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Verwendung des SondervermögensDie Kritik ist berechtigt

Simon Poelchau

Kommentar von

Simon Poelchau

Die Koalition soll das Sondervermögen zweckentfremdet haben. Die SPD widerspricht. Doch ganz ausräumen kann sie den Verdacht nicht.

Spaten für einen Spatenstich: Das Sondervermögen ist kein Wachstumsbooster, sondern ein Rohrkrepierer Foto: Oliver Berg/dpa

E s wird wieder über die Schuldenbremse gestritten. Und wieder ist es die SPD, die dabei verliert. Denn das 500 Milliarden Euro schwere Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität (SVIK), mit dem der Bund die Schuldenbremse umgeht, ist als Wachstumsbooster ein Rohrkrepierer. Es entpuppt sich als Verschiebebahnhof, mit dem teure Wahlversprechen wie die Mütterrente finanziert werden. Das beklagten dieser Tage gleich zwei renommierte Wirtschaftsinstitute. Wo Rauch ist, ist bekanntlich das Feuer nicht weit.

Das Münchner ifo-Institut und das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) werfen der Bundesregierung vor, mit dem Sondervermögen keine zusätzlichen Investitionen zu finanzieren, wofür es vorgesehen ist. Bei der Abstimmung im Bundestag, für neue Schulden das Grundgesetz zu ändern, haben Union und SPD selbst Stimmen der Grünen bekommen.

Das IW behauptet nun, dass im vergangenen Jahr 86 Prozent der Mittel des Sondervermögens zweckentfremdet wurden. 12 Milliarden Euro seien aus dem Schuldentopf verwendet worden, um Ausgaben zu finanzieren, die im Kernhaushalt vorgesehen waren. Das ifo-Institut kommt auf eine noch schlechtere Quote. Ihm zufolge sollen sogar 95 Prozent des Vermögens zweckentfremdet worden sein.

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Mehr Schulden für mehr Investitionen, das war ein Herzensprojekt der SPD. Nur so werde „das gute Leben auch kommender Generationen möglich“, versprachen die Sozialdemokraten in ihrem Wahlprogramm. Deshalb überrascht es nicht, dass sie die Haushaltspolitik der Bundesregierung jetzt verteidigen.

Allen voran Jens Südekum, Ökonom und Chefberater von SPD-Finanzminister Lars Klingbeil, sprang der SPD zur Seite: Von Zweckentfremdung keine Spur. Die Zahl des ifo-Instituts sei nur so hoch, weil sie die Investitionsquote aus dem Haushalt 2024 einfach fortschreibe, obwohl es nun andere Vorgaben gebe.

Und wieder mal kann die SPD ihr Versprechen nicht einhalten

Vielleicht sind die Zahlen des ifo-Instituts ein wenig hoch gegriffen, das IW kommt ja auf etwas weniger Zweckentfremdung. Doch zur Wahrheit gehört, dass auch andere – selbst gewerkschaftsnahe Ökonomen – dieselbe Kritik erheben. Bis zum Jahr 2030 ließen sich lediglich 98 Milliarden Euro aus dem SVIK als zusätzliche Ausgaben für Klimaneutralität und Investitionen klassifizieren, kritisieren etwa die Wirtschaftsweisen. Damit liege die Zusätzlichkeit unter 50 Prozent.

Und so ist das Sondervermögen wieder einmal ein Fall, bei dem die SPD im Wahlkampf etwas Gutes verspricht, aber den Erwartungen daran zum wiederholten Male nicht entsprechen kann. Vielleicht es ist ratsam, als SPD ehrlich zu sein und zu den Unzulänglichkeiten des Sondervermögens zu stehen. Dass es mehr Geld für mehr Investitionen braucht, ist augenscheinlich. Und dass dies nicht mit einer Union zu haben ist, die wirtschaftsideologisch im Neoliberalismus gefangen ist, ebenso.

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Simon Poelchau
Redakteur
ist für Ökonomie im taz-Ressort Wirtschaft und Umwelt zuständig.
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19 Kommentare

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  • Das Sondervermögen steht seit Oktober 2025 zur Verfügung.



