Die CDU und die Lifestyle-Teilzeit: Vollzeit-Populismus
Der Wirtschaftsflügel der CDU will Teilzeit für viele Menschen abschaffen. Diese Idee geht an der Realität von arbeitenden Menschen vorbei.
D eutschland, ein einziger Haufen von Faulen und Blaumachern. Zumindest in den Augen der CDU. Da unterstellt Bundeskanzler und CDU-Chef Friedrich Merz kranken Menschen, eher blauzumachen, als tatsächlich malade zu sein. Und da will der CDU-Wirtschaftsflügel nun auch noch den Rechtsanspruch auf Teilzeit abräumen. Die sei nämlich nur eine Art Lifestyle-Teilzeit.
Allein diese Formulierung zeigt, wie groß das Misstrauen der CDU gegenüber der arbeitenden Bevölkerung ist. So nach der Devise: Das Land ist in der Krise, es braucht mehr Wirtschaft, mehr Leistung, mehr Arbeitsstunden, also jeden und jede. Und immerzu. Aber was macht das Humankapital? Legt sich einfach auf die faule Haut.
Das wertet nicht nur arbeitende Menschen ab, sondern verkennt vollkommen die Realität: Die Zahl der Beschäftigten in Deutschland ist mit rund 46 Millionen Menschen so hoch wie noch nie, auch Überstunden wurden so massiv angesammelt wie schon lange nicht mehr. Mittlerweile sind 74 Prozent der Frauen berufstätig. Zugegeben, fast die Hälfte der erwerbstätigen Frauen hat einen Teilzeitjob.
Aber das nicht, weil sie der Freundin im Café den neuen Nagellack präsentiert, sondern aus einem schlichten Grund: Kinderbetreuung und Pflege von Familienangehörigen. Beides ist vielerorts immer noch nicht so organisiert, dass Eltern mal so eben den ganzen Tag lohnarbeiten können.
Das weiß sogar die CDU, weswegen Kinderbetreuung und Pflege als „Lifestyle-Ausrede“ sogar gelten dürfen. Die CDU sollte aber auch wissen, dass Mütter – und sogar Väter – nach der Familienphase mit reduzierter Arbeitszeit nicht mal so eben auf eine Vollzeitstelle wechseln können. Viele Firmen haben diese Stellen gar nicht, andere zeigen sich unflexibel beim Wechsel von Arbeitszeitmodellen.
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Deutschland braucht mehr Arbeitskräfte, da hat die CDU schon recht. Aber die sind doch schon da, es gibt unendlich viele Migrant:innen, die arbeiten wollen und können. Warum aber schiebt die Bundesregierung sie dann massenhaft ab? Selbst jene, die einen Job haben, sogar in Branchen, die kaum noch jemand anderes machen will? Backhandwerk, Altenpflege, Gebäudereinigung zum Beispiel.
Mit „Vorschlägen“ wie denen von Merz und der Wirtschaftsunion dürfte es der CDU kaum gelingen, die Menschen zu (noch) mehr Arbeit zu bewegen und die Produktivität anzukurbeln. Misstrauen und Populismus sind nicht nur ein schlechter Politikstil, sie könnten sich in der Zukunft negativ auswirken. Denn wer Menschen grundlos beschimpft, läuft immens Gefahr, Wählerstimmen zu verlieren.
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