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Tiere im KriegTauben-Armee im Anflug

Ein russisches Unternehmen präsentiert Tauben mit Gehirnimplantaten – fernsteuerbar wie Drohnen. Macht das Moskaus Spionage noch gefährlicher?

Das Unternehmen Neiry nennt sie „Biodrohnen“: Tauben mit Gehirnchip und Kamera Foto: neiry
Jana Lapper

Aus Wien

Jana Lapper

Eine Frau steht in einem Raum mit einem Käfig in der Mitte, rechts und links davon zwei Stühle. Sie hält eine Taube in den Händen, sagt auf Russisch „Flieg zur Basis!“ und lässt sie los. Die Taube flattert zum Käfig. Sie sagt: „Nach rechts.“ Die Taube fliegt zum rechten Stuhl. „Links“ – zum linken Stuhl. Das hier ist kein besonders braves oder gut trainiertes Tier. Es ist ein „Produkt“, präsentiert von der russischen Firma Neiry auf ihrer Jahreskonferenz Ende 2025: Tauben, steuerbar per Gehirnimplantat.

Dazu setzen die russischen Wis­sen­schaft­le­r:in­nen den Tauben chirurgisch Elektroden in jene Regionen des Gehirns, die Bewegung und Orientierung steuern. Über Funk werden die Elektroden stimuliert und die Taube fliegt in die vorgegebene Richtung. Dafür trägt das Tier einen solarbetriebenen Rucksack mit GPS- und Funkmodulen. Über das GPS sieht die steuernde Person, wo sich das Tier befindet und kann es lenken. Neiry plant, dieses System bald auch auf Krähen oder Möwen auszuweiten.

Boulevard-Medien wie die US-amerikanische Sun warnen jetzt vor „Putins erschreckender Flotte“. Doch so neu ist das Phänomen gar nicht, sagt der wissenschaftliche Leiter des Deutschen Spionagemuseums, Florian Schimikowski: „Die Verbindung von Spionagetechnik und Tieren geht sehr lange zurück.“ Schon im Ersten Weltkrieg spionierten Tauben mit automatisch auslösenden Kameras Gegner von oben aus.

Das große Plus der Taube: ihr herausragender Orientierungssinn, bei dem noch immer nicht ganz geklärt ist, wie er funktioniert. „Zur Navigation können sie möglicherweise Magnetfelder mit empfindlichen Rezeptoren in ihren Augen und Schnäbeln wahrnehmen“, sagt Dr. Brandon Mak, der an der TU München unter anderem zu Tauben forscht.

Tauben sind klein, leise und unauffällig

Seit der Antike nutzen Menschen deswegen Brieftauben, die ihren Weg nach Hause allein finden. Im Zweiten Weltkrieg warf der britische Geheimdienst nachts Tauben in Käfigen und Säcken mit kleinen Fallschirmen über von der Wehrmacht besetztes Gebiet ab. Agen­t:in­nen sammelten sie ein, hefteten Nachrichten an ihre Beine und ließen sie frei. Die Vögel flogen automatisch zurück nach Großbritannien – ohne wie Funkwellen abgehört zu werden.

Auch Tier-Cyborgs sind längst Realität. Die CIA testete in den 1960ern Katzen als lebende Wanzen, mit Mikrophonen in den Ohren, Batterien im Bauch und einer Antenne im Schwanz. Schon vor zehn Jahren haben russische Forschende Mikrochips mit den Gehirnen von Ratten verbunden, um Sprengstoff zu finden. Trotzdem sagt Schimikowski: „Wenn die Steuerung der Tauben so funktioniert, wie Neiry angibt, ist das ein neues Level.“

In einer Presseaussendung teilt Neiry mit, dass ihre „Biodrohnen“ zum Beispiel in der Landwirtschaft oder Logistik eingesetzt werden können. Neiry ist zwar offiziell ein privatwirtschaftliches Unternehmen, hat aber eine Finanzierung über einen staatlich initiierten Fonds erhalten. Der staatliche Gaskonzern Gazprom und die Stadt Moskau nutzen laut Neiry-Website seine Produkte. Es drängt sich die Frage auf: Könnte Moskau die Tauben militärisch nutzen, etwa in seinem Angriffskrieg in der Ukraine?

Im Vergleich zu den meisten anderen Drohnen sind Tauben sehr klein, leise und dadurch unauffällig, vor allem in städtischen Gebieten, wo sie ohnehin herumflattern. Tauben können bis zu 400 Kilometer am Tag fliegen. Das ist deutlich weiter als die meisten kleinen Aufklärungsdrohnen – die Mikado der Bundeswehr etwa, die vor allem im städtischen Gelände eingesetzt wird, hat nur eine Reichweite von einem Kilometer. Laut Schimikowski könnten die Cyborg-Tauben für die russische Kriegsführung – etwa im Krieg in der Ukraine – trotzdem höchstens eine kleine Ergänzung sein. „Wenn Moskau wirklich Technik hätte, von der es sich einen enormen Vorteil verspricht, würde es den Teufel tun und das in die Welt hinausblasen“. Das Programm stünde unter höchster Geheimhaltung.

