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Krise bei VWBöser Start in die Werksferien

Schon wieder Krise: VW droht mit Werkschließungen und Massenentlassungen. Im Fall der Werke in Hannover und Emden hängt daran die Zukunft der Region.

Sie werden diese Unsicherheit jetzt mit in die Werksferien nehmen müssen. Bis in den späten Abend tagte der VW-Aufsichtsrat am Donnerstag – ein Zeichen dafür, wie hart hier gerungen wurde. Beschlossen wurde dann aber nicht viel. Jedenfalls gemessen an den Horrorszenarien, die vorher kursierten. Von der Schließung von vier Werken in Deutschland war da die Rede, von 100.000 Arbeitsplätzen, die weltweit eingespart werden sollten, von einem tiefgreifenden Umbau der gesamten Konzernstruktur.

Den ganzen Tag über protestierten deshalb Mitarbeiter, Vertrauensleute und Betriebsräte an VW- und Audi-Standorten in ganz Deutschland. Auch in Hannover und Emden. Die beiden Standorte in Niedersachsen gehören zu den Kandidaten für Werkschließungen, die immer wieder genannt werden – neben Zwickau und Neckarsulm.

Mitarbeiter und Gewerkschaften sind nicht nur deshalb auf der Zinne, weil sie von den radikalen Kürzungsplänen des Konzernvorstandes aus den Medien erfahren mussten. Sondern auch, weil der hart errungene Kompromiss von 2024 – damals als Weihnachtswunder gefeiert – gerade einmal anderthalb Jahre gehalten hat.

Dabei, daran erinnern bei VW Nutzfahrzeuge in Hannover-Stöcken sowohl die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Tanja Huremovic als auch die zweite Bevollmächtigte der IG Metall Hannover Susanne Heyn, hatten die Beschäftigten doch einige Kröten geschluckt und ihren Teil beigetragen: sich an die Sparvorgaben gehalten, Umstrukturierungen mitgetragen, bis 2030 auf Gehaltssteigerungen und Zulagen verzichtet; dafür gab es die Versicherung vom Vorstand, den Personalabbau sozialverträglich zu gestalten.

Protestaktionen an den Werkstoren

Jetzt, so lautet die beliebte Formel, solle endlich mal der Vorstand seine Hausaufgaben machen und nicht nur Sparkonzepte, sondern einen Plan für die Zukunft vorlegen. Die Verantwortung für die andauernde Krise sehen Beschäftigte und Gewerkschaften vor allem beim Konzern, der ohne Not beliebte Marken wie Passat und Golf für die unbekannten ID-Modelle aufgegeben habe. Aber auch die EU bekommt einen Teil der Schuld zugeschrieben: Das verschobene Verbrenner-Aus habe den E-Auto-Start versaut.

Es ist viel Selbstvergewisserung im Spiel bei den Reden an diesem Tag: Da ist vom VW-Bulli die Rede, dessen 75. Jubiläum man erst im vergangenen Jahr gefeiert hat und der hier gefertigt wird. Ein ikonisches Produkt, das als Sinnbild für ganze Epochen tauge und überall auf der Welt geliebt werde – von Hannover bis Kalifornien. Und von der Bedeutung, die das Werk für die angrenzenden Stadtteile und die ganze Stadt habe. „Wenn wir hier dichtmachen, macht das Büdchen da drüben als Nächstes zu“, sagt Huremovic und zeigt auf den Kiosk an der Haltestelle gegenüber.

Andreas Matthias, Sprecher der Vertrauenskörperleitung bei VW Nutzfahrzeuge, sagt am Rande der Veranstaltung, er habe in seinen 41 Jahren im Betrieb noch nie eine solche Verunsicherung erlebt. Fast jeden Tag stehe jemand weinend in seinem Büro. Auf der Bühne beklagte er aber auch den Ansehensverlust: Ein Job bei VW, das war doch mal was, das galt doch einmal was. Jetzt müsse man sich plötzlich auf dem Sportplatz oder in der Kita rechtfertigen.

Vor allem in den sozialen Netzwerken schlägt den VW-Mitarbeitern gerade viel Häme entgegen. Selber schuld, heißt es da, zu viel verdient und zu wenig gearbeitet. Doch viele halten sich auch daran fest, dass es so schlimm schon nicht kommen wird. Es ist ja nicht das erste Mal, dass bei VW von existenziellen Krisen die Rede ist. Man vertraut darauf, dass die Aufsichtsratsmehrheit der Arbeitnehmer zusammen mit dem Land Niedersachsen das Schlimmste schon irgendwie verhindern wird.

