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Wachsender Antisemitismus bei den LinkenAuf dem Weg ins politische Abseits

Nicholas Potter

Kommentar von

Nicholas Potter

Der Antisemitismusbeauftragte in Brandenburg, Andreas Büttner, tritt aus der Linkspartei aus. Der Grund: zunehmender Antizionismus.

Unter Antisemitismus-Verdacht: Auf dem Landesparteitag der Linken in Niedersachsen ging es um den „heute real exisxtierenden Zionismus“ Foto: Hendrik Schmidt/dpa

I m Bundestag sitzt eine Partei mit einem Landesverband, der das Existenzrecht Israels ablehnt. Nein, es ist keine rechtsextreme, sondern eine linke Partei: Die Linke. Beim Landesparteitag am vergangenen Wochenende verabschiedeten die Ge­nos­s*in­nen in Niedersachsen einen Antrag mit dem ursprünglichen Titel „Ablehnung des Zionismus“. Sie versuchten zwar, den Titel abzuschwächen als Ablehnung des „heute real existierenden Zionismus“. Damit kann nur Israel gemeint sein, der real existierende jüdische Staat. Den sie damit ablehnen, und das ist schlicht antisemitisch.

Der antisemitische Flügel der Partei – dieser wird immer größer – zeigt sich berauscht von dem Erfolg. Der niedersächsische Landesverband sei als erster offiziell „antizionistisch“, grinst ein Parteimitglied mit Kufija in einem Instagram-Video. Eine Genossin sagt in dem Clip, sie hätten sich mit einem weiteren Antrag mit Aktivisten wie Ramsis Kilani solidarisch erklärt, der nach terrorverherrlichenden und antisemitischen Äußerungen aus der Partei ausgeschlossen worden war.

Für Andreas Büttner, Linken-Politiker und Antisemitismusbeauftragter Brandenburgs, reicht es: Er ist aus der Partei ausgetreten. Im Januar wurde ein Brandanschlag auf sein Grundstück verübt, samt Hamas-Dreiecken. Die Verurteilung seiner Partei war halbherzig und zögerlich. Büttners Entscheidung ist mehr als nachvollziehbar. Denn die Linkspartei schießt sich damit politisch ins Abseits. Sie mag zwar ihre Mitgliederzahlen im vergangenen Jahr auf mehr als 120.000 Ge­nos­s*in­nen verdoppelt und ein starkes Bundestageswahlergebnis von knapp 9 Prozent eingefahren haben.

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Aber eine Partei, deren Kurs zunehmend von radikalen An­ti­zio­nis­t:in­nen bestimmt wird, der wiederholt durch antisemitische Ausfälle für Skandale sorgt, ist kein ernstzunehmender politischer Verbündeter und kein potenzieller Koalitionspartner. Erst recht nicht, wenn es um das Thema Antisemitismus geht.

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Nicholas Potter
Redakteur
Nicholas Potter ist Redakteur bei taz zwei (Gesellschaft/Medien). Er wurde für den Theodor-Wolff-Preis und den Deutschen Reporter:innenpreis nominiert. Seine Texte sind auch in The Guardian, Haaretz und Tagesspiegel erschienen. 2025 war er Sylke-Tempel-Fellow des Deutsch-Israelischen Zukunftsforums, 2024 Nahost-Fellow des Internationalen Journalistenprogramms bei der Jerusalem Post. Er ist Mitherausgeber des Buches "Judenhass Underground" (2023). Im März 2026 erscheint sein neues Buch "Die neue autoritäre Linke" bei dtv.
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20 Kommentare

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  • Paula , Moderatorin

    Vielen Dank für Eure Beiträge, wir haben die Kommentarfunktion geschlossen. Wenn die Diskussionen ausfallend werden, zu weit vom Thema abweichen, oder die Zahl der Kommentare zu groß wird, wird das manchmal leider nötig.

  • Das politische Hufeisen schließt sich an seinen Enden langsam wieder und nimmt die Juden in die entstehende gemeinsame Zange.

  • Danke. Einfach mal nur: danke!

  • Die Kritik am Zionismus, die sich gegen dessen genozidale Auswirkungen auf Dritte richtet, bezieht sich auf eine politisch gelebte Realität – und nicht auf das Existenzrecht eines Staates an sich. Sie gilt allein der Art und Weise, wie der sich selbst als zionistisch bezeichnende Staat agiert. Aus dieser Kritik am Handeln eines Staates pauschal eine Infragestellung des Existenzrechts Israels abzuleiten, ist nicht nur undifferenziert, sondern wirkt dadurch in sich antisemitisch. Prost Mahlzeit.

