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Start der OstermärscheDie Friedensbewegung marschiert wieder

Die Ostermärsche nehmen in diesem Jahr Aufrüstung und Angriffskriege in der Ukraine und im Nahen Osten in den Blick. Bereits am 1. April geht es los.

Ostern wird wieder demonstriert: Der erste Ostermarsch 1969 führte zum Nato-Truppenübungsplatz in Bergen-Hohne Foto: Klaus Rose/picture alliance

„Hochrüstung und Wehrpflicht, Kriegswirtschaft und Abbau des Sozialstaates, ‚Bedrohungslüge‘ und ‚Feindbildpropaganda‘ in vielen Medien. Der Abnutzungskrieg in der Ukraine mit immer mehr Toten. Gaza, Libanon, Iran. Die Verfolgung der Kurden in der nordsyrischen Region Rojava“, zählt Eckart Stedeler auf und betont: An Gründen und Anlässen, Ostern auf die Straße zu gehen, mangele es nun wirklich nicht. Der pensionierte Lehrer ist Sprecher des Göttinger Friedensbündnisses, welches für den 4. April zu einem Ostermarsch in der Universitätsstadt mobilisiert.

Bundesweit sind nach Angaben des Netzwerks Friedenskooperative in Bonn am Osterwochenende in rund 100 Städten Mahnwachen, Kundgebungen und Demonstrationen geplant. „Aus allen Winkeln der Erde erreichen uns aktuell schreckliche Bilder“, heißt es in einer von dem Netzwerk initiierten Zeitungsanzeige, die am Samstag auch in der taz erschienen ist: „Gewaltsame Niederschlagungen von friedlichen Protesten, Ermordung von unschuldigen Zivilisten und Zivilistinnen, Erstarkung autoritärer Kräfte, zunehmende Einschränkungen von Menschenrechten, Drohnen und Bomben, die auf Menschen und Gebäude fallen. Es reicht!“

Scharfe Kritik üben viele Ostermarsch-Aufrufe an einer „selektiven Auslegung des Völkerrechts“ durch die Bundesregierung. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine sei ebenso ein Verstoß gegen das Völkerrecht wie die Angriffe der USA und Israels gegen Iran oder der Angriff der USA auf Venezuela zu Jahresbeginn. Auch die massive Aufrüstung Deutschlands wird von den Ostermarschierenden angeprangert. Das gefährliche Wettrüsten berge ein großes Eskalationspotenzial und verschlinge immense Ressourcen, die dringend für Bereiche wie Klimaschutz, Bildung, Soziales und das Gesundheitswesen benötigt würden.

Veranstalter der Ostermärsche sind lokale Bündnisse. Teils machen Organisationen aus der „alten“ Friedensbewegung wie die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsgegnerinnen (DFG-VK) und Pax Christi mit, teils neue Gruppen wie die Schü­le­r:in­nen gegen Wehrpflicht, aber auch Dritte-Welt-Initiativen aus der Palästina- oder Kurdistan-Solidarität sowie die Linke und – in wenigen Fällen – das umstrittene Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) sind dabei. Beim Ostermarsch in Saarbrücken wird laut Ankündigung der ehemalige saarländische Ministerpräsident Reinhard Klimmt von der SPD eine Rede halten.

Bereits am 1. April geht es los. Für diesen Tag sind Mahnwachen und Kundgebungen unter anderem in Bad Hersfeld, Dortmund, Köln, Ulm sowie an der Flensburger Dependance des Rüstungskonzerns Rheinmetall angekündigt. Am 2. April gibt es Ostermärsche etwa in Erfurt, Jena und Königs Wusterhausen.

Rekordzulauf in den 1960er und 1980er Jahren

Hauptaktionstag ist der Ostersamstag (4. April). Dann wollen Demonstranten beispielsweise in Kassel, Leipzig, Heidelberg, Stuttgart, Bonn, München, Bremen und Hannover Flagge zeigen. Auch der traditionelle dreitägige Ostermarsch Rhein-Ruhr startet an diesem Tag in Duisburg. Außer in den Großstädten sind auch in kleinen Orten wie dem nordhessischen Witzenhausen, in Michelstadt im Odenwald oder auf der Nordseeinsel Norderney Aktionen geplant.

In der Bundesrepublik führte der erste Ostermarsch 1960 mit rund 1.000 Teilnehmern zum Truppenübungsplatz Bergen-Hohne in der Lüneburger Heide. Dort hatte die Nato Raketen stationiert, die auch Atomsprengköpfe aufnehmen konnten. Beflügelt auch von den Protesten der Studierenden, hatten die Ostermärsche in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre enormen Zulauf. 1967 beteiligten sich 150.000 Demonstranten an Osteraktionen in mehr als 200 Städten, ein Jahr später waren es doppelt so viele.

