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Die CDU und die Lifestyle-TeilzeitVollzeit-Populismus

Simone Schmollack

Kommentar von

Simone Schmollack

Der Wirtschaftsflügel der CDU will Teilzeit für viele Menschen abschaffen. Diese Idee geht an der Realität von arbeitenden Menschen vorbei.

Arbeiten bis zum umfallen und am besten mit guter Laune Foto: Michelle Gibson/picture alliance

D eutschland, ein einziger Haufen von Faulen und Blaumachern. Zumindest in den Augen der CDU. Da unterstellt Bundeskanzler und CDU-Chef Friedrich Merz kranken Menschen, eher blauzumachen, als tatsächlich malade zu sein. Und da will der CDU-Wirtschaftsflügel nun auch noch den Rechtsanspruch auf Teilzeit abräumen. Die sei nämlich nur eine Art Lifestyle-Teilzeit. 

Allein diese Formulierung zeigt, wie groß das Misstrauen der CDU gegenüber der arbeitenden Bevölkerung ist. So nach der Devise: Das Land ist in der Krise, es braucht mehr Wirtschaft, mehr Leistung, mehr Arbeitsstunden, also jeden und jede. Und immerzu. Aber was macht das Humankapital? Legt sich einfach auf die faule Haut.

Das wertet nicht nur arbeitende Menschen ab, sondern verkennt vollkommen die Realität: Die Zahl der Beschäftigten in Deutschland ist mit rund 46 Millionen Menschen so hoch wie noch nie, auch Überstunden wurden so massiv angesammelt wie schon lange nicht mehr. Mittlerweile sind 74 Prozent der Frauen berufstätig. Zugegeben, fast die Hälfte der erwerbstätigen Frauen hat einen Teilzeitjob.

Aber das nicht, weil sie der Freundin im Café den neuen Nagellack präsentiert, sondern aus einem schlichten Grund: Kinderbetreuung und Pflege von Familienangehörigen. Beides ist vielerorts immer noch nicht so organisiert, dass Eltern mal so eben den ganzen Tag lohnarbeiten können.

Das weiß sogar die CDU, weswegen Kinderbetreuung und Pflege als „Lifestyle-Ausrede“ sogar gelten dürfen. Die CDU sollte aber auch wissen, dass Mütter – und sogar Väter – nach der Familienphase mit reduzierter Arbeitszeit nicht mal so eben auf eine Vollzeitstelle wechseln können. Viele Firmen haben diese Stellen gar nicht, andere zeigen sich unflexibel beim Wechsel von Arbeitszeitmodellen.

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Deutschland braucht mehr Arbeitskräfte, da hat die CDU schon recht. Aber die sind doch schon da, es gibt unendlich viele Migrant:innen, die arbeiten wollen und können. Warum aber schiebt die Bundesregierung sie dann massenhaft ab? Selbst jene, die einen Job haben, sogar in Branchen, die kaum noch jemand anderes machen will? Backhandwerk, Altenpflege, Gebäudereinigung zum Beispiel.

Mit „Vorschlägen“ wie denen von Merz und der Wirtschaftsunion dürfte es der CDU kaum gelingen, die Menschen zu (noch) mehr Arbeit zu bewegen und die Produktivität anzukurbeln. Misstrauen und Populismus sind nicht nur ein schlechter Politikstil, sie könnten sich in der Zukunft negativ auswirken. Denn wer Menschen grundlos beschimpft, läuft immens Gefahr, Wählerstimmen zu verlieren.

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Simone Schmollack
Ressortleiterin Meinung
Ressortleiterin Meinung. Zuvor Ressortleiterin taz.de / Regie, Gender-Redakteurin der taz und stellvertretende Ressortleiterin taz-Inland. Dazwischen Chefredakteurin der Wochenzeitung "Der Freitag". Amtierende Vize-DDR-Meisterin im Rennrodeln der Sportjournalist:innen. Autorin zahlreicher Bücher, zuletzt: "Und er wird es wieder tun" über Partnerschaftsgewalt.
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13 Kommentare

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  • Lifestyle. Wie komme ich von Lifestyle zu Carsten Linnemann?



    Laut WIKI: Er arbeitete ein Jahr bei der Deutschen Bank - ein zweites bei der IKB. Frage: erfolgte der Wechsel auf Grund von Fähigkeit, oder nicht? Lifestyle.



    Danach tauchte er in den Bundestag ab - Lifestyle, um als MacherMacherMacher seinem vorgesetzten Schlacks in Sachen unausgegorener und übergriffiger Bemerkungen nachzueifern. Sie erinnern sich? - bei Miosga rüpelte er u.A. gegen Rentner.

    So wurde er zu meinem besonderen Spezi:



    Bei Claude Lévi-Strauss (Mythologica I: Das Rohe und das Gekochte - Suhrkamp / gibt es eine Fußnote zu Carsten Linnemann auf Seite 493



    -> c.linnemann: Totemtier Duracell-Äffchen, poly-endemisch, Schnappatmer, nicht vom Aussterben bedroht()



    ((natürlich - gibt es diesen Eintrag bei Lévi-Strauss nicht - wie hätte er sich eine solche Figur auch ausdenken wollen... aber- nett wär`s))

  • Schon beim Krankenschein wurde einfach übersehen, dass man den seit elektronischer Übermittlung nicht mehr so einfach ins Altpapier kriegt, um trotzdem zu arbeiten, was lt. DAK eine signifikante Erhöhung des Krankenstandes verursacht hat. Und dass jemand, der für zwei "eingesparte" Kollegen mit arbeiten muss, dann vielleicht auch für drei krank wird. Und nun die Teilzeit . Besonders geschickt auch das Zurücknehmen des Rechtes auf Rückkehr aus der Teilzeit - vor sieben Jahren eingeführt, um diese grund- und sinnlose Einschränkung für arbeitswillige und -fähige Menschen, die sich vorübergehend anderen Pflichten widmen wollen oder müssen, endlich zu beenden. Dafür gab es gute Gründe, genau wie für die Abschaffung der Praxisgebühr. Wer vorgibt, an dem Thema "gearbeitet" zu haben, aber statt vernünftiger Begründungen mit Zahlen und Fakten nur gedankenlose Pöbelei abliefert, sollte sich besser um die eigene Arbeitsmoral Gedanken machen.

