Der Begriff Normalität: Wer sind die normalen Leute?

Scholz spricht in seiner Regierungserklärung von normalen Leuten. Das ist manipulativ und lenkt von entscheidenden Geld- und Machtfragen ab.

Olaf Scholz schreitet einen Gang entlang, Blick von oben

Auf der Seite der „normalen Leute“: Olaf Scholz Foto: Michael Kappeler/dpa

Es gibt diese Erzählung vom Nichtnormalsein, die man aus autobiografischen Texten kennt: ‚Das erste Mal habe ich gemerkt, dass ich nicht normal bin, als die Klassenlehrerin meinen Namen nicht richtig aussprechen konnte.‘ Oder: ‚…als die anderen Kinder mir zu verstehen gaben, dass ich anders aussehe.‘ Oder: ‚…als ich bei einem Freund war und gesehen habe, dass seine Familie Dinge besitzt, die meine Familie nicht hat.‘

Das sind Erzählungen, in denen sich die Gewalt von Normalität, der Norm zeigt. Manchmal ist diese Norm so stark, dass sich die Nichtnorm für Norm halten möchte, sich ihr unterwirft und sich mit ihr gegen andere in ähnlicher Lage verbündet, statt sich zu solidarisieren. Das ist der Fall, wenn Menschen Steuererhöhungen ablehnen, die sie selbst gar nicht betreffen würden, oder wenn sie ihr Elend auf Menschen anderer Herkunft projizieren und dann deren Häuser anzünden. Normalität ist hier kein Idealzustand, sondern ein Problem. Der Begriff ist ein analytischer, weil er die Gewalt begreifbar und angreifbar macht. Er ist deshalb politisch.

Und dann gibt es eine Normalität, die in Köpfen von Politikern und Journalisten herumschwirrt und immer wieder aufploppt: Wenn Olaf Scholz im Mai twittert, dass er „auf der Seite der normalen Leute“ stehe. Oder wenn er beim SPD-Parteitag verlautbart, dass man in Zeiten der Digitalisierung auch gute Arbeitsplätze für „normale Leute“ schaffen werde. Oder wenn er bei seiner Regierungserklärung von den Fragen jener „normalen Menschen“ berichtet: „Geht das alles gut aus? Für meine Familie? Für meine Kinder? Für ganz normale Leute wie mich? Meine Antwort, die Antwort der Bundesregierung ist sehr klar: Ja, das kann gut ausgehen.“ Und wenn dann in Zeitungen darüber diskutiert wird, ob dieser Scholz’sche Normalitätsbegriff nun Ressentiments gegen Eliten schürt oder eher ein rhetorisches Hilfsmittel ist, um an gute, alte sozialdemokratische Vergangenheit anzuknüpfen.

Werkzeug für Machterhalt

Ob affirmativ oder ablehnend verwendet: Dieser Begriff von Normalität ist unpolitisch, weil er allein Werkzeug für parteipolitischen Machterhalt ist. Er ist nicht kritisch, sondern manipulativ, löst bei vielen verschiedenen Menschen Gefühle aus, denn jeder kann sich mit ihm identifizieren, weil nicht klar ist, wer damit gemeint ist. Aber spricht der neue Bundeskanzler zum Beispiel auch meine Eltern an, die in diesem Land oft vermittelt bekamen, dass sie nicht normal seien? Und wenn er sie mitmeint, was ändert das an der mickrigen Rente meines Vaters?

Die Scholz’sche Rede von normalen Leuten stellt deshalb einerseits demokratische Errungenschaften für Menschen in Frage, die immer noch als nicht normal markiert werden. Dafür verspricht sie, soziale Ungleichheit zu bekämpfen, was aber reine Rhetorik bleibt. Am Ende ist sie eine Nebelkerze, die von entscheidenden Geld- und Machtfragen ablenkt. Niemand sollte sich von dieser Normalität benebeln lassen.

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Kolumnist ("Postprolet") und Redakteur im Ressort taz2: Gesellschaft & Medien. Bei der taz seit 2016. Schreibt über Soziales, Randständiges und Abgründiges.

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