Eine Renaissance erfuhren die Ostermärsche um 1980 mit der Debatte über die Aufrüstung der Nato mit atomaren Mittelstreckenwaffen. Zehntausende versammelten sich damals an den geplanten Standorten für Cruise Missiles und Pershing-II-Raketen. Die Kriege in Jugoslawien und in Irak mobilisierten in den 1990er und 2000er Jahren noch einmal zahlreiche Menschen. Danach pendelte sich die Zahl der Ostermarschierer – mit Ausrutschern nach oben – bei einigen Tausend bis einigen Zehntausend ein.

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13 Kommentare

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  • Und in Berlin demonstriert wieder die offen rechte Friedenskoordination, wie die letzten Jahre vermutlich mit Die Basis, AfD, BSW, NPD/Heimat, Putinfans, Verschwörungsideologen, Schwurblern und Coronaleugnern (Ja, die haben wir hier immer noch!). Live gestreamt von rechten Youtubern mit Bühnenzugang.



    Und mittendrin, wieder mit Redebeitrag eines Neuköllner Linken, die sogenannte Propalistinaensische Solibewegung. Ohne jede Abgrenzung oder Reflektion zu der rechten menschenverachtenden "Friedensbewegung".

    • @Paul123:

      Es ist schon richtig, was Sie schreiben. Aber wenn die restliche sogenannte Zivilgesellschaft daheim bleibt und auf dem Handy rumwischt, auf Kurztrip in Lissabon ist oder lieber shoppen geht, dann bleiben halt nur noch die Schwurbler übrig.

      • @derzwerg:

        Das ist natürlich das berühmte von hinten aufzäumte Pferd. Es ist keinem Veranstalter oder Teilnehmer zuviel zugemutet, von Beginn an klarzustellen, dass man Verschwörungsidologen, Demokratiefeinde oder Extremisten nicht dabei haben will bzw. im Falle des Falles, die Veranstaltung zu verlassen. Ob nun bei Corona Protesten, bei Palestina Demos etc. Wer sich nicht klar distanziert, zuläßt, dass seine Proteste unterwandert werden oder gar zwischen deren Fahnen mitläuft, darf sich nicht über entsprechende Kritik beschweren.

  • Alte & neue Verbindungen durch d. "länderübergreifenden" Ostermarsch:



    "Grenzüberschreitender Ostermarsch für den Frieden



    17 Organisationen aus Frankreich und Deutschland beteiligen sich am Ostermarsch von Kehl nach Straßburg. Die Demo startet am Samstag, 4. April"



    badische-zeitung.de



    /



    "Über 1200 Menschen beteiligten sich beim 1. Internationalen Bodensee-Ostermarsch für Frieden und militärische Abrüstung am 2. April 1988 allein am Demonstrationszug von Lindau nach Bregenz, hier auf der Bregenzer Straße."



    Bei schwaebische.de



    Titel 2023:



    "Lindau



    35 Jahre Internationale Bodensee–Ostermarsch/Friedensweg ab Lindau"



    Weiter dort:



    "Beim Bregenzer Festspielhaus pflanzten die Veranstalterinnen und Veranstalter mit den Demonstrierenden in mitgebrachter Erde aus dem ehemaligen KZ bei Dachau, aus dem Gelände bei der geplanten atomaren Wiederaufbereitungsanlage WAA in Wackersdorf sowie vom Gelände beim Schweizerischen Atomkraftwerk Kaiseraugst am Hochrhein eine „Völkerverständigungslinde“.



    So etwas bleibt in Erinnerung, verlangt doch auch n. Fortsetzung



    ...



    "Den eindeutigen Forderungen des Bodensee–Ostermarsches schlossen sich die Stadtverwaltungen von Bregenz und Como in Oberitalien an."



    Avanti

  • So repräsentativ ist die Darstellung nicht in Kassel z.b. nerven die Putinfans und schieben immer auch eine ehemalige Gewerkschaftssekretärin vor, damit es so aussieht als würde der DGB hinter ihren selektiven Ansichten stehen. Die gehen mir mächtig auf den Zeiger, verbohrte Retrolinke die irgendwann (vor 1989) geistig stehen geblieben sind. Die glauben scheinbar ernsthaft Putin würde sich "wehren" und das der Warschauer Pakt eine freiwillige Veranstaltung war. 2024 auf der 1.Mai Demo gegen Israel demonstriert haben. Damals auf die Hamas angesprochen kein Wort, nur verbissenes Schweigen.