  • Wer ist der größte Steigbügelhalter der AfD ?

    Was will Merz eigentlich ?



    Vielleicht will er sich vor seinen Duzfreunden einfach nur aufplustern.

    Mit vernünftiger Politk hat das nichts zu tun. Aber das wissen alle beteiligten natürlich auch selbst.

  • Wird das jetzt ähnlich erkenntnisreich wie die Stadtbild-Debatte?

    Müde weiße ich darauf hin, daß die CDU nicht die Teilzeit abschaffen möchte, sondern das RECHT auf Teilzeit.

    Nein, die CDU schaut nicht auf die Menschen herab.

    "Listen to the science" wäre hier mehr als angebracht .

  • br.dr, 26.01.2026, 16:44 Uhr:



    >"Falscher Weg": CSU lehnt Teilzeit-Vorstoß aus CDU ab /



    Ja zu längeren Arbeitszeiten, aber nein zu einer Einschränkung des Rechtsanspruchs auf Teilzeit: CSU-Chef Söder lehnt den Vorstoß des Wirtschaftsflügels der Union ab, "Lifestyle-Teilzeit" zu verbieten. Kritik äußern auch Philologenverband und VdK.<

    Schließ sich hier Söder der taz an oder die taz Söder?

  • Falsche Aussage



    "Der Wirtschaftsflügel der CDU will Teilzeit für viele Menschen abschaffen. " Nein, die CDU will das gesetzlich verbriefte Recht auf Teilzeit abschaffen, nicht die Teilzeit. Ein Arbeitgeber darf also wieder "Wir suchen in Vollzeit...." in eine Stellenanzeige schreiben, was ich speziell für kleine Unternehmen richtig finde, auch wenn ich kein Fan der CDU bin.

    • @Hans Dampf:

      Jain, Ihr Hinweis ist richtig, aber die Forderung der Wirtschaftsvertrerinnen in der CDU zeugen trotzdem mehr von altem Stammtischdenken, als von echtem ökonomischen Sachverstand. Selbst wenn entsprechende gesetzliche Vorgaben geändert würden, hätte dadurch keine Arbeitgeberin mehr engagierte Vollzeitmitarbeiterinnen als heute. Die guten Leute heuern dann eben bei guten Unternehmen mit professioneller Personalführung an. Da, wo man gemeinsam die passende Arbeitszeitgestaltung mit Potential anbietet. Das Konzept von Frau Connermann & Co. stammt aus der real abgewickelten Mottenkiste des Arbeitsmarkts - und sollte mit dieser schnellstens entsorgt werden. Auch im Interesse einer zukunftsfähigen CDU.

    • @Hans Dampf:

      Das Recht auf Teilzeit gilt auch jetzt schon erst in Unternehmen mit mehr als 15 Mitarbeitenden.

      • @Christine_Winterabend:

        Habe das im Artikel auch so verstanden wie hans dampf. Nur weil die €DU populistischen Blödsinn verzapft muss die taz das ganze nicht noch weiter skandalisieren, so hat Merz auch mW. nicht davon gesprochen das kranke Menschen eher blaumachen als krank zu sein, das würde ja bedeuten das ein größerer teil der Krankschreibungen gar keine reele Krankheit zu grunde liegen haben. Das nicht jede Krankschreibung legitim ist würde ich auch so sehen, ob das jetzt ein drängendes Problem ist, ist natürlich fraglich.



        Wer die gegenseite falsch verstehen möchte kann das immer tun.

    • @Hans Dampf:

      Das dürfen Arbeitgeber auch jetzt.

    • @Hans Dampf:

      Für kleine Unternehmen greift die Teilzeitreglung so und so nicht. Worüber reden wir also?

  • Hetzen, spalten und beleidigen. Mehr kann die Clique um Merz nicht. Statt selbst zu arbeiten und Lösungen für die Probleme des Landes auf den Weg zu bringen, wird auf denen rumgetrampelt, die tatsächlich arbeiten. Und wozu? Damit diejenigen, die wirklich im Staat absahnen, nicht dabei gestört werden.

  • Wer jene höhere CDU-Dame in der Tagesschau gestern sah, wie sie auf die Vielen einfach nur herabsah und an uns vorbeiredete, der hat eine Ahnung, in welcher Parallelgesellschaft da wohl gelebt wird.



    Teilzeit dürfte pro Stunde fast immer produktiver sein.



    Am besten von beiden, Vater und Mutter, anteilig.



    Oder auch genügend Kinderpflegeeinrichtungen wären eine Idee, wie es selbst die DDR hinbekam. Und Elternpflege ohne schlechtes Gewissen dabei.

    Bei denen "oben" betteln passiert schon viel zu häufig woanders. Volle Kraft voraus in die progressive Richtung!