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Gewerkschafter über VW-Rüstungspläne„Wir sehen Risiken für die Kollegen“

In der VW-Belegschaft sind viele für den Einstieg in die Rüstungsbranche, sagt der langjährige Mitarbeiter Namik Sarikaya. Er setzt sich dagegen ein.

Interview von

Ronja Morgenthaler

taz: Herr Sarikaya, Sie gehören zu einer Initiative von Volkswagen-Mitarbeitenden, die gegen den Einstieg Ihres Arbeitgebers in die Rüstungsindustrie sind. Wann kam das Thema auf Ihre Agenda?

Namik Sarikaya: Bei den letzten Tarifverhandlungen, als es hieß, wir könnten Osnabrück nach 2027 nicht mehr mit Aufträgen versorgen. Kurz darauf kam die Information, dass Rheinmetall Interesse hat. Da haben wir angefangen, uns Gedanken zu machen. Denn die Kollegen in Osnabrück haben eine Entwicklungsabteilung, die Studien durchgeführt hat, dass man dort auch Busse und Bahnen herstellen könnte.

Im Interview: Namik Sarikaya

arbeitet seit 27 Jahren bei VW in Kassel, ist Vertrauensmann der IG Metall und in der Föderation Demokratischer Arbeitervereine (DIDF) aktiv – einer Arbeiterorganisation, die den gemeinsamen Kampf deutscher und ausländischer Beschäftigter organisiert.

VW-Chef Oliver Blume kommuniziert ganz klar: Sie wollen eine Rendite von 8 bis 10 Prozent, bei den Fahrzeugen liegt sie momentan bei 2 bis 3 Prozent. Das ist ihnen zu wenig. Deswegen will Volkswagen in die Rüstungsindustrie einsteigen, und zwar nicht nur in Osnabrück. In Wolfsburg ist ein Group Defence Office gegründet worden, das prüfen soll, was sich in welchem Werk herstellen lässt. Porsche hat zwei Milliarden in die Rüstung investiert, beteiligt sich an Start-ups, steigt in Satellitenüberwachung und Logistik ein. Volkswagen versucht, sich da breit aufzustellen.

taz: Sie sammeln dagegen Unterschriften und sind mittlerweile mit Mitarbeitenden aus verschiedenen Standorten vernetzt, etwa Wolfsburg, Salzgitter, Braunschweig, Zwickau und Dresden. Wie ist die Stimmung in der Belegschaft?

Sarikaya: Zurückhaltend. Beim Unterschriftensammeln kommt sofort die Frage: Was sollen die Kollegen denn sonst machen? Wenn sie keine Rüstung herstellen, haben sie gar keine Arbeit mehr. Oder: Wenn Russland angreift, müssen wir uns wehren können. Das sind die Gründe, warum viele eher dafür sind. Im Einzelgespräch, wenn wir erklären, dass es eine Sicherheitsüberprüfung gibt und dass man erst arbeiten darf, wenn man die bestanden hat, dann kippen die Kollegen auch. Denn die Gefahr ist groß, dass sie trotzdem arbeitslos werden.

taz: Warum sind Sie gegen den Umbau?

Sarikaya: Weil wir Risiken sehen für die Kollegen. Zum einen ethische und psychologische Belastungen für die, die keine Waffen herstellen wollen und unter Druck stehen. Zum anderen: Ein Standort, an dem Waffen produziert werden, ist im Konfliktfall ein primäres Ziel. In den letzten beiden Weltkriegen lag Kassel in Trümmern.

Wir glauben, dass die Mitbestimmung des Betriebsrats beschnitten wird. Wir glauben, dass bei der Sicherheitsüberprüfung durch den Verfassungsschutz sehr viele private und politische Informationen über Menschen gesammelt werden. Und wo ein ganzes Werk umgestellt wird, wird es Kündigungen geben. Wir haben einen Beschäftigungssicherungstarifvertrag, für den wir als Mitarbeiter viel Geld bezahlen. Aber wenn Kollegen für die Rüstungsindustrie nicht geeignet sind, kann trotzdem gekündigt werden. Außerdem müssen bei neuen Produktionslinien die Kollegen neu eingruppiert werden, Lohntabellen und Arbeitssysteme ändern sich. Das hat gravierenden Einfluss auf unsere Tarifverträge.

taz: Das Gegenargument lautet: Rüstung sichert Arbeitsplätze.

