Umm Kulthum in Berlin geehrt: Eine Stimme, die Grenzen überwindet
Im arabischen Raum, aber auch in Israel ist die Sängerin Umm Kulthum berühmt. Ihre Musik öffnet einen Kulturraum, der bis nach Neukölln reicht.
W enn die große ägyptische Sängerin Umm Kulthum zu einem Lied ansetzt, dann kann das schon mal eine Dreiviertelstunde lang sein. Sie beginnt möglicherweise bei der Sehnsucht nach einer großen Liebe und erkundet dann jede Richtung, jede Verästelung in die das Durchleben von Trennungsschmerz und Trost sie trägt. „Wie kann ich die Erinnerung an die Liebe loslassen, wenn es doch die Erinnerung ist, die mein Leben prägt?“, singt sie. Dabei hilft es sicherlich, den arabischen Text zu verstehen. Doch das Schwere, das Süße und das Leichte lassen sich auch ohne Sprachkenntnisse in ihrer Musik miterleben.
Der Musik von Umm Kulthum widmet sich die Neuköllner Oper, ein kleines freies Musiktheater, das rund um Oper, Revue, Musical oder Soap eine Alternative zur großen klassischen Oper sein will. In dem Stück „Tarab“ singen drei Sängerinnen in verschiedenen Lebens- und Altersphasen eine von Nesrine Belmokh für das Stück neu komponierte Collage aus Liedern von Kulthum. „Tarab“ bedeutet übersetzt aus dem Arabischen einen Zustand von Verzückung und körperlicher Entrücktheit durch Musik – diese Entrücktheit bringt das Theater eher als meditative Erkundung auf die Bühne, die sich vor allem auf Gesten und Symbole und eben auf die Musik verlässt.
Umm Kulthum, 1904 geboren, war die Tochter eines Imams, der als Koranrezitatator bei religiösen Feiern auftrat, um sein Gehalt aufzubessern. Seine Tochter, so heißt es, imitierte ihn schon als Kind. Der Vater nahm sie daraufhin mit, und sie durfte mit ihrem Bruder mit auftreten. Sie nahm Gesangsunterricht und ging nach Kairo, wurde erst dort und nach Auftritten in Bagdad, Damaskus, Beirut und Tripolis auch international als Sängerin berühmt.
Ein Fest für Umm Kulthum mit Musik und Gesprächen feiert die Neuköllner Oper am 4. und 5. Juli in der Passage ihres Haus. Diese Erinnerung an die große Sängerin ist auch Teil des Kulturspektakels 48 Stunden Neukölln.
Der Vergleich, dass sie in der arabischen Welt „so berühmt wie im Westen die Beatles“ sei, ist ein Versuch, ihren Einfluss zu vermitteln. Autor*innen berichten davon, wie in den Abendstunden ihre Lieder aus den Taxis oder Straßencafés zu hören sind, und zwar unterschiedslos von Marokko bis in die Golfstaaten.
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Diese Lieder handeln aber auch von Nationalstolz und Widerstand. Mit der Revolution 1952 in Ägypten kam Gamal Abdel Nasser an die Macht, ein Verfechter des Panarabismus. Die Musik von Kulthum, die Nasser unterstütze, förderte ein übergreifendes panarabisches Bewusstsein. Sie sprach sich politisch für die arabischen Nationalbewegungen der 1950er und 1960er Jahre aus und sang etwa bei Konzerten zur Unterstützung des ägyptischen Militärs.
Doch populär war und ist sie auch in Israel. Vor allem unter den Mizrachim, also israelischen Jüdinnen und Juden aus Nordafrika, dem mittleren Osten und Zentralasien, die von dort vielfach im Zuge der Nationalbewegungen vertrieben wurden. Sie brachten auch ihre Erinnerungen und Lieblingslieder mit nach Israel.
Der israelisch-niederländische Regisseur von „Tarab“, Sjaron Minailo, erzählte in einem Interview mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg, seine Großmutter habe jede Woche ägyptische Filme im Fernsehen gesehen, teils mit Kulthums Musik unterlegt. Der Islam sei zwar die dominante Religion in der arabischen Welt, aber es gebe mit Judentum, Christentum, mit der Kultur von Drusen und Beduinen so viel mehr. Und dass Umm Kulthum diese Kulturen und Religionen vereine.
So gesehen macht Kulthums Musik einen Kulturraum auf. Und dieser Kulturraum reicht bis nach Neukölln. In der Sonnenallee, der „arabischen Straße“ Berlins, trägt ein Café ihren Namen. Die Neuköllner Oper öffnet am kommenden Wochenende ihre Türen nach draußen, räumt Teppiche, Gartenstühle und Tische in den Innenhof. Und sie fragt: „Wo ist Umm Kulthum?“
Passant*innen, Anwohner*innen und Gäste sind aufgerufen, ihre Kassetten, Schallplatten, CDs oder andere Dinge mitzubringen, die sie an Umm Kulthum erinnern, und zu erzählen, was sie mit der Sängerin und ihrer Musik verbinden. Denn, da sind sie sich bei der Neuköllner Oper sicher: Umm Kulthum ist auch hier.
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