piwik no script img

Bericht des BiodiversitätsratesWeiterschnarchen führt zum Tod

Heike Holdinghausen

Kommentar von

Heike Holdinghausen

Die Klimakrise ist leichter zu verstehen als das Artensterben. Überschwemmungen sind sichtbar, aber Pflanzen und Tiere verschwinden meist unsichtbar.

Ein Pilz allein im Wald: Wenn er verschwindet, wird er wahrscheinlich nicht mal vermisst Foto: Cavan images/imago

D as Sterben der Arten ist das bedrohlichste Problem unserer Zeit, weil es unsere Lebensgrundlagen angreift. Dies beschreibt der Satz, der Umgang mit der Klimakrise entscheide darüber, wie wir leben, der Umgang mit der Krise der Artenvielfalt darüber, ob wir überleben. Die Aufmerksamkeit, die Gesellschaft und Regierungen dem Verlust der Biodiversität widmen, steht dazu in keinem Verhältnis.

Das ist nachvollziehbar. Die Klimakrise zu verstehen, ist einfach. Sie bestimmt die Nachrichten, als Hochwasser, Schneesturm, Dürre, Waldbrand. Außerdem bietet sie Geschäftsmodelle wie den Ausbau erneuerbarer Energien oder neue Formen von Mobilität. Die Artenkrise zu verstehen, ist schwieriger: Tiere und Pflanzen verschwinden unmerklich – es sei denn, Sie sind Ornithologe oder Schmetterlingsforscher. Kleine, wichtige Organismen wie Algen, Pilze, Bakterien sind mit bloßem Auge sowieso nicht sichtbar. Wenn der Verlust von Biodiversität Bilder bekommt, dann in Form von Feldhamstern oder Lurchen, nach dem Motto: Nice to have, können aber weg, wenn sie effektive Landwirtschaft oder Infrastrukturmaßnahmen verhindern.

Doch das ist ein Irrweg. Und dem am Montag veröffentlichten Bericht des Weltbiodiversitätsrats ist deshalb größte Aufmerksamkeit zu wünschen. Obwohl, nun ja, das Werk schwer verständlich ist und große Wahrheiten sehr gelassen ausspricht. Eine von 100 Empfehlungen an Unternehmen und Regierungen lautet: „Setzen Sie sich ehrgeizige Verpflichtungen und Ziele und integrieren Sie die biologische Vielfalt in Ihre Unternehmensstrategie.“ Ja, wie denn, fragt sich der Mittelständler mit wegbrechenden Absatzmärkten. Doch die Wissenschaftler arbeiten faktenbasiert und akribisch heraus, dass der Status quo der Weltwirtschaft Böden, Wasser und Luft unbrauchbar macht. Staatskanzleien und Chefetagen müssten sofort Sonderkommissionen einrichten und alarmiert konkrete Strategien vorlegen, wie wir künftig Geld verdienen wollen, ohne Leben auszulöschen, Wasser zu vergiften und fruchtbare Böden zu zerstören.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Dass die politisch kurzsichtige schwarz-rote Bundesregierung den Schuss nicht hört und die maßgeblichen Ministerien – Wirtschaft, Umwelt, Landwirtschaft, Forschung – vor sich hin schnarchen, war nicht anders zu erwarten. Das haben sie in ihren zig Regierungsjahren vor der Ampelregierung auch getan. Ebenso wenig überrascht, dass sie die in Berlin und Brüssel erreichten Fortschritte wie das Lieferkettengesetz oder die europäischen Gesetze zum Schutz der Gewässer aufgeben wollen. Dass inzwischen aber selbst Grüne das Thema Natur schreddern, um sich an den Post-Fridays-for-Future-Zeitgeist ranzuwanzen, ist übel. Gesellschaftliche Mehrheiten für den Schutz der Natur lassen sich erstreiten, indem man erklärt, warum er wichtig ist. Weswegen wir uns mit dem Textgetüm des IPBES alle befassen sollten.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Heike Holdinghausen
Redakteurin für Wirtschaft und Umwelt
Mehr zum Thema

12 Kommentare

 / 
  • Wann kommt endlich die Einpreisung der Integrität der Ökosysteme ins BIP? Ständig die unendlich dröge Zahlenhuberei mit irgendwelchen Wirtschafts-, Unternehmens- oder Wachstumsdaten, die einem gerade zupass kommen. Ein verwüsteter Naturraum kostet extrem viel Geld.

  • Richtiger Kommentar.



    Artenschutz leidet unter dem Einzelargument. Es wird immer wieder eine bedrohte Art vorgestellt und dann - mit Glück - ein kleiner Schutzraum geschaffen. Oder es werden bei einem Bauvorhaben ein paar Tiere umgesiedelt. Da wird schon über die Kosten gestöhnt.

