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Wissenschaftler über Bürgergelddebatte„Damit werden Menschen vom Arbeitsmarkt weggedrängt“

Mit dem Bild des „arbeitsunwilligen Arbeitslosen“ wird Politik gemacht. Die strukturellen Ursachen werden dabei nicht benannt, kritisiert René Böhme.

Abgestempelt: Die Erzählung von totaler Arbeitsverweigerung führt zu Stigmatisierung und Scham Foto: Jens Büttner/dpa

Interview von

Johannes Strauch

taz: Herr Böhme, „arbeitsunwillige Arbeitslose“ – gibt es die überhaupt?

René Böhme: Natürlich gibt es die. Historisch betrachtet hat es immer Menschen gegeben, die sich nicht von Erwerbsarbeit angesprochen fühlen. Damit muss meines Erachtens aber eine Gesellschaft zurechtkommen. Die Frage ist, in welcher Größenordnung bewegt sich das Ganze? Sind es kolportierte Zahlen von mehreren Millionen, oder sind es – faktengeprüft – nur sehr wenige?

taz: Was sagen denn die Zahlen?

Böhme: Etwa 16.000 Arbeitsunwillige wurden in den letzten Analysen ermittelt. Das entspricht 0,4 Prozent aller erwerbsfähigen, leistungsberechtigten Personen. Da kann man sich schon fragen: Führen wir die Debatte wegen 0,4 Prozent?

Bild: Christina Kuhaupt
Im Interview: René Böhme

42, ist promovierter Sozialwissenschaftler am Institut Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen. Er forscht zu Armut, Soziale Ungleichheit, Migration und Kindertagesbetreuung.

taz: Warum nimmt die Debatte so viel Raum ein?

Böhme: Wenn wir unseren Sozialstaat anschauen, dann ist dieser sehr stark auf Erwerbsarbeit zentriert, Sozialversicherungen sind an Arbeit gekoppelt. Im Zuge der neoliberalen Debatte, die seit 2000 geführt wird, sehen wir außerdem eine sehr starke Verschiebung der Verantwortung in Richtung des Individuums. Daraus wird abgeleitet: Es braucht mehr Druck, um Menschen wieder in Arbeit zu bringen.

taz: Druck, der häufig gar nicht guttut.

Böhme: Das ist eigentlich das Verheerende an der Debatte. Aus der psychologischen und gesundheitsbezogenen Forschung sehen wir, dass diese Erzählung vom arbeitsunwilligen Arbeitslosen bei vielen zu Stigmatisierung, Scham oder sozialer Abwertung führt. Damit werden Menschen eigentlich vom Arbeitsmarkt weggedrängt. Genau das Gegenteil von dem, was als eigentliches Ziel vorgegeben wird. Das zweite Verheerende ist, dass das untere Einkommensdrittel gegeneinander ausgespielt wird, was eine Spaltung der Gesellschaft fördert.

Da kann man sich schon fragen: Führen wir die Debatte wegen 0,4 Prozent?

René Böhme

taz: Gibt es auch andere Ursachen als Arbeitsunwilligkeit für den Leistungsbezug von Bürgergeld?

Böhme: Ja, beispielsweise fehlende Qualifikationen oder Sprachkenntnisse, zu geringe Löhne oder gesundheitliche Einschränkungen. Wir schleppen auch eine Reihe von Menschen im Bürgergeld durch, die nicht erwerbsfähig sind und in der Erwerbsunfähigkeitsrente besser aufgehoben wären. Um als erwerbsfähig zu gelten, reichen drei Stunden Arbeit pro Tag aus. Diese drei Stunden müssen noch nicht mal am Stück absolviert werden – diese Jobs gibt es aber nirgendwo und beim Sozialen Arbeitsmarkt wurde zuletzt wieder vielerorts gekürzt.

taz: War Arbeitslosigkeit in der BRD schon immer Teil der politischen Debatte?