    2025 sind in den drei Monaten 24 Mrd. Euro der Bundesmittel des Sondervermögens abgeflossen, das sind 4,8 Prozent der Gesamtsumme des Sondervermögens von 500 Mrd. Euro,



    =



    Die 24 Milliarden Euro fügen sich in ein größeres Bild ein, in dem für 2026 Investitionen von über 120 Milliarden Euro (Gesamtinvestitionen inkl. Sondervermögen) angestrebt werden, um die Infrastruktur zu verbessern und das Wirtschaftswachstum zu fördern.



    =



    Die Investitionsausgaben des Bundes im Vergleich zu 2024 wurden um circa 17 Prozent gesteigert. Insgesamt wurden vom Bund 2025 rund 87 Mrd. Euro investiert, davon entfielen 24 Mrd. Euro auf das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität. Die Schwerpunkte liegen hierbei in der Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur, Bildung und Forschung, Digitalisierung, Wohnungsbau, Krankenhausinfrastruktur sowie der Transformation Deutschlands zu einer nachhaltigen und klimaneutralen Volkswirtschaft.

  • "Und dass dies nicht mit einer Union zu haben ist, die wirtschaftsideologisch im Neoliberalismus gefangen ist, ebenso."

    Das verstehe ich nicht. Wir haben den größten Haushalt den rs jemals in der Republik gab. Wie kann man bei solch hohen Haushalten und solch hohen Sozialausgaben von Neoliberalismus reden? Der Begriff verkommt in politischen Debatten immer mehr zu einer unverständlichen Worthülse.

  • Die SPD muss halt Geld gegen ihren Niedergang investieren.

    • @Prinz Leonce vom Königreiche Popo:

      Die SPD finanziert hier gar nichts, es ist der Haushalt der BRD...

  • Warum die andauernde Kritik an der Mütterrente ?? Weil sie von der CSU kommt ? Wäre es von der SPD gekommen würde man es als den größten Sozialen Erfolg der letzten 20Jahre feiern.



    Warum sollte man nicht die große Leistung von Frauen die Kinder geboren, erzogen haben honorieren ??

  • Das kommt nicht wirklich überraschend. War doch klar, dass die Regierung notwendige Reformen nicht angeht, um möglichen Konflikten aus dem Weg zu gehen. Sozial- und Gesundheitssysteme verschlingen immer mehr Geld, was bei einer stagnierenden Wirtschaft natürlich nicht finanzierbar ist. Das kleistert man dann lieber mit Geld zu, anstatt Reformen anzugehen.



    Hoffentlich schiebt das Verfassungsgericht dem einen Riegel vor, die Verwendung des Sondervermögens ist ja im Grundgesetz geregelt.

    • @T-Rom:

      Das Bundesverfassungsgericht bedarf eines Anstoßes von außen. Um die Gewaltenteilung zu wahren gilt das Antragsprinzip, - es wird nicht selbstständig tätig und übt keine allgemeine Überwachungsfunktion - zum Schutz der Gesellschaft aus. Es handelt nicht vorausschauend, sondern sektoral. BSP: 2021 Stärkung der Rechte von Jugendlichen (denen man – wie großzügig – in Sachen Umwelt ein Mehr-an-Zukunft zusprach…) um durch einen anderen Senat fiskalisch trocken (auf Betreiben der Union) das Spielgeld der Ampel (die +/- 60Milliarden) vom Tisch des Klimafonds zu nehmen. ((nach Urteil wurde dann schnell vergessen, dass die machtgeile Union die Milliarden ihrerseits für eigene Vorhaben verbraten wollte (eine Umwidmung der Umwidmung))).



      Jeder einzelne Bürger kann eine Verfassungsbeschwerde auf den Weg bringen und sollte nach Wegen suchen vorgeschaltete Instanzen zu überspringen. Es pressiert… Qui ose?

    • @T-Rom:

      Auf den Punkt gebracht. Als Geschäftsführer oder Bauherr eines Hauses auf Kredit wäre man jetzt mit rechtlichen Konsequenzen konfrontiert. Für eine Regierung gibt es nur die Haftung gegenüber dem Wähler. Das Geld ist bereits versenkt, das holt kein Bundesverfassungsgericht mehr zurück. Die Schulden tilgen kuenftige Generationen oder per Inflation alle - auch die, die kaum Vermögen haben. Vermögende schieben ihr Geld jetzt in Immobilien, Aktien, etc. Unternehmen ,die es können, investieren nur noch im Ausland, alle anderen lassen ihren Betrieb ohne weitere Investitionen auslaufen solange es geht oder gehen pleite. Das ist mehr als nur eine kleine Unregelmäßigkeit. Nach dieser Aktion werden viele in Verantwortung keine Gespräche mehr suchen sonden sich nur noch auf den Selbstschutz konzentrieren. Solidarität braucht man nicht mehr erwarten wenn sie missbraucht wird.

