Gründung „Generation Deutschland“: Rechtsextreme AfD-Jugendorganisation hat jetzt neuen Namen
Die Gründung der AfD-Jugend war ein extrem rechter Offenbarungseid. Und zwar auch der Mutterpartei. Immerhin gab es laute und widerständige Proteste.
Die Opferrolle nach den Gegenprotesten war gut einstudiert und vorbereitet. AfD-Chefin Alice Weidel war extra für ein Grußwort an die Jugend angereist. Proteste und Blockaden von zehntausenden verhinderten einen pünktlichen Beginn. Zwei Stunden zu spät steht Weidel jetzt am Rednerpult zwischen vier großen schwarz-rot-goldenen Nationalfahnen und sagt: „Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas in Deutschland noch einmal vorkommt – man kennt so etwas aus anderen Regimen, wo gegen Andersdenkende mit Gewalt vorgegangen wird.“ Sie nannte die Proteste gegen die Neugründung der extrem rechten Jugendorganisation „zutiefst undemokratisch“ und plädierte für Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit – dass die Versammlungsfreiheit auch für die Gegenproteste gilt, ließ sie dabei aus.
Und holte sodann zum Rundumschlag gegen „die Medien“ aus. Besonders im Fokus: die Öffentlich-Rechtlichen. Sie habe bei der Tagesschau lesen müssen, dass rechtsextreme Netzwerke in Gießen seien – „son Quatsch“, spottet Weidel und schaltet dann in Angriffsmodus und ruft: „Sie sind dadurch mitverantwortlich durch die Aufladung dieses Klimas! Rüsten Sie ab!“ Großer Jubel und böse Blicke in Richtung der Presse, die wie gewohnt bei AfD-Versammlungen hinter Absperrband versammelt ist.
Sie behauptete wohlgemerkt, dass keine rechtsextremen Netzwerke vor Ort seien, während vom Bundesvorstand genehmigt – in der Vorhalle der Hessenhalle in Gieße diverse extrem rechte Organisationen und Netzwerke Ausstellungsstände haben. Der extrem rechte Verleger Götz Kubitschek verkaufte dort zusammen mit seinem Sohn und Aktivisten der Identitären Bewegung, Wieland Kubitschek, seine Bücher.
Verlegt werden beim Verlag Antaios Revolutionsanleitungen und auch Martin Sellners verfassungswidriges Konzept von „Remigration“. Das sieht kurzum vor, Deutsche, die den extremen Rechten nicht deutsch genug sind, zu vertreiben oder auszubürgern. Und der Verlag war nicht die einzige extrem rechte Organisation vor Ort: Die Identitären-nahe Medienagentur Tannwald-Media hatte einen Stand, die KI-generierte rassistische und deutschtümelnde Memes erstellen und weitere Aussteller, die Patrioten-Proteine verkaufen, Remigrations-Aufkleber verteilten oder solche mit Neonazi-Szenecodes wie „1161“ (Anti-Antifaschistische Aktion).
Rechte Gewalt und AfD-Umfragen auf Rekordhoch
Und Weidel sagt das wohlgemerkt, während die rechte Gewalt im Zuge des Rechtsrucks jährlich auf neue Rekordhöhen schnellt, sich Neonazi-Schlägertrupps durch Normalisierung migrationsfeindlicher Diskurse ermächtigt fühlen, Menschen zu verprügeln, die nicht in ihr Weltbild passen.
Die Medienvertreter trügen Mitverantwortung für das Klima in unserem Land, wirft Weidel der Presse vor. Sie werde fälschlich als rechts geframed. Richtig absurd werden diese Worte wenig später, als der designierte JA-Vorsitzende Jean-Pascal Hohm gewählt wird. Der bezeichnet sich selbst schamlos als „rechts“ und wird nicht müde zu betonen, wie gute die Arbeit der Identitäre Bewegung sei, die immerhin auf der Unvereinbarkeitsliste der Partei steht. Aber solche Dinge spielen in der Parallelwelt in der Hessenhalle an diesem Tag keine Rolle.
Da verwundert es schon fast, dass die Jugendorganisation sich nicht den Namen „Jugend Germania“ gibt, wie es ein Delegierter vorschlägt, der innerhalb des AfD-Spektrums als „gemäßigt“ (!) gilt.
Diszipliniert, aber extrem rechts
Die Gründung der Generation Deutschland zeigt, wie professionalisiert und diszipliniert diese extrem rechten Netzwerke mittlerweile zusammen wirken, um auch die AfD maßgeblich zu beeinflussen. Deutlichstes Zeichen dafür: Jean-Pascal Hohm, bestens vernetzt in Identitärer Bewegung und in Cottbus' rechtsoffener Fußball- und Protestszene, wird ohne Gegenkandidat und mit 90,4 Prozent zum Vorsitzenden gewählt.
Unfreiwillig komisch: Hohm fühlt sich in seiner Antrittsrede nach internen Streitigkeiten um Russlandreisen zwischen Alice Weidel und Tino Chrupalla berufen zu sagen: „Weder Tino Chrupalla, noch Alice Weidel sind Knechte Russlands.“ Das sehen allerdings sogar nicht wenige in der eigenen Partei anders, aber interessant, dass er es so betonen muss.
Hohm leitet schnell wieder über auf sicheres Terrain: das Völkische. Der 28-jährige Cottbuser sagt, er wolle mit seiner Generation Deutschland dafür sorgen, dass „Deutschland die Heimat der Deutschen bleibt“. Er behauptet stumpt, Deutsche würden auf Schulhöfen zur Minderheit geworden oder seien es schon. Streng genommen verknüpft er mit diesen Sätzen den ethnischen Volksbegriff mit politischen Zielsetzungen – was streng genommen verfassungsfeindlich ist. Die Versammlung in der Hessenhalle beantwortet das mit Standing Ovations und ruft „Hohm! Hohm! Hohm!“, was sich leider nur so mittelgut rufen lässt. Geschenkt: Hohm bekommt 90,4 Prozent.