Böhme: Den ersten Hinweis in der Nachkriegs-BRD findet man 1975. Da hat ein sozialdemokratischer Arbeitsminister gesagt, wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es auch einen gewissen Schwund an Arbeitsmoral gibt. Später waren es die Hartz-Gesetze, die auch von der SPD kamen. Vielfach ist festzustellen, dass diese Debatten in Wahlkampfzeiten auftauchen, wobei die Hintergründe von Arbeitslosigkeit verschleiert werden.

Der Vortrag

Vortrag über den Mythos des 'arbeitsunwilligen Arbeitslosen' von René Böhm und Irene Dingeldey: Do, 26. Februar, 16-18 Uhr, Kassenhalle im Forum am Domshof, Domshof 26, Bremen. Der Vortrag ist Teil der Colloquiumsreihe "Arbeit / Arbeitsmarkt - Solidarität in der Arbeitsgesellschaft" des Instituts Arbeit und Wirtschaft der Uni Bremen

taz: Warum ausgerechnet die SPD?

Böhme: Die Sozialdemokraten waren sehr stark im Arbeitermilieu verwurzelt. Gerade bei den unteren Mittelschichten hat man sich versprochen, dass diese Dialektik belohnt wird. Der hart Arbeitende, der frühmorgens aufsteht, gegen denjenigen, der das nicht tut. Gerade in den vergangenen Jahren ist diese Debatte aber sehr stark von Union, FDP, oder auch AfD geprägt. Einerseits als Begründung für eine restriktivere Migrationspolitik, andererseits als Argument, warum im Sozialbereich Einsparungen notwendig sein sollen.

taz: Was ist die große Herausforderung in dieser Debatte?

Böhme: Das Bild des arbeitsunwilligen Arbeitslosen ist leicht zu zeichnen. Wenn wir uns allerdings an die wirklichen strukturellen Ursachen von Arbeitslosigkeit heranwagen, dann sind das verschiedene Ursachen, die häufig miteinander verwoben sind. Das zu vermitteln, ist die große Herausforderung.

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8 Kommentare

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  • "Etwa 16.000 Arbeitsunwillige wurden in den letzten Analysen ermittelt. Das entspricht 0,4 Prozent aller erwerbsfähigen, leistungsberechtigten Personen."



    0,4% von 64Mio sind 16Tsd. Also sind mit "aller erwerbsfähigen, leistungsberechtigten Personen" auch die in Arbeit stehenden Personen mitgezählt. Interessant für diesen Artikel wäre aber das Verhältnis zu den arbeitslosen(!), erwerbsfähigen und leistungsberechtigten Personen.



    Ich lasse mich gerne korrigieren. Aber wenn ich nicht falsch liege, wüsste ich gerne, warum so formuliert wurde.

    • @anton3:

      0,4% von 64 Millionen sind 256000. Die Prozentzahl ist auf die Menschen bezogen, die tatsächlich auch Leistungen beziehen und arbeitsfähig sind, also 16000 von 4 Millionen.

  • Tja, was sind denn die "strukturellen Ursachen"?



    Man hält sich da wohl lieber bedeckt.

    Was auf jeden Fall fehlt, ist eine Reflexion über die Frage, ob Erwerbsarbeit eigentlich immer per sinnvoll ist und ob sinnvolle Arbeit immer per se Erwerbsarbeit ist...

  • Koitus interruptus

    Der Artikel endete dann doch sehr apprupt. Nach der Antwort von Herrn Böhme:

    "Wenn wir uns allerdings an die wirklichen strukturellen Ursachen von Arbeitslosigkeit heranwagen, dann sind das verschiedene Ursachen, die häufig miteinander verwoben sind. Das zu vermitteln, ist die große Herausforderung".

    hätte man sich ein paar konkrete Beispiele gewünscht, die leider ausgeblieben sind.

    Leider wird bei der ganzen Diskussion über Arbeitslosigkeit und Sozialleistungen die Perspektive der Betroffenen meist ausgeblendet, ebenso wie die Fakten über Arbeitslosigkeit und Armut.