  • Der erste Absatz weckt mit den gezogenen Schlüssen schon erhebliche Zweifel, ob die These so lange standhält. Wenn der Tunnelblick auf beiden Seiten mal erweitert würde, dürfte vor allem eins auffallen: Dass man von der Realität in Israel in jeder Hinsicht weit entfernt ist.

  • das ist so mit der schwächste kommentar, den ich zu diesem thema seit langem in der taz gelesen habe, und das will schon was heißen.



    schon verstanden, dass die taz wohl zu glauben meint, zwischen den polen potter und bax eine balancierte bandbreite von meinungen zu israel und palästina anbieten zu können.



    aber wirklich wäre allen journalisten geraten, zwischen antisemitismus und antizionismus ganz scharf zu trennen. das schafft herr potter leider nicht. leider ist das ein häufig unterlaufender fehler, der zu viel verwirrung führt.



    die im raum stehenden vorwürfe von antisemitischen ausfällen sollte her potter einmal genau belegen, ebenso wie die ´terrorverherrlichenden und antisemitsichen äußerungen´ rhamsis khilanis. ich habe dazu nichts gefunden.

  • Herr Potter, sind ihrer Meinung nach Antizionistische Juden auch Antisemiten? Sich gegen einen Staat zu stellen der Völkermord begeht ist richtig, in jeder Hinsicht. Deutschland sollte sich da, trotz aber auch wegen der Vergangenheitsbewältigung, nicht so schwer tun denn letztendlich leiden die Palästinenser für die Sünden der Deutschen.

  • Jetzt setzt also auch die Taz Antizionismus mit Antisemitismus gleich.

  • Bei einem derart seichten Kommentar braucht es auch wirklich Hinweise, dass der Kommentar andersorts durchaus etwas geleistet hat. Ich bin kein Mitglied der Linken, aber ich weiß, (wie die meisten Leser hier und anderswo), dass die Linke keine antisemitische Partei ist wie es hin und wieder versucht wird zu konstruieren.



    Wenn man das militaristische Regime von Netanjahu kritsiert, die zahllosen Morde von Frauen, Kindern, Zivilisten im Westjordanland, Gaza, Libanon, dann , ja dann ist man nicht antisemitisch wie es einem die Fanatiker glauben machen wollen. Dann ist man eher Menschenfreund, Völkerrechtsanhänger, Pazifist, Christ oder vielleicht auch links. Warum das immer mehr aus dem Blick gerät ist klar. Die Taz als ehemals linke Zeitung könnte dies durchaus mal wieder differenzierter betrachten.

  • Ich bin kein Unterstützer der Linken und auch nicht dieser Thesen bezüglich Israel.



    Aber dass hier die Begriffe Antisemitismus und Antizionismus quasi austauschbar verwendet werden, finde ich sehr fragwürdig.



    Ablehnung eines Staates, egal ob nun Russland, Eritrea oder Israel, ist nicht das gleiche wie Ablehnung einer Religion oder gar allen Anhängern dieser Religion. Und ich befürchte, dass so eine Gleichsetzungen echt schreckliche antisemitische Taten und Gedanken, die dazu führen, dass sich manche Juden und Jüdinnen nicht mehr sicher fühlen, dadurch verharmlost werden.

  • Antizionismus ist also gleich Antisemitismus? Eine Theorie, die mit der Realität nichts zu tun hat, dafür aber mit Smotrich und Netanjahu.

  • Ich lehne Zionismus ab weil er nicht realisiert werden kann ohne Vertreibung oder Benachteiligung der Nichtjüdischen Bewohner Israels.

    Ein jüdisches Israel setzt eine mehrheitlich jüdische Demografie voraus. Insofern muss Israel in die Demografie eingreifen (u.a. auch durch Vertreibung und Verweigerung der Rückkehr), um eine jüdische Bevölkerungsmehrheit sicherzustellen.

    Außerdem lehne ich die Idee ab, auf einem multiethnisch und multireligiös bewohnten Gebiet einen Staat zu errichten, der ausschließlich der Selbstbestimmung einer ethnischen Gruppe unter Ausschluss aller anderen Gruppen dient.