In Emden ist VW die Lebensgarantie

Das Schlimmste, das mag man sich 260 Kilometer nordwestlich gar nicht vorstellen. Seit 1964 wird in Emden produziert, rund 8.000 Beschäftigte arbeiten noch in dem Werk in der 50.000-Einwohner-Stadt. Es ist der mit Abstand größte Arbeitgeber der Region im ansonsten strukturschwachen Ostfriesland. Ein Ende von VW wäre auch ein Ende der Zuliefererindustrie drum herum.

Ausgerechnet Emden! Irgendwie schien die Zukunft hier sicher: Jahrzehntelang wurde hier der Passat gebaut, dann wurde auf Zukunft gestellt, dachte man: Rund eine Milliarde Euro sind seit 2020 in den Umbau des Werks geflossen, heute werden dort nur noch E-Autos produziert. Doch auch Emden gehörte schon 2024 zu den Kandidaten für eine Schließung und musste ein Sparprogramm absolvieren.

Nichts könnte den Wegfall von VW auffangen. Daran hängt hier alles

Matthias Arends, SPD-Landtagsabgeordneter

„Drohkulisse“, das Wort fällt hier gegenüber der neuen Endzeitvision immer wieder in Gesprächen und Redebeiträgen. Aber wenn man dann fragt, glaubt doch niemand so recht, dass die Konzernspitze nur droht, um die Beschäftigten zu noch mehr Zugeständnissen zu bringen.

Eher schon, dass sie rechnet: Es wird zu wenig verkauft, alle Werke haben Überkapazitäten. „So ein Konzern hängt dann nicht so an der Milliarde, die sie investiert haben“, sagt Franka Helmerichs von der IG Metall Emden. Eher an den Milliarden der Zukunft – und da könne es sich über die Jahre eben lohnen, alles zu schließen und die Produktion nach Tschechien zu verlagern.

1.500 Menschen erscheinen zur Kundgebung, danach leert sich der Platz schnell: Es ist ja kein offizieller Streik, es ist Schichtwechsel, und die Gewerkschaften haben noch Friedenspflicht.

Die Beschäftigten, die zu ihren Autos und Fahrrädern gehen, geben sich erstaunlich gelassen. „Da würden wohl alle wegziehen“, sagt einer und steigt aufs Rad, „das ist dann so“. „Wenn was zumacht, kann das auch eine Chance sein“, findet ein anderer, „Also Spaß macht die Arbeit an der Fertigungsanlage eh nicht. Das macht man nur fürs Geld.“ 40 Jahre war er im Betrieb.

Niedersachsen soll’s verhindern

Die Gelassenen, sie stehen alle kurz vorm Ruhestand oder sind schon in Altersteilzeit. Viele sehen jünger aus – und viele sind es: Bei den Personalabbauplänen 2024 haben sie sich für einen früheren Renteneinstieg entschieden. Für die Jungen sei es natürlich schade, sagt Hanno, der jetzt Feierabend hat. „Aber dann müssen sie etwas anderes machen. Irgendwas findet man immer.“

Eine Illusion, sagt SPD-Landtagsabgeordneter Matthias Arends. „Nichts könnte den Wegfall von VW auffangen. Daran hängt hier alles.“ Ja, ein paar Hallen nebenan würden demnächst wohl von einem Digitalunternehmen besetzt. „Das ist alles gut. Aber da geht es dann um ein paar hundert Arbeitsplätze.“

Arends setzt alles auf Niedersachsen. „Olaf Lies wird das nicht zulassen.“ Niedersachsen hat 20,2 Prozent der Anteile an VW und damit eine Sperrminorität für alle wichtigen Entscheidungen. Was aber wird, wenn die nächste Schließung 2028 angedroht wird oder 2030, darauf hat er keine Antwort. VW darf einfach nicht gehen, nicht in Emden.

Ministerpräsident Olaf Lies, selbst bekennender VW-Bulli-Fan, hat nach seiner China-Reise im April schon ein paar Mal ein anderes Lösungsszenario ins Spiel gebracht: Vielleicht könnte man die nicht ausgelasteten Werke ja für chinesische Modelle nutzen. Eine Art Umkehrung der Joint Ventures, mit denen VW auf dem chinesischen Markt für eine ganze Weile erfolgreich war.

Auch von einer Nutzung durch die Rüstungsindustrie ist immer wieder die Rede. Hauptsache, die Arbeitsplätze bleiben erhalten, heißt das wohl. Denn in der SPD ist die Angst groß, dass sonst noch mehr ihrer Stammwähler zur AfD abwandern. Im September sind hier Kommunalwahlen, im kommenden Jahr Landtagswahlen.

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