und Entrechtung von Menschen. Wen schert schon, was außerhalb Europas geschieht? Aus den Augen, aus dem Sinn.

  • Nur weil sich die CDU/CSU in Deutschland als Hüter der freiheitlichen demokratischen Grundordnung und Vertreterin der politischen Mitte aufzuspielen pflegt, heißt das noch lange nicht, dass sie im europäischen Maßstab nicht als rechtsextrem zu beurteilen wäre. In vielen Politikfeldern gibt es schon lange große Überschneidungen mit klar rechtsextremen Parteien.