Sarikaya: Aber wie soll das funktionieren? Was machen wir, wenn keine Kriege sind oder wenn die Lager voll sind, weil es zu wenig Kriege gibt? Heißt das, wir müssen uns in Kriege verzetteln, um weiter beschäftigt zu werden? Diese Produkte werden nach der Produktion zerstört, sie schaffen keine weiteren Arbeitsplätze, sie kommen in keinen Kreislauf, der Wert schafft.

taz: Was kann eine Unterschriftenliste gegen eine Konzernstrategie ausrichten?

Sarikaya: Widerstand ist nötig und er ist möglich. Auch ein kleiner Widerstand zeigt, dass es Leute gibt, die nicht einverstanden sind. Und wir merken, dass die IG Metall immer stärker unter Druck gerät, weil die Sozialkürzungen immer wieder mit der Aufrüstung in Verbindung gebracht werden. Die 500 Milliarden müssen ja irgendwo herkommen. IG Metall, Verdi und DGB haben sich einem Bündnis gegen Sozialabbau angeschlossen. Ohne sich gegen Militarisierung zu stellen, werden sie damit nicht erfolgreich sein.

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4 Kommentare

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  • Wann hat dieser Autowahn ein Ende ? Heute wurde wieder ein deutscher Rekord an Zulassungen verkündet. Und alles, ohne dass klar wird, wo diese Blechlawinen überhaupt parken und fahren sollen. In Japan und Singapore darf kein Fahrzeug zugelassen werden ohne einen Parkplatz-Nachweis, in Dänemark wird eine hohe Zusatzsteuer fällig als vorgezogene Straßenbenutzungsgebühr, In Frankreich werden Privatfahrzeuge aus den Innenstädten verbannt und dafür fast überall neue Straßenbahnen eingeführt. Und jetzt stellt sich auch noch heraus, dass sich immer weniger Menschen die steigenden Kosten für Anschaffung, Leasing, Haltung und Spritkosten leisten können und gleichzeitig das Steueraufkommen nicht ausreicht, die kaputt gefahrenen Strassen und Brücken oder gar weitere Trassen finanzieren zu können, das private Autofahren als eine Einbahnstrasse in die Sackgasse, wie sich gerade auch an den Zeitverlusten im Urlaubsverkehr ablesen lässt ! Trotzdem wurde in teure automatisierte Fertigungslinien investiert, die sich angesichts der Überkapazitäten niemals mehr abschreiben lassen. Es ist unfassbar, wieviele Rohstoffe für nichts und wieder nichts verballert werden und gleichzeitig das Klima verseucht!

  • Mir scheint, die Welt wartet nicht auf einen weiteren Hersteller von Bussen und Bahnen, zumal die in Osteuropa - zu einem signifikant geringeren Preis - ebenfalls schon hergestellt werden. Und der markt dafür ist weitgehend gesättigt, wenn man sich die kurzen Lieferzeiten der Hersteller von Bussen anschaut.



    Da der o.g. Vertrauensmann offenbar gegen neue Eingruppierungen ist, müssten die Busse und Bahnen zu den derzeitigen Kosten bei VW hergestellt werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das funktioniert.

  • Was für eine abenteuerliche Argumentation: Das die Arbeiter im Kriegsfall ein Ziel sein können.

    Im Kriegsfall haben die Leute in Deutschland ganz andere Probleme. Ein Teil der Arbeiter wird dann vermutlich an Front eingesetzt usw

  • Dabei bräuchten wir für die Klimawende, Solar, Wind, Wärmedämmung, Lastenräder und ja: Busse und Bahnen jede Menge Betriebe und Menschen, die in solchen Betrieben arbeiten. Die Auto-Industrie darf da gerne schrumpfen. Die Politik sollte die Transformation fördern und die Arbeitsplätze dabei absichern, d. h. nicht die Auto-Industrie, sondern den Übergang der Arbeitsplätze in die Klimawende-Industrie. Nicht sicher, ob die IG Metall das gerne hört.