Wasserknappheit in den Niederlanden: Wenn jeder Tropfen zählt
Nie war es in der Provinz Limburg so früh im Sommer so trocken. Der Wasserzugang wird nun regional beschränkt, doch eine Verbesserung ist nicht in Sicht.
Foto: Bart Biesemans/reuters
O ckerland. So präsentiert sich Limburg aus dem Zugfenster. Dürres Gelb in allerlei Schattierungen, die Felder abgeerntet. Unweigerlich denkt man an die Worte von Saskia Borgers, Deichgräfin in der südöstlichen Provinz der Niederlande, die zwischen Nordrhein-Westfalen und Belgien liegt. „Jeder Tropfen zählt“, sagte sie neulich dem Regionalsender L1. Kurz zuvor hatte ihre Wasserbehörde „Code rood“ ausgerufen, die höchste Warnstufe. „Eine kritische Situation mit schwerwiegendem Wassermangel“, so hieß es.
In den gesamten Niederlanden gilt seit Mitte Juli offiziell Wasserknappheit. Ausgerufen hat sie die landesweite Wasserbehörde Rijkswaterstaat, Gegenmaßnahmen auf regionaler Ebene folgten unmittelbar. In Limburg darf schon seit Anfang Juli kein Wasser aus Flüssen mehr entnommen werden, um Gärten oder Sportplätze zu beregnen. Dazu gilt nun ein Entnahmeverbot für Oberflächengewässer. Ausgenommen: das Löschen von Bränden und Bewässern von Obstbäumen, auch Vieh darf noch aus Wasserläufen seinen Durst stillen.
Über 40 Grad in Deutschland – was früher unvorstellbar war, ist heute real. Die Zahl der Hitzetoten steigt, die Wasserpegel der großen Flüsse sinken. Und wir merken, wie schlecht vorbereitet unser Land auf den Klimawandel ist. Doch der betrifft ja alle Länder. Wie gehen die Menschen anderswo mit den steigenden Temperaturen um? Und wo können wir von ihnen lernen? Eine Sommerserie der taz.
Die Kuhherde, die oberhalb des Vlootbeek im verdorrten Gras steht, würde das wohl gerne. Doch von dem Bach, der knapp 20 Kilometer entfernt im deutschen Heinsberg entspringt, ist nichts mehr übrig. Von einer hölzernen Brücke in den Feldern fällt der Blick auf die Häuser von Linne, einem Dorf bei Roermond. Zwischen grobem Gestein liegt Erde, hier und da noch restfeucht. Zur anderen Seite mäandriert das knochentrockene Bachbett, mit kleinen Kieseln gefüllt, durch die Felder der nahen Maas entgegen.
Gewohnheit und Erschrecken
Es ist früher Abend. Eine drückende Stille liegt über der Landschaft. Nach einer Woche, die kühler und bedeckt war, ist spürbar, wie sich die Luft wieder mit Wärme auflädt. Peter Janssen, Bademeister im nahen Freibad Weerderhof, schließt gerade das Tor. „Ich wohne nun fast zehn Jahre hier.
In dieser Zeit war der Bach schon drei-, viermal ausgetrocknet“, berichtet er. Allzu viele Gedanken mache er sich nicht darum. „Ich habe mich daran gewöhnt.“ Dass es trockener wird, in diesem Land, das gerade bei ausländischen Besucher*innen für seinen Überfluss an Wasser bekannt ist, steht für den Bademeister freilich fest.
Eine junge Mutter, die mit Hund und zwei kleinen Kindern im nahen Naturgebiet gerade spazieren geht, ist hingegen besorgt. „Man erschreckt sich schon, wie weit es geht. Und ich frage mich dann, wie trocken es noch werden soll in den Niederlanden.“
Nie dagewesene Trockenheit
Die Antwort darauf hat auch Saskia Borgers, die Deichgräfin, nicht. Was sie weiß: „Wir haben hier mit einer extremen Trockenheit zu tun, wie wir sie noch nicht erlebt haben.“ Zudem sei dieser Zustand besonders früh im Sommer eingetreten. Borgers ist in diesen Tagen viel unterwegs. Unlängst begleitete sie den Inspekteur ihrer Behörde auf seiner Tour durch die Provinz, um festzustellen, ob Pumpen für Grund- und Oberflächenwasser vorschriftsmäßig registriert sind.
Nun ist sie auf dem Weg in die Provinzhauptstadt Maastricht. Telefonisch skizziert sie die besondere Problematik in Limburg: relativ hohe Temperaturen durch das Kontinentalklima, Sand- und Lössböden, die kaum Wasser speichern, zu wenig Wasser, das aus Belgien und Deutschland kommend über die Maas zugeführt wird. „Dazu kommt unser Wassersystem in den Niederlanden: Es basiert darauf, Wasser so schnell es geht abzuführen.“
34 Risse im Torfdeich
Am anderen, westlichen Ende des Landes schlugen Borgers Kolleg*innen kürzlich Alarm. Die Wasserbehörde Delfland fand in ihren Deichen 34 Risse, die durch Trockenheit verursacht sind. In Limburg droht diese Gefahr nicht, erklärt Borgers. „In Delfland gibt es viele Torfdeiche, die solche Risse bilden. Wir haben Lehmdeiche, mit Gras bewachsen.“
Das Entnahmeverbot müsse dennoch in Kraft bleiben – und zwar so lange, bis es ausreichend geregnet habe. „Das bedeutet nicht, einige Tröpfchen oder ein paar Stunden. Es muss substanziell mehr regnen, damit sich unser System wieder füllen kann.“
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