Danach wird die Liste professionell durchgewählt. An zweiter Stelle kommt der Sachse Jan Richard Behr, der allerdings nach Rheinland-Pfalz rübergemacht hat. Er ist ebenfalls alter JA-Kader, war mehrfach bei Kubitschek in Schnellroda zu Besuch und – das darf nicht fehlen: hat Kontakte zur Identitären Bewegung – auch er bekommt 89,24 Prozent.
Danach stellt Adrian Maxhuni aus Niedersachsen sich vor: Auch er ist langjähriger Kader der JA und gehört zu den völkischen Netzwerken innerhalb der Partei, die spätestens seit 2021 der bestimmende Mainstream der AfD sind und in der Jugendorganisation sogar deutlich länger. Der Landesverband Niedersachsen hatte 2022 die von ihm geführte JA als Jugendorganisation aberkannt, weil sie zu radikal aufgetreten ist. Damals stand in Chats von JA-Gruppen „Wir sollten Tierversuche stoppen und Flüchtlinge dafür nehmen“ oder die „Endlösung für die Musels in Deutschland“. Maxhuni führte die JA Niedersachsen trotzdem weiter. Darüber hinaus soll er auch Kontakte zu einem alten NPD-Ideologen haben, der Schulungen durchführt. Zur Belohnung gibt es 81,09 Prozent.
Völkische haben die Nase vorn
In Wallung gerät der Saal allerdings bei der ersten Kampfkandidatur zum 3. Vize-Vorsitzenden: Hier schickte die verfeindeten Lager des chronisch zerstrittenen Landesverband Nordrhein-Westfalen zwei Kandidaten ins Rennen. Aber auch hier waren die völkischen Netzwerke um den Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich („das freundliche Gesicht des NS“) wie erwartet dominant: Der Kandidat der Völkischen wird mit deutlichem Vorsprung gewählt. Er bekommt 78 Prozent.
Zuvor hielt der Helferich-Kandidat Patrick Heinz eine klar rassistische und rechtsextremen Rede. Er generalisierte Gewalt an Schulen als Problem vom „Mohammed“, der in den Pausen Butterflys zücke und deutsche Schüler verprügele. Das wolle er genau so formulieren, insistierte Patrick Heinz und sagte bockig: „Dann sind wir intolerant und werden intolerant bleiben!“, was für Szenenapplaus sorgte.
Dann wurde es sogar noch leicht paranoid: „Kein Staat wird kommen, um uns zu retten … als deutsche Jugend sind wir auf uns allein gestellt – ein Angriff auf einen von uns ist ein Angriff auf uns alle!“ Heinz rundete ab mit völkischen Allgemeinplätzen („Damit Deutschland das Land der Deutschen bleibt“). Und selbst der unterlegene Kandidat des innerhalb der AfD als zu liberal kritisierten Lagers um Martin Vincentz hatte in seiner Bewerbungsrede „Remigration“ gefordert, sich ideologisch also deutlich angebiedert. Er unterlag dennoch mit nur 17,7 Prozent – womit die Kräfteverhältnisse in der Jugend der AfD deutlicher kaum zum Ausdruck gebracht werden konnten.
Unterm Strich hat die AfD ihre extrem rechte Jugendorganisation umstrukturiert, die radikalen Inhalte sind die gleichen wie bei der Jungen Alternative geblieben. Abzuwarten bleibt, ob sie ihre Radikalität auch so offen und provokativ zur Schau trägt wie die aufgelöste Jugendorganisation. In Gießen hatte man jedenfalls das Gefühl, dass der AfD – und das schließt den Bundesvorstand ein – ihren Rechtsextremismus offen und ganz mutig zeigt, zumal es ihr in den Umfragen nicht zu schaden scheint.
Leitsatz der Hitlerjugend wird bejubelt
Die Frage ist nur: Ist der Bogen irgendwann überspannt? Und wie viele Verbotspunkte will die AfD noch sammeln. Kevin Dorow aus Schleswig-Holstein, ein Burschenschaftler mit mehreren Schmissen im Gesicht, testete die Grenzen aus. Er hielt für den ersten Beisitzer im Vorstand die bis dahin radikalste Rede: „Wir distanzieren uns nicht“, ruft er in den Saal, lobt das aktivistisch-außerparlamentarische Vorfeld und leitet dann zum Motto der Hitlerjugend über: „Jugend muss durch Jugend geführt werden“, forderte er.
Das HJ-Motto hatte Rechtsextremist Björn Höcke vor einigen Wochen in Social Media gepostet und verschämt wieder gelöscht, nachdem herauskam, dass er mal wieder wissentlich NS-Parolen verbreitet hatte. Dorow bezieht sich auf Höcke und ruft das Motto hier von der Bühne. Dafür gibt es Szenenapplaus. Das könnte man durchaus Neonazismus nennen. Kevin Dorow wird dafür mit 88,6 Prozent gewählt.
Was wohl die einzige schöne Fußnote des rassistischen Exzesses in der Hessenhalle war: Die Gründungsversammlung der extrem rechten Generation Deutschland blieb nicht unwidersprochen. In Gießen hingen viele Transparente aus dem Fenster, die Widerspruch gegen die extrem rechte Neugründung formulierten, Zehntausende protestierten und blockierten die extrem rechte Partei. Das kann man ruhigen Gewissens auch als Erfolg der Zivilgesellschaft werten – bei allen Opferrollen, die Rechtsextreme ohnehin immer machen werden.
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