Und wie geht es eigentlich den Tieren selbst?

Spionage an sich spielt im Krieg in der Ukraine eine große Rolle. Insbesondere die Ukraine ist auf diese Informationen angewiesen und setzt vor allem auf technische Spionage: Satellitendaten von westlichen Partnern zeigen Truppenbewegungen, elektromagnetische Signaturen verraten, wo gefunkt wird, Drohnen liefern Aufklärung über den Gegner.

Russland setzt neben modernster Technik verstärkt auf gute alte menschliche Agent:innen. Schon im Zuge der Annexion der Krim durchsetzten russische Spio­n:in­nen die ukrainischen Sicherheitskräfte. Heute können teilweise Chatbots „Wegwerfagenten“ über Telegram-Gruppen rekrutieren, heißt es in einem Bericht des Verfassungsschutzes vom Mai 2025. Sie werden mit Kryptowährung für kleine Aufträge bezahlt. Bei einer Festnahme können sie nichts verraten, weil sie selbst kaum wissen, für wen sie arbeiten.

Ganz Europa und die westlichen Verbündeten der Ukraine sind dabei ins Visier geraten. „Russland spioniert in Europa, um herauszufinden, wo die Waffenlieferungen herkommen und wie die einzelnen Länder politisch stehen“, sagt Schimikowski.

Und es bleibt nicht beim Auskundschaften. Längst greifen russische Geheimdienste aktiv ein. Wie im Sommer 2024, als Pakete mit Brandsätzen an mehreren DHL-Standorten auftauchten und explodierten. Laut Ermittlungen steckt dahinter der russische Militärgeheimdienst GRU. Auch Drohnen über Bundeswehrkasernen, Desinformation und Cyberangriffe sind Teil des Repertoires. „Das Vorgehen ist in den letzten Jahren immer aggressiver geworden“, sagt Schimikowski. Durch diese Aktionen seien die westlichen Verbündeten der Ukraine längst Teil dieses hybriden Krieges. Angesichts dieser Bedrohungen wirken die Cyborg-Tauben fast harmlos. Aber sie zeigen, wie analoge und digitale Spionage heute verschmilzt.

Und wie geht es eigentlich den Tieren selbst? Neiry betont auf der Webseite, sich gut um die Tiere zu kümmern. Aber unabhängige Bewertungen oder Langzeitdaten etwa zu ihrem Wohlergehen finden sich dort keine. Auf eine Nachfrage der taz reagierte Neiry nicht. Taubenforscher Mak zeigt sich jedenfalls schockiert über das Projekt. „Tiere haben keine Möglichkeit, einer solchen Praxis zuzustimmen“, sagt er. Müssten die Tauben regelmäßig große Distanzen von 400 Kilometern überwinden, würden die meisten wohl vor Anstrengung sterben. „Technologie sollte den Einsatz lebender Tiere ersetzen und nicht umgekehrt.“

Klare internationale und ethische Regeln beim Verschmelzen von Lebewesen und Technik fehlen bislang. Während in der EU zum Beispiel Richtlinien des Tierschutzes greifen würden, sind in Russland Tiere in wissenschaftlicher Forschung davon ausgenommen. Zumindest verabschiedete die UNESCO, in der Russland Mitglied ist, Ende 2025 die erste globale Empfehlung zur Ethik der Neurotechnologie bei Menschen. Sie betont den Schutz der geistigen Integrität, Transparenz, Einwilligung.

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6 Kommentare

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  • Das Gruseligste daran ist, dass so etwas prinzipiell auch bei Menschen funktionieren würde...

  • ...doch der Schrecken aller Schrecken,



    Das ist der Mensch in seinem ,Wahn!

  • Der Mensch hat sich selbst zur Krone der Schöpfung ernannt. Diese Arroganz allein ist bemerkenswert. Jedoch ist der Mensch der Verderb der Schöpfung oder der Evolutionsergebnisse. Er richtet in vollem Bewusstsein seine eigene Spezies zugrunde -man braucht nur die Entwicklung lethaler Waffensysteme anzusehen oder den Umgang mit unserem Planeten und dem Leben darauf- um zu erkennen, dass es immer perverser wird. Unser Gehirn vernichtet uns selbst - da hat die Evolution nicht aufgepasst....

  • Die Taube als Symbol für Frieden wird also in Zukunft eine gewisse Rolle bei der Kriegsführung spielen - das hat schon was.

  • Wieder erfindet der Russe Superwaffen. Ok, der aus dem T-14 wurde nichts, die Hyperschallraketen funktionieren nicht, die Flugzeugträger werden bestenfalls Opfer der Flammen - aber das Bedrohungsszenario wird in der Presse hochgehalten. Wie wollte man sonst auch die Billionen rechtfertigen, die die westlichen Staaten in die Aufrüstung stecken.

    • @FraMa:

      "...die Hyperschallraketen funktionieren nicht..."

      Warum frieren die Kiewer nochmal?