    Der Gesamtzusammenhang ist aber außerhalb der Wissenschaft schwer fassbar (es sind doch noch Vögel da). Dabei könnte D hier vorangehen, nachdem vor gut 200 Jahren einer der größten Naturforscher eben genau den Zusammenhang beschrieben hat - Alexander von Humboldt. Er hat den Begriff der Natur, der Ökosystems und das alles mit allem zusammen hängt, erkannt und bekannt gemacht.

    In Politik und (Land-)Wirtschaft kommt es aber wohl nur an, wenn dem qm Boden, Wasser ein geldlicher Wert zugemessen wird.

  • Keine Artenvielfalt ohne Lebensraum.



    Der Mensch scheint nur zu schätzen, was er selbst verändert, bebaut und "kultiviert". Tag für Tag wird der Raum für andere Lebensformen kleiner, giftiger und unsicherer.



    Eigentlich hatte man das eingesehen, wollte den überbordenden Flächenverbrauch deutlich verringern. Jetzt, da alles weichen soll, was "die Wirtschaft" behindert, - tja.

  • 6,5 % der Fläche Deutschlands sind Schutzgebiete. Und trotzdem geht das Artensterben weiter.



    Erfolge gibt es nur beim (übertriebenen!) Schutz von Arten, die überwiegend andere fressen. Wolf (süß, macht Spendengelder), Fischotter (süß, macht Spendengelder), Biber (süß, macht Spendengelder). Sogar für den Fuchs (süß, macht...) wird gekämpft. Still verschwinden Insekten und hässliche Lurche. Ich behaupte, mehr Schutz schafft nicht mehr Artenvielfalt, sondern besseres Management. Gib den Leuten vor Ort Geld und Fläche. Nimm die Bürokratie raus. Wenn für jeden Froschtümpel kostspielige Anträge bei unterer Naturschutz- und Wasserbehörde und dem Bauamt nötig sind, wird das nichts mehr. In der Nähe muss bei jedem Bauvorhaben ein Hamstergutachten gemacht werden, dabei sind da seit 30 Jahren keine mehr gesehen worden. Und wir brauchen radikale Lösungen. Es geht nicht darum, jeden Baum zu retten, sondern die Bäume müssen aus der Agrarfläche raus und durch richtige Hecken ersetzt werden. Wir dürfen nicht alles renaturieren, sondern die seltenen Insekten brauchen "zerstörtes" Offenland, so wie es früher durch Waldbrände und Überschwemmungen geschaffen wurde.

    • @Otto Mohl:

      Der "Schutz von Arten, die überwiegend andere fressen" wird nicht übertrieben. Im Grunde werden diese Arten nur vor dem Abschießen geschützt, womit sie dann auch prima zurechtkommen. Wir brauchen diese Arten, weil sie im Ökosystem wichtige Funktionen erfüllen. Dass Sie behaupten, es würde bei jedem Bauvorhaben ein "Hamstergutachten gefordert", obwohl es seit 30 Jahren keine Hamster mehr gäbe, ist auch Unsinn; es wird (mit Ausnahmen) erst geschaut, welche Untersuchungen einen Sinn ergeben und dann untersucht. Dabei werden z.B. auch kopfstarke Populationen von Tieren Arten gefunden, von denen man vorher nichts wusste und die unbedingt schützenswerte sind. Dass man parallel dazu viel mehr tun müsste - nämlich großflächigen Naturschutz betreiben, ökologische Agrarreform etc. ist ja sonnenklar. Aber es wird eben beides benötigt - die radikalen Lösungen genau wie die etablierten Verfahren zur Verträglichkeitsprüfung.

  • Die wesentlichen Indikatorarten für Biodiversität sind möglicherweise zunächst noch gar nicht identifiziert, weil eher unscheinbar oder unsichtbar an d. Oberfläche. Wenn Kaskadeneffekte und Schneeballeffekte auch in Ökosystemen wirken, können wahrscheinlich auch hier Kipppunkte plötzlich zu dramatischen Veränderungen führen. Plastisch macht man gerne Giga-Szenarien publik, die d. Golfstrom oder die Winde betreffen, aber praktisch laufen wir selbst oft genug über Ökosysteme im Boden, deren Komplexität die Basis allen Lebens bildet.