    Die Diskussion wird vielmehr von Gutverdienern dominiert, die zwar meist keine eigenen Erfahrungen mit Armut und Arbeitslosigkeit gemacht haben, auch die Fakten nicht kennen, dafür aber ganz viele Vorurteile und Emotionen haben, die sie in den Raum werfen.

    Die Kernaussage ist immer dieselbe: wer arbeitslos ist, will nicht arbeiten, ist also selbst schuld an seiner Arbeitslosigkeit und Armut.

    Und so verschiebt man die Schuld auf die Betroffenen, Staat und Gesellschaft sind fein raus aus der Verantwortung, Neoliberalismus halt.

  • Um mal etwas mit Zahlen zu jonglieren:

    Man rechnet mit 16 000 "Arbeitsunwilligen".

    Wenn die jeweils 1500 € im Monat bekommen sind das 288 Millionen € pro Jahr.



    Das klingt nach viel Geld.

    Aber tatsächlich sind das Peanuts.

    Durch Steuerhinterziehung entsteht Jahr für Jahr ein geschätzter Schaden von Sage und Schreibe 100 Milliarden €.

    So schätzt u.a. der DLF.



    Normale Arbeitnehmer können im Grunde kaum ja Steuern hinterziehen. Also wo sind diese Steuerlöcher ?



    Blackrock weiß da sicher mehr, nicht wahr ?

    Um's nochmal den Unterschied zu zeigen:



    288 000 000 €



    100 000 000 000 €

  • Ein guter Artikel mit ewigen aber tragfähigen Fakten. Danke dafür.



    Das diese Sozialneid-Debatte durch dei politische Mitte geführt wird, dient allein der Ablenkung auf das Thema der Besteuerung des leistungslosen Einkommens, wie z.B. Aktien, Erbschaften, Mieten, etc. Die unterste Einkommensschicht leistungslos oder leistungsbelegt wird hier gegeneinander ausgespielt, um die Unterstützer (Lobbyisten, Spender, etc.) der politischen Klasse zu gefallen und wie die Made im Speck weiterhin die Macht und die politische Stelle zu behalten. Also reine Klientelpolitik. Dabei werden die damit verbundenen politischen Fehler noch nicht einmal bei den Verursachern verantwortet und per Schadensersatz eingefordert; siehe cumex, Maut, etc.

  • Wir haben seit mehreren Jahren Rezession. Würde jetzt nicht hart nach unten getreten werden, müssten sie ja zugeben, keine Lösung zu haben.

  • Es wird überhaupt nicht mehr von den Gefahren der Ki mit Bezug zum Klassenkampf von Oben gesprochen, warum eigentlich ? Diass in Deutschland stets autoritäre Reflexe mit dem Klassenkampf der Herrschenden gegen einen emanzipativen Sozialstaat gestellt werden und vergessen lassen, was im NS passierte, das ist fatal. Es bräuchte mehr Demokratie in die Ökonomie und das zu argumentieren könnten auch Förderung von Wir Ags mit öko-sozialem Modell eingefordert werden, was menschlich-emanzipativ ist, dafür sollten 20 Std. Arbeitszeit pro Woche mit in kollegial-solidarischen Unternehmensformen kombinierbar sein, die den sozialen Fortschritt als Definition von Gewinn vor Profit festschreiben, auch damit noch Zeit übrig bleibt für care-share und politische Transformations Debatte, die wir für ein Überleben auf dem Planeten brauchen, sowieso. Gegen Ich allein AG und den Frust der autoritären Konkurrenzzwänge, die uns ins Unglück zwingen! Dazu dann massiv die CUM CUM und CUM Ex Rückholung einfordern und die Korruptivität des herrschenden Kapitalismus offen legen, das wäre eingentlich linke und Sozialdemokratische Politik, wenn es denn eine solidarische Moderne sein soll for future !