  • Wenn das, was die Regierung Netanjahu mit ihren rechtsradikalen Partnern verfolgt Zionismus ist, dürfte sich Herzl im Grabe umdrehen. Gerade wurde wieder in den Westbanks eine palästinensische Familie von israelischen Soldaten in ihrem Auto erschossen. Siedler Ultras wollen seit Jahren das Gebiet palästinenserfrei machen. Sie erschießen ungestraft immer wieder Einwohner und sprengen ihre Häuser. ...und das verfolgten die Siedler Ultras bereits lange vor dem barbarischen Hamas-Massaker. Politisches Programm der Regierung in Jerusalem isr die ethnische Vertreibung. Wer aber dieses rassistische Vorgehen der religiösen und politischen Ultras kritisiert, wird umgehend in die antisemitische Ecke gestellt. Das fördert allerdings ihn aber, so versucht Trump gerade die Verantwortung für den Angriff alleine Netanjahu in die Schuhe zu schieben. Das ist allerdings Antisemitismus par exellance... darüber sollten das ausgetretene Mitglied der Linken und der Kommentator der taz mal Gedanken machen.

  • Kann nur immer wieder den Kopf schütteln über solch undifferenzierte Verdrehungen.



    Wer Genozid, Besatzungspolitik und andere Verbrechen der israelischen Regierung nicht klar ablehnt, ist entweder Chauvinist, stark verblendet oder-meistens- beides.



    "Wir kritisieren, wo der



    Antisemitismusvorwurf instrumentalisiert wird, um Kritik am real existierenden



    politischen Zionismus zu delegitimieren. Gleichzeitig stellen wir klar: Antisemitismus



    hat keinen Platz in der Linken. Maßgeblich ist dabei für uns die Definition des



    Begriffs nach der Jerusalemer Erklärung."

  • Okay es ist ein Kommentar.



    Aber wir müssen mal endlich aufhören Antisemitismus und Antizionismus gleich zu setzen.



    Antizionismus ist natürlich auch schwierig, wenn dabei über den Staat Israel urteilen will.



    Aber all das was Israel und vor allem seine ultrarechte Regierung macht, das muss man doch kritisieren - kritisieren dürfen. Und das ohne irgendjemand die Antisemitismuskeule schwingt.

    Mir persönlich ist das völlig egal ob Netanjahu jüdischen Glaubens ist oder vorgibt zu sein. Und genau so kann mein Nachbar Moslem oder Jude oder Buddhist sein.



    Wichtig ist, ob man ein guter Mensch ist oder eben nicht

  • Sehr schade, was bei der Linken da gerade passiert.

    Schon die Putinnähe war und ist erschreckend. Jetzt noch diese „Ablehnung des Zionismus“.

    Es hätte gut werden können ohne SW, leider verrennt sich die Linke total in die falschen Themen und zieht anschließend russlandfreundliche Antisemiten an, die mehr und mehr sichtbar werden.

    So leider unwählbar.

  • Gerade begann ich, mir tatsächlich vorstellen zu wollen, Die Linke nochmals zu wählen. Vielleicht halte ich es mit Herrn Büttner aus Brandenburg und lasse es gleich wieder. Schade. Was für eine Farce.

  • Warum ist Kritik an der Regierung Israels/der Siedlerbewegung automatisch antisemitisch? Bitte lesen Sie doch mal die JDA-Definition von Antisemitismus durch. Diese wurde übrigens von vielen WissenschaftlerInnen, AntisemitismusforscherInnen und israelischen HistorikerInnen aufgestellt. Sehr schade, dass Sie sich anscheinend nicht mit zionistischer Gewalt beschäftigen oder diese ignorieren. Hier ein aktueller Artikel: www.spiegel.de/aus...-bf01-bfcb033e7510. Sollten solche Gewalttaten nicht kritisiert werden dürfen?

  • Der derzeitig real existierende Zionismus hat letztes Jahr mehr Journalist:innen getötet als der gesamte Rest der Welt, unterstützt terroristische Siedlerinnen, lässt Menschen aushungern und träumt von Groß-Israel. All das hat mit dem berechtigten Zionismus eines jüdischen Schutzraums nichts zu tun. Ich würde mir Anti-Semitismus-Beauftragte wünschen, die jüdisches Leben in D schützen, anstelle sich zum Apologeten einer faschistischen Regierung zu machen, die den Nahen Osten momentan in Brand setzt.

  • Sehr spannendes Thema, zu dem ich gerne einen Bundestalk-Podcast hören würde.