Umfrage in fünf EU-Staaten: Mehrheit lehnt Patente auf Saatgut ab
Fast 90 Prozent der Deutschen sprechen sich dagegen aus, Lebewesen zu patentieren. Für Umweltschützer ist das ein Argument gegen eine EU-Gentechnik-Reform.
Die meisten Menschen in Deutschland, Frankreich, Italien, Polen und den Niederlanden lehnen Patente auf Saatgut ab. 75 Prozent (Niederlande) bis 86 Prozent (Deutschland) der Befragten hätten der Aussage zugestimmt, „Lebewesen (Pflanzen und Tiere) sollten aus ethischen Gründen nicht als technische Erfindungen patentiert werden“, berichtet das vom Bündnis „Keine Patente auf Saatgut!“ beauftragte Meinungsforschungsinstitut Civey.
68 Prozent (Niederlande) bis 81 Prozent (Polen) sind demnach gegen Patente auf natürlich vorkommende oder zufällig entstandene Eigenschaften von Pflanzen. 82 Prozent (Niederlande) bis 93 Prozent (Italien) seien der Ansicht, dass der Schutz von Mensch und Umwelt bei der Erteilung von Patenten auf genetisch veränderte Pflanzen und bei deren Zulassung besonders berücksichtigt werden sollte.
Patentiertes Saatgut dürfen Züchter nur mit Erlaubnis der Schutzrechteinhaber weiterentwickeln. Deshalb könnten solche Pflanzen KritikerInnen zufolge langsamer an die Klimakrise angepasst werden. „Patente fördern die Marktkonzentration“, warnt Annemarie Volling, Gentechnik-Expertin der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), die dem Bündnis angehört.
Das Bündnis befürchtet, dass es bald noch mehr patentierte Pflanzen geben wird. Denn das EU-Parlament und der Rat der Mitgliedstaaten wollen in Kürze endgültig der Einigung auf eine Reform der Regeln für gentechnisch veränderte Pflanzen zustimmen. Sie sieht vor, die Kennzeichnungspflicht und spezielle Risikoprüfung für zahlreiche Gentechnikpflanzen in Nahrungsmitteln zu kippen. Damit könnten mehr mithilfe neuer Gentechnikmethoden (NGT) wie Crispr/Cas erzeugte Pflanzen auf den Markt gelangen. „Alle gentechnisch veränderten Pflanzen, einschließlich NGTs, werden patentiert“, so Volling.
EU kann Patente auf Pflanzen nicht allein verbieten
„Offensichtlich wurden die Interessen der Öffentlichkeit bei der Ausarbeitung des aktuellen Vorschlags für eine künftige Regulierung von NGT-Pflanzen nicht ausreichend berücksichtigt“, sagt Martha Mertens, Sprecherin des Arbeitskreises Gentechnik des Bund Naturschutz in Bayern. „Wir fordern, dass Patente auf Saatgut verboten werden oder der Vorschlag vollständig abgelehnt wird“.
Die EU-Kommission hatte die Reform damit begründet, dass sich mit der NGT die Landwirtschaft schneller an den Klimawandel anpassen lasse. Die EU-Unterhändler haben vereinbart, einen Verhaltenskodex für die Patentinhaber aufzustellen. Die verpflichtenden Regeln für die Patenterteilung kann die EU nicht allein, sondern nur gemeinsam mit den knapp 40 Vertragsstaaten des Europäischen Patentübereinkommens ändern.
Civey hat nach eigenen Angaben in jedem Land 1000 Menschen befragt. Die Daten wurden demnach Anfang März online erhoben.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert