starke gefühle: Wenn ich meine Freund:innen eine „Fotze“ nenne, ist das als Kompliment gemeint
Na, ist denn heut schon wieder Fotzensamstag? Eigentlich ist der Fotzentag ja der Freitag, zumindest laut einem 2025er-Spotify-Hit von SUV Whatever. Aber heute gilt uns jeder Tag als Fotzentag, das haben wir uns erkämpft. Denn Fotze ist schon längst kein misogynes Schimpfwort mehr, das irgendwelche Typen einer Frau an den Kopf knallen. Und es ist auch kein Diss mehr, wie ihn Rapper Fler 2009 noch benutzt hat: „Du Fotze magst mein Album nicht: Scheiß auf dich!“
Die Fotze gehört jetzt wieder uns. Wir haben uns das Wort zurückgeholt, und zwar nicht, um unsere Geschlechtsorgane damit zu bezeichnen. Sondern um damit Gemeinschaft zu schaffen und uns gegenseitig zu empowern. Danken dürfen wir dafür ausgerechnet der Rapszene, die eine ziemlich schlagfertige Antwort auf ihr Sexismusproblem gefunden hat. Allen voran die aktuell „allergrößte Fotze der Stadt“: Ikkimel. Mit ihren Texten provoziert sie, selbst unter Feminist:innen ist man sich uneins. Aber vor allem macht Ikkimel eines – den Spieß umdrehen. In ihren Songs sollen die Macker „ackern, kochen, putzen“ und „eincremen“, während sie macht, was sie will, weil sie eine Frau ist.
Nun ist Ikkimel nicht die Erste, die den Begriff Fotze empowernd verwendet. Das ehemalige Rap-Duo SXTN ging schon vor knapp zehn Jahren mit ihren „Fotzen in’ Club“. Und Shirin David prägte dazu das passende Adjektiv: „fotzig“. Fotzig kann alles sein, eine schlagfertige Attitüde, ein frecher Spruch, ein cooles Outfit.
Inzwischen ist das Wort im Mainstream angekommen, und auch ich liebe es. Nicht nur, weil es Spaß macht, zu provozieren. Sondern auch, weil hinter der Rückeroberung von Sprache etwas Größeres steckt. Es entmachtet diejenigen, die mit ihr wie mit einer Waffe um sich schießen, es setzt ihrem Versuch der Unterdrückung etwas entgegen. Wenn jemand mich heute als Fotze beleidigen will, kann ich das nicht ernstnehmen, weil ich das Wort schon längst anders abgespeichert habe – als Kompliment. Zum Beispiel für die fotzigen Hüftschwünge meines männlichen Freundes auf der Tanzfläche. Fotzig sein macht für mich Spaß und schafft Zusammenhalt.
Als ich meiner Freundin aber neulich sagte, ihre Jacke sei fotzig, stieß ich mit meinem Lob auf gemischte Resonanz. Während sie sich beglückt ihre Faux-Fur-Jacke zuknüpfte, raunte eine andere Freundin, das Wort sei einfach nur schlimm. Dass Fotze oder fotzig nicht alle als Kompliment sehen können, verstehe ich. Schließlich wurde mit dem Begriff zu lange gehetzt, beleidigt und Frauenhass geschürt.
Dabei war die Fotze keineswegs von Anfang an ein Schimpfwort. Bekannt seit dem 15. Jahrhundert hatte es verschiedene Bedeutungen, unter anderem Vulva und Hintern. Der Duden, der Fotze übrigens erst seit 1973 führt, fügt hinzu: „Wahrscheinlich verwandt mit faul in dessen alter Bedeutung ‚stinkend‘“. Dass der Begriff nach dem Mittelalter die Bedeutung wechselte und versuchte Frauen zu diskriminieren, ist kein Zufall, es sollte deren sexuelle Selbstbestimmtheit angreifen.
Ähnlich unklarer Herkunft ist übrigens die englische „cunt“. Die hat sich die Schwarze trans Community schon in den 1970/80ern zurückgeholt. „Serving cunt“, also „Fotze servieren“, beschreibt eine positive Energie, die zuerst in der Ballroomkultur auftauchte und inzwischen ebenso wie die Fotze im Komplimente-Katalog steht.
Sich einzelne Begriffe wieder zurückzunehmen, verändert noch keine misogyne Gesellschaft. Dass alles und jede:r (ja, auch Männer!) jetzt fotzig sein können, macht aber Spaß und ist ein Verdienst, das zelebriert werden muss. Chiara Bachels
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