Deutsche Rüstungsindustrie: Panzer statt Autos
Rüstungskonzerne werben um Fachkräfte und Fabriken der kriselnden Autobranche. Zulieferer bauen Panzer- und Drohnenteile. Rettet das die Autoindustrie?
Foto: Swaantje Hehmann/imago
Im VW-Werk Osnabrück ist Schluss mit dem Autobau, wenn 2027 die Produktion des T-Roc Cabrio endet. Einen Anschlussauftrag hat der Konzern den 2.300 Beschäftigten dort nicht in Aussicht gestellt. Erst zeigten Rheinmetall und der Panzerbauer KNDS Interesse an einer Übernahme des Werks, inzwischen wird der israelische Rüstungskonzern Rafael als Nachfolger gehandelt.
Die deutsche Autoindustrie ist in einer beispiellosen Absatz- und Beschäftigungskrise, während das 3,5-Prozent-Ziel der Nato und die weltweite Aufrüstung der Rüstungsbranche volle Auftragsbücher und Planungssicherheit bescheren. Unter dem Schlagwort „Auto2Defence“ wirbt diese gezielt darum, frei werdende Fabriken und Fachkräfte für die Rüstungsproduktion zu übernehmen.
Wie das aussehen kann, zeigt die Geschichte der Alstom-Zugfabrik in Görlitz. Vor rund einem Jahr hat KNDS das Werk mitsamt Belegschaft übernommen, nachdem der französische Waggonhersteller die Produktion nach Osteuropa verlegt hatte. Mittlerweile läuft die Umstellung von der Zug- zur Panzerproduktion auf Hochtouren.
„Die Leute sind motiviert, die haben sehr viel Know-how“, sagt Florian Hohenwarter, Chef von KNDS Deutschland und selbst ehemaliger Mercedes-Manager. „Die haben vorher geschweißt, die werden jetzt schweißen. Die haben vorher große, schwere, regulierte Produkte produziert und das werden sie zukünftig auch machen.“
Rüstungsbranche lernt von der Autoindustrie
Die Produktion skalieren und schnell hohe Stückzahlen produzieren, das könne man von der Autoindustrie lernen, meint Hohenwarter. KNDS stellt, wie viele andere Rüstungsproduzenten, momentan von der Einzel- auf Serienfertigung um. Seit April arbeitet das deutsch-französische Unternehmen dafür mit dem Autozulieferer Dräxlmaier zusammen. Gemeinsam produzieren sie zukünftig den Radpanzer Boxer. Die Missionsmodule – also den Aufsatz auf dem Fahrzeug – baut Dräxlmaier in Landau an der Isar, KNDS fertigt das Fahrzeug und übernimmt die Endmontage. Bis zu zehn Panzer pro Monat sollen in München so bald vom Band rollen.
Florian Hohenwarter, KNDS Deutschland
Europa rüstet auf, wir schauen hin: Wie wehrfähig ist Europa? Und wie wehrfähig muss eine Gesellschaft überhaupt sein? Wer profitiert am Ende vom Aufrüstungs-Boom und wer verliert? Die taz sucht anlässlich des Nato-Gipfels in Ankara im Juli 2026 nach Antworten.
Auch Schaeffler, einer der größten deutschen Autozulieferer, ist ins Rüstungsgeschäft eingestiegen und kooperiert mit den Drohnenherstellern Helsing und Delair. Und der Zulieferer ZF Friedrichshafen baut sein bestehendes Militärgeschäft aus und produziert Panzer-Lenkgetriebe.
Wie viel Potenzial für die Zulieferindustrie im Militärgeschäft steckt, hat das Branchennetzwerk Automotive Thüringen untersucht: Es sind vor allem Komponenten wie Kurbelwellen, Steuergeräte und Elektronikbauteile, die genauso im Pkw wie in Panzern oder Drohnen zum Einsatz kommen können. Allerdings ist der Markt trotz Sondervermögen und Aufrüstungszielen vergleichsweise klein. Um die Aufträge konkurrieren zahllose Zulieferer. Rüstung sei deshalb eine Ergänzung, aber bei Weitem kein Ersatz für das Automobilgeschäft, so die Autoren.
Auch auf Beschäftigungsebene ist Auto2Defence kaum der viel beschworene Rettungsanker für die kriselnden Autobauer. Rund 20.000 Menschen arbeiten in der eng definierten Rüstungsindustrie, gegenüber fast 800.000 in der Autobranche. Seit 2019 sind rund 100.000 Autoarbeitsplätze weggefallen, bis 2035 erwartet der Verband der Automobilindustrie den Abbau von 225.000 Stellen.
Rüstungsunternehmen greifen Fachkräfte ab
Von arbeitslosen Fachkräften wiederum profitiert die Rüstung. So hat Rheinmetall Continental-Mitarbeitern aus Gifhorn, deren Jobs durch die Werkschließung wegfallen, eine Beschäftigung am nahen Standort Unterlüß angeboten. Statt Bremsen fertigen die Arbeiter jetzt Munition.
In den Belegschaften regt sich derweil vereinzelt Widerstand – und die Gewerkschaft IG Metall steckt im Dilemma. In ihrer Satzung sind Frieden und Abrüstung verankert, zugleich vertritt sie die Beschäftigten der Wehrindustrie und steht durch den Stellenabbau erheblich unter Druck. In diesem Spannungsfeld bewege sie sich schon immer, erklärt die Gewerkschaft, die aktuelle Weltlage mache das nur besonders deutlich.
Dass Autowerke auch anders genutzt werden können, zeigt eine Kurzstudie im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Umweltorganisation Robin Wood. Das VW-Werk Osnabrück, das bereits Kleinbusse gefertigt hat und mit einer Entwicklungsabteilung ausgestattet ist, könnte teilautonome Fahrzeuge für den ÖPNV fertigen. Dafür, so die Autor*innen, müsste das Land Niedersachsen allerdings das Werk übernehmen und der öffentliche Nahverkehr deutlich besser finanziert werden, etwa mit Geld aus dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität.
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