Folgen der Klimakrise: Wenn Wassermangel normal wird
Flüsse und das Grundwasser haben immer häufiger niedrige Pegelstände. Das ist nicht nur für die Schifffahrt ein Problem.
Nur etwa jedes siebte Gewässer in Deutschland leidet derzeit nicht unter Niedrigwasser. In jedem dritten Gewässer ist der Wasserstand sogar extrem niedrig. Das zeigt das neue Niedrigwasser-Informationssystem Niwis, das Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) am Mittwoch in Berlin vorstellte.
Niedrige Pegelstände in Flüssen und dem Grundwasser sowie ausgetrocknete Böden seien wegen des Klimawandels längst keine Ausnahme mehr, sagte Schneider. „Deshalb müssen wir Wasserknappheit früher erkennen und besser vorsorgen.“ Dafür sei Niwis eine Grundlage.
Laut der Bundesanstalt für Gewässerkunde ist fehlender Regen nicht der einzige Grund für Niedrigwasser. Wasser verdunste schneller, wenn es heiß ist und viel Wind weht. Außerdem sänken die Wasserstände rascher, wenn die Grundwasservorräte in der Region erschöpft sind. Auch diese Daten sammelt Niwis: Demnach sind zwei Drittel der Grundwasserpegel in Deutschland niedriger als gewöhnlich.
Für die Trinkwasserversorgung bestehe zwar akut keine Gefahr, sagt Lucilia Westphal vom Naturschutzbund (Nabu) der taz. „Dass Trinkwasser immer verfügbar ist, hat verfassungs- und wasserrechtlich höchste Priorität“, sagt sie.
Niedrigwasser gefährdet seltene Arten – und die Wirtschaft
Entwarnung bedeutet das aber nicht: „Wenn Kleingewässer wie Teiche austrocknen, kann das lokal zum vollständigen Verlust von Libellen-, Kröten-, Frosch- oder Pflanzenarten führen, die sich oft nicht wieder erholen, wenn der Teich wieder vollregnet“, sagt Westphal. Kleingewässer seien Biodiversitätshotspots, die ohnehin häufig in keinem guten ökologischen Zustand seien.
Dazu kommt: Führen Flüsse und Seen weniger Wasser, konzentrieren sich die Schad- und Düngestoffe aus Klärwerken, Industrie und Landwirtschaft im verbleibenden Rest. „Da wärmeres Wasser zudem physikalisch weniger Sauerstoff binden kann, der Bedarf der Organismen aber gleich bleibt, droht den Gewässern der plötzliche Kollaps“, sagt Westphal. „Solche biologischen Kipppunkte führen dann schlagartig zum Absterben von Fischen und Amphibien.“
Auch die Wirtschaft ist betroffen. Zum Beispiel werden zahlreiche Waren auf Flüssen transportiert. „Die Binnenschifffahrt transportiert zwar nur einen vergleichsweise kleinen Teil der gesamten Gütermenge in Deutschland, ist aber für schwere Massengüter und industrielle Grundstoffe, die häufig am Anfang der Produktionskette stehen, besonders wichtig“, sagt Saskia Meuchelböck vom Kiel Institut für Weltwirtschaft dem Science Media Center. Besonders für den Transport von Erzen, Steinen und Erden, von Öl, Gas und Kohle sowie chemischen Erzeugnissen ist die Binnenschifffahrt wichtig.
Das hat konkrete Auswirkungen auf die Unternehmen, die von den Flusstransporten abhängig sind. „Während der Niedrigwasserperiode 2018 verzeichneten Unternehmen, die für ihre Importe auf die Binnenschifffahrt angewiesen waren, einen Rückgang ihrer Gesamtexporte um rund 4 Prozent“, sagt Meuchelböck.
Davon ist laut der Forscherin auch die Wirtschaft als Ganzes betroffen: „Historische Daten zeigen, dass ein Monat mit 30 Tagen Niedrigwasser am kritischen Rheinpegel Kaub mit einem Rückgang der Industrieproduktion von rund 1 Prozent einhergeht.“ Inzwischen hätten aber viele Unternehmen ihre Lieferketten angepasst, „das spricht dafür, dass die Auswirkungen heute geringer ausfallen könnten als 2018“.
Naturschützerin: „Wir müssen den Flüssen Raum geben“
Für das Niedrigwasser ist die Binnenschifffahrt mitverantwortlich, denn unter anderem für die Schiffbarkeit wurden und werden viele Flüsse in Deutschland begradigt. „Naturnahe, unbegradigte Gewässer und ihre Auen wirken wie eine Versicherung gegen Extreme“, sagt Westphal. Sie bremsten den Abfluss und hielten Wasser bei Hochwasser in der Fläche zurück, um es in Trockenzeiten langsam wieder abzugeben. „Da wir jedoch den Großteil unserer ehemaligen Auen verloren haben, fehlt uns dieser natürliche Puffer heute schmerzlich“, sagt Westphal. „Wir müssen den Flüssen wieder Raum geben, um das Wasser in der Fläche zu halten.“
Obwohl Hitze und Trockenheit mit der zunehmenden Erderhitzung häufiger und heftiger werden, gibt es neben der Renaturierung von Flüssen zahlreiche Maßnahmen, um Niedrigwasser vorzubeugen – Moore wieder zu vernässen zum Beispiel. „Gesunde Moore funktionieren wie ein Schwamm: Sie nehmen Wasser auf und geben es bei Trockenheit langsam an die Umgebung ab“, sagt Westphal.
Westphal fordert außerdem eine „wassersensible Landnutzung“ auf Äckern und Weiden, um klimaresilienter zu werden. „Durch den Aufbau von Humus, den Einsatz von Zwischenfolgefrüchten und den Rückbau von Entwässerungsgräben erhöhen wir die Infiltrationsleistung und Wasserspeicherkapazität unserer Böden“, sagt sie. „Wenn wir jetzt nicht radikal gegensteuern, drohen uns auch hierzulande handfeste Engpässe.“
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