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Vogelexperte über Stadtgezwitscher„Man muss rausgehen und sich darauf einlassen“

In Hamburg leben 160 Vogelarten, einige geben im Frühling gesangstechnisch alles. Hier ist zwischen Uhus und Eisvögeln der wahre Star: der Spatz.

Auch im Stadion ein Gewinner: das Rotkehlchen Foto: Uwe Anspach/dpa

Interview von

Linn Bertelsmeier

taz: Herr Sommerfeld, der Nabu bietet seit über 70 Jahren Führungen durch die heimische Vogelwelt an. Über welchen Vogel freuen Sie sich bei Sichtungen am meisten?

Marco Sommerfeld: Es gibt ja Leute, die besonders gerne ausgefallene Arten beobachten, wie Eisvögel. Die leben nämlich auch hier, entlang der Alster oder auf dem Friedhof Ohlsdorf. Da ist manchmal auch ein Uhu zu sehen. Ich selbst freue mich aber am meisten über den Haussperling.

taz: Oh, was ist der Haussperling für einer?

Sommerfeld: Er ist recht klein und war früher eine Allerwelts-Vogelart. Bekannter ist er als Spatz. Heute ist die Art selten geworden und steht auf der Roten Liste. Er ist nicht mehr im ganzen Stadtgebiet vertreten, größere Populationen gibt es noch beispielsweise in der Hafencity, im Altonaer Fischereihafen und in Blankenese.

Bild: Nabu
Im Interview: Marco Sommerfeld

53, ist Referent für Vogelschutz beim Nabu Hamburg. Dort leitet er die Vogelstation Wedeler Marsch. Sein Tipp: Wer den Vögeln in der Stadt helfen möchte, kann Nistkästen an der Hauswand anbringen.

taz: Ist der Sperling auch einer von den Gesangstalenten, die aktuell den Frühling besingen?

Sommerfeld: Nee, die tschilpen eher. Wir hören vor allem die Amsel. Sie singt eine Art flötende Strophe, die klingt relativ melodiös und wird festlich von ihr vorgetragen. Da mischen sich dann die anderen Vogelstimmen mit rein, wie das Rotkehlchen oder der Zaunkönig. Der Zaunkönig klingt sehr dominant, fast metallisch und erinnert etwas an Kanarienvögel.

Was wir hier in der Nacht singen hören, sind nämlich keine Nachtigallen. Das sind Rotkehlchen, die neben der Straßenlaterne oder Parkbeleuchtung eine Nachtschicht machen

taz: Also gibt es den ganzen Tag was zu lauschen?

Sommerfeld: Ja, – und das geht sogar nachts! Was wir hier in der Nacht singen hören, sind nämlich keine Nachtigallen. Das sind Rotkehlchen, die neben der Straßenlaterne oder Parkbeleuchtung eine Nachtschicht machen.

taz: Warum legen sich Rotkehlchen und Co gerade so ins Zeug?

Sommerfeld: Zurzeit ist die Werbung um Partner in vollem Gange, manche bauen bereits ihr Nest. Und rund um ihr Nest verteidigen sie ein unsichtbares Revier gegen ihre Nachbarn. Während wir Menschen Zäune aufbauen, um unser Grundstück abzugrenzen, machen das Vögel durch den Gesang. Der ist morgens und abends am intensivsten und hängt vom Wetter ab. Bei strahlendem Sonnenschein singen sie manchmal den ganzen Tag.

taz: Weil die Vögel dann wie wir bessere Laune haben?

Sommerfeld: Ja, das glaube ich tatsächlich. Bei Sturm und Regen gibt’s weniger Vogelgesang. Das kennen wir Menschen: Wenn es stürmt, sind wir auch nicht so ausflugswillig. Und bei den Vögeln gibt es wie bei uns auch Frühaufsteher. Die Amsel und der Hausrotschwanz singen bereits vor 5 Uhr morgens. Und dann gibt es so Langschläfer wie die Finken.

taz: Sie sind seit mehr als zwanzig Jahren Vogelexperte beim Nabu. Wie hat sich die Hamburger Vogelwelt in den letzten Jahren verändert?

Sommerfeld: Es gibt Arten, die wir als „Gewinner“ bezeichnen, wie Buntspechte und Rotkehlchen. Sie sind in den letzten Jahren vom Land in die Stadt gezogen. Diese Entwicklung konnte bereits in den 1980er Jahren bei Rabenkrähen und Elstern beobachtet werden. In der Wedeler Marsch sind es vier Elster-Reviere auf 1.000 Hektar, und in Hamburg gibt’s in jeder Straße drei Nester. Trotzdem sind wir besorgt: Die Versiegelung der Stadt und die vielen Bauprojekte vernichten Lebensräume von häufigen Arten, wie Star, Grünfink oder Turmfalken. Da muss man sich nicht wundern, wenn die Zahl der Brutpaare irgendwann dauerhaft abnimmt.

Führungen durch die Vogelwelt

Der NABU bietet im ganzen Stadtgebiet „Was singt denn da?“-Führungen an, zum Beispiel in Planten un Blomen am Sonntag, 3. Mai um 9 Uhr. Die Teilnahme ist auf Spendenbasis, eine Anmeldung erwünscht. Ein Fernglas wird empfohlen.

taz: Was sagen Sie jemandem, der meint: „Vogelgesang?! Die zwitschern doch eh alle gleich“?

Sommerfeld: Man muss rausgehen und sich darauf einlassen. Und Vogelstimmen erkennen, das geht nicht sofort. Bei mir war das ein Prozess, der viele Jahre gedauert hat. Es gibt auch Vogelstimmen-Apps, die den Gesang angeblich zuordnen können. Aber darauf würde ich nicht so viel geben, weil einige Vögel andere gerne imitieren. Da sind unsere ehrenamtlichen Ex­per­t*in­nen auf den Touren die eindeutig besseren Ansprechpersonen.

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