  • Die Frage: wer klagt in Karlsruhe auf Einhaltung der Zusätzlichkeit? Um die Subsidiarität zu umgehen muss die eigene Betroffenheit und eine Verfassungsverletzung dargelegt werden. Das sollten die Hilfsmittel von Grünen oder Linken hergeben.



    Die Zusätzlichkeit wurde - so hieß es damals – hineinverhandelt. Zum Zeitpunkt dieses Verhandelns hatte Merz gerade mehrfach Zusagen und Wort gebrochen. Wie wurde die Zusätzlichkeit also abgesichert?

    • @Pas fute-fute!:

      Gute Frage. Ich hoffe es wird nicht die AfD sein.

      • @Prinz Leonce vom Königreiche Popo:

        ...leicht unrealistisch. Die Zusätzlichkeit würde ein Mehr an Investition auslösen. Die afd ernährt sich aber gerade vom Weniger-von-Allem. Sie sucht nach dem Dysfunktionalen (das es - zugegeben - in Mengen gibt) - das sie aber (100Pro!) in Potenzen vervielfachen würde...Kurz: dort wo es Scheiße läuft existiert die afd. Sie ist koprophag.

  • Zweckentfremdetes Sondervermögen? Doch nur, wenn man an die völlig unrealistischen Voraussetzungen geglaubt hat, mit denen es angepriesen wurde. Trotz Schuldenmacherei reichten die Einkünfte der Vergangenheit nicht, um die Infrastruktur zu erhalten. Wie soll das plötzlich ohne zusätzliche Schulden gehen? Solange jemand den Deutschen Geld leiht, sollte man das nutzen! Das kann sich bald ändern.

    • @Rudi Lipp:

      Artikel gelesen? Das Sondervermögen wird ja gerade nicht für Instandsetzung der Infrastruktur verwendet. Stattdessen werden ohnehin eingeplante Investitionen in das Sondervermögen ausgelagert, damit im Kernhaushalt Geld übrig ist für die Neuauflage der Mövenpick-Steuer.

  • Für mich erfüllt die Zweckentfremdung von Geld aus dem Sonderfonds zur Erfüllung teuer Wahlgeschenke den Tatbestand der Untreue.



    Wer die Grünen nicht mag, CDU/CSU und SPD dies übel nimmt und auch nicht linksaussen ist, hat keine demokratische Alternative mehr bei der nächsten Wahl.



    Muss man es der AfD wirklich so leicht machen, CDU/CSU und SPD?

    • @Carsten S.:

      Ich hab durchaus eine Wahl, und es ist nicht die FdA.



      Meine Wahl hat leider keinen Einfluss in der Bundespolitik, war allerdings auch noch in keinerlei Skandale verwickelt.



      Sie nimmt auch keine Spenden von Firmen und Konzernen an, aber die würden eh nicht spenden, wenn es sich nicht rechnet.

    • @Carsten S.:

      Na ja, OHNE der ausdrücklichen Zustimmung der Grünen + Linke, hätte es dieses Sondervermögen nie gegeben. Wer als Opposition derartig versagt, hat seine Glaubwürdigkeit vollständig verloren ...

      • @Pico :

        Die Linken haben dem zugestimmt? Wann das denn?



        Die haben zwar Merz mit zum Kanzler gewählt, aber beim Sondervermögen haben sie im voraus schon gesagt, dass das missbraucht werden wird.

        • @esgibtnureinengott:

          Und sie haben auch Merz NICHT zum Kanzler gewählt, sie haben nur einem zweiten Wahlgang am gleiche Tag zugestimmt. Wenn Merz es nicht geschafft hätte, nur mit den Stimmen seiner Koalition Kanzler zu werden, wäre das sein Problem gewesen.

        • @esgibtnureinengott:

          Die haben nicht Merz mit zum Kanzler gewählt, sondern nur ermöglicht, dass der zweite Wahlgang früher stattfand.