  • Ich bin recht froh darüber, daß Pazifismus trotz der Marginalisierung der Friedensbewegung immer noch eine legitime Meinung darstellt.

    "Nie kommt man durch Gewalt zu Gewaltlosigkeit." - Gustav Landauer hatte, nach meiner Überzeugung, einfach Recht.

  • Bislang ist es mir noch nicht gelungen, eine hybride Veranstaltung zu finden, die d. Beispiel aus 2020 gleichkommt. Die Teilnahme an Gottesdiensten ist inzwischen auch medial gut möglich. Die moderne Protestkultur bedarf einer neuen Ausrichtung, die technischen Möglichkeiten bestehen.



    "Der diesjährige Online-Ostermarsch Rhein-Ruhr ist am Sonntag fortgesetzt worden. Unter anderem gab es einen per Video übertragenen ökumenischen Gottesdienst in Dortmund, an dem auch Pfarrerin Kerstin Schiffner von der Evangelischen Elias Kirchengemeinde beteiligt war. Seit dem Start des Online-Ostermarsches Rhein-Ruhr am Samstag hätten viele Menschen eigene Bilder von ihren mit Friedensfahnen, Anti-Atomaufklebern oder Plakaten mit Klimaschutzanliegen von ihren Wohnungen, Balkonen, Gärten oder von Spaziergängen an das Ostermarschbüro geschickt, erklärten die Veranstalter am Sonntag.



    "Die Resonanz auf unseren Aufruf zur Teilnahme ist überwältigend", hieß es vonseiten der Organisatoren der diesjährigen Ostermärsche in Nordrhein-Westfalen, die coronabedingt nicht wie sonst auf den Straßen im Rheinland, im Ruhrgebiet und im Münsterland stattfinden. Die Friedensbewegung demonstriert..."



    evangelisch.de 2020

  • Dieses Jahr dürfte auch die AfD viele Bürgerfest und Ostermarsch "für Frieden und Zukunft" ausrichten. Mit der gleichen Taube dürfte es da eine kaum unterscheidbare Durchmischung mit linken Gruppen bei den jeweiligen Märschen geben.

    • @Prinz Leonce vom Königreiche Popo:

      Behaupten kann mans mal

      • @TV:

        Oder man macht einfach mal die Augen auf. Das ist regional sogar schon seit Jahren der Fall.

        Für das Beispiel hab ich hier 10 Sekunden Suche gebraucht:

        taz.de/Rechtsextre...uerfront/!6090466/

        Und die sogenannten Montagsdemos im Osten, ein Überbleibsel von Pegida/Querdenken/etc., laufen schon seit Langem unter dem Motto Frieden. Da kannste jede Woche Friedensfahnen nebst Russlandflaggen und denen der Freien Sachsen wehen sehen.

        Das ist sicher nicht überall so, aber komplett in Frage zu stellen, ist schon ziemlich naiv.

  • Friedensbewegung kam gestern wie jeden Montag wieder an meinem Haus vorbei zusammen mit Russlandfahnen und AfD-Bannern. Die haben zumindest bei uns unten doch den Schuss nicht mehr gehört. Das wir hier wieder mal eine historische Abhandlung über die Bedeutung der Friedensbewegung haben, bei der dann die exponierte Rolle der Bewegung bei der Wende 89 komplett ausgelassen wird, wundert mich bei der TAZ dann wiederum kein bisschen. Ich werde in meinem Leben nicht mehr erleben, dass unsere historischen Erfahrungen irgendwie gleichberechtigt behandelt werden.

    • @Šarru-kīnu:

      Ehrlich bilanziert hat doch die Friedens-/Ostermarsch-Bewegung im Westen jetzt außer Bildern wenig erreicht. Die Ost-West Annäherung unter Brandt geschah ja unter Beibehaltung der damaligen militärischen Stärke, weil Brandt und Bahr wussten wer in der UdSSR welche Strippen zieht.



      In der DDR ist daraus ja Bewegung entstanden, die trotz echter Unterdrückung weiter gemacht hat und die Entscheidungsträger des Regimes letzlich an ihre Grenzen getrieben hat. Alles auch ungeachtet dessen, wie die UdSSR als großer Bruder reagieren würde.

    • @Šarru-kīnu:

      Meinen Sie „Schwerter zu Pflugscharen“? Nachzulesen hier:



      de.wikipedia.org/w...er_zu_Pflugscharen



      In diesem Zusammenhang habe ich gerade das schöne Wort „Textiloberflächenveredlung“ gelernt :-)

      Ob es in der DDR staatsferne Ostermärsche gab? Dazu habe ich nichts gefunden.