Agrarwissenschaftler: Hohe Düngerpreise sind kein Problem für Biolandwirte
Ökobauern dürfen keine Kunstdