Wenn Milliarden vererbt werden: Klassenhass

Fünf Prozent der Deutschen besitzen so viel wie der Rest. Das Erbschaftssteuersystem verstärkt die Ungleichheit. Wie lange kann das gutgehen?

Ein Kronleuchter hängt an der Decke

„You can always get a better something, a better car, a better house“, sagt Erbe Alexander Foto: Cord/imago images

Kennen Sie das Wort Klassenhass? Hass ist ein sehr starkes Wort. Man kann enttäuscht von jemandem sein, dann ist man wütend auf ihn, aber man hasst ihn nicht gleich. Hass ist mir deshalb eigentlich fremd. Außer Klassenhass. Den empfinde ich, wenn Ungleichheit offen und wie selbstverständlich zutage tritt.

Etwa in der im ZDF ausgestrahlten Doku „Die Wahrheit übers Erben“ von Julia Friedrichs und Louis Klamroth. Ein Film, der das ungerechte Erbschaftsteuersystem thematisiert, das im Sinne der (Ver-)Erbenden beschaffen ist, viele Ausnahmen und hohe Freibeträge kennt, gerade wenn jemand ein Unternehmen vererbt; und in dem nicht nur die nackten Zahlen Eindruck machen: 5 Prozent der Deutschen besitzen so viel wie der Rest, jedes Jahr werden 300 Milliarden Euro vererbt, davon werden nur ungefähr 2 Prozent als Steuern abgeführt.

Auch die menschliche Manifestation dieser Ungerechtigkeit raubt einem den Atem. Vor allem eine Szene hat es in sich. Julian, Erbe von Touristikunternehmer Karlheinz Kögel mit geschätzten 300 Millionen Euro Vermögen, der in seiner Freizeit ein Cessna-Flugzeug fliegt, und zwei Freunde machen bei einer Wanderung im Schwarzwald eine Pause.

Reporter Klamroth fragt die drei, ob es in ihrem Leben schon mal etwas gab, das sie sich nicht leisten konnten. „Klar“, sagt Julian. „Auf jeden Fall“, sagt Christina, die ein eigenes Modelabel besitzt. „Safe“, sagt Julian, „ja, viel.“ Klamroth frag nach: „Zum Beispiel?“ Es folgt eine unangenehme Pause. „Material things“, sagt dann Alexander, der ein Saft-Start-up gegründet hat. „You can always get a better something, a better car, a better house.“

Von null starten

Für mich als jemand, der nichts erben wird, kein Vermögen hat und von null starten musste, dessen Entscheidungen im Leben immer davon bestimmt sind, ist das der Moment, in dem der Klassenhass in der Brust brennt. Eine Freundin mit gleicher Ausgangslage beschreibt es so: „Das ist, als ob einem jemand das Gesicht in die Scheiße drücken würde.“

Bei allem Klassenhass ist klar, dass Julian und Leute wie er einfach Glück haben. Dass sie nicht verantwortlich dafür sind, was prinzipiell falsch läuft. Dass Leute wie sein Vater Charaktermasken sind, wie Marx es nennt. Jederzeit austauschbar. Denn wenn sie die für den Kapitalismus notwendige Rolle des ausbeutenden Unternehmers nicht einnähmen, würden das eben andere tun. Aber der Klassenhass ist trotzdem da. Und er lässt sich nicht mit einem Marx-Seminar bändigen.

Am Ende des Films kommt der Erbe Antonis Schwarz zu Wort. Er setzt sich für höhere Erbschaftsteuern ein. Das klingt paradox. Ist es aber nicht. Er sagt: „Die extreme Vermögenskonzentration und die Demokratie vertragen sich nicht gut.“ Und da klingt ein bisschen die Angst durch, dass er am Ende alles verlieren könnte – wenn der Klassenhass zu groß wird und die anderen einfach nehmen, was sie brauchen.

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Kolumnist ("Postprolet") und Redakteur im Ressort taz2: Gesellschaft & Medien. Bei der taz seit 2016. Schreibt über Soziales, Randständiges und Abgründiges.

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