    "Nicht nur die Artenvielfalt im Boden ist wesentlich, sondern auch die funktionelle Diversität, also wie viele verschiedene Funktionen durch diese Arten ausgeübt werden. Mikrobielle Bodenprozesse spielen eine kritische Rolle in globalen und ökologischen Stoffkreisläufen. Untereinander abhängige und interagierende Einheiten der Lebensgemeinschaften beeinflussen massgeblich den globalen Nährstoffzyklus, den Abbau von organischen Materials und toxischen Substanzen sowie die Entwicklung des Klimas. Ohne Mikroorganismen gäbe es kein Leben auf der Erde."



    Quelle wsl.ch



    "Forschungsarbeiten widmen sich menschengemachten Einflüssen auf die Bodenorganismen, etwa..."

  • Der Kommentar trifft den Kern: Seit Jahrzehnten scheitert der Schutz der Biodiversität nicht an mangelndem Wissen oder fehlenden Gesetzen, sondern an der Weigerung, diese auch umzusetzen. Schutzgebiete bleiben oft Papier, während Politik und Wirtschaft die Warnungen der Wissenschaft ignorieren – aus Bequemlichkeit, Profitgier oder schlichter Überforderung angesichts eines Wachstumsmodells, dem Naturzerstörung als Kollateralschaden inhärent ist.

    Die Folgen sind längst nicht mehr nur in ausgebeuteten Regionen dieses Planeten sichtbar, sondern erreichen nun auch uns: Die globale Übernutzung von Ressourcen, der Rückschritt in der Umweltpolitik und die beschleunigte Zerstörung von Ökosystemen zeigen, dass es kein „Außen“ mehr gibt, aus dem wir uns weiter "kostenlos" bedienen können.

    Die Rechnung für unser Handeln wird zunehmend sichtbar.

  • Danke - ich bin immer ganz begeistert, wenn das mal so deutlich ausgesprochen wird. Als Ökologe, der mal gedacht hat es werde doch alles noch einmal besser, ist das alles sehr frustrierend; Artikel wie dieser werden vermutlich nichts ändern, aber es ist Balsam für die Seele zu sehen, dass man selbst nicht komplett verrückt ist.

    • @Axel Donning:

      Jeder, der mit offenen Augen durch die Welt geht, müsste sehen, was vor sich geht. Ich denke aber, bei vielen geht das im Theaterdonner und Hintergrundrauschen des Alltags unter.



      Als bekennender Pessimist habe ich allerdings nicht damit gerechnet, daß sich irgendetwas zum Guten wendet, jedoch hat mich die Geschwindigkeit der Verschlechterung etwas überrascht.

    • @Axel Donning:

      Ja, ich empfinde auch so.



      Es ist so unglaublich still geworden. Meine gedanklich Reise in die Vergangenheit, Erinnerungen an " Lärm " in den Wälder, über den Feldern und Wiesen. Aber auch an den Geruch der Tonnen von versprühten Pestizide und Düngemittel.



      Und so wurde und wird es, fast unmerklich still in der Welt.



      Jetzt, im Augenblick des wie es einmal war, empfinde ich eine tiefe Trauer.



      Liebe Grüße

      • @Flemming:

        Leider leider leider wird es in der Welt immer lauter.



        Z. B. hört man 3 km tief im Hohen Venn noch Akrapovic, Jekyll&Hyde, Soundsysteme an den Autos mit den 5 Nullen und und und...

    • @Axel Donning:

      "Artikel wie dieser werden vermutlich nichts ändern"



      In der Tat ist die persönliche Reichweite eingeschränkt, aber die "Fridays" hatten gezeigt, dass Bündnisse und Kooperationen von erheblicher Relevanz sein können.



      Die online-Artikel in der taz.de sind frei zugänglich und lassen sich gut verlinken, das könnte auch mal zu einem Schneeballeffekt führen.



      Ein historisches Beispiel



      Bei der Berichterstattung zum Mord an Kitty Genovese war der Artikel in der New York Times 1964 maßgeblich:



      "Die "New York Times" berichtet von 38 Augenzeugen



      Die "New York Times" wird anschließend berichten, dass ganze 38 Augenzeugen die Tat beobachtet hätten - aber niemand die Polizei alarmiert habe. "Ich wollte da nicht hineingezogen werden", zitiert die Zeitung einen von ihnen. Erst nach dem Mord sei ein einziger Notruf eingegangen."



      Weiter dort:



      "Doch die Geschichte von den nicht eingreifenden Zuschauern trifft die Amerikaner ins Mark, appelliert an eine tiefe Angst der Bevölkerung und entwickelt ein Eigenleben. Psychologen und Kriminologen befassen sich fortan mit dem "bystander effect" ("Zuschauereffekt")"



      stern.de



      Seitdem gibt es eine einheitliche Notrufnummer, was wahrscheinlich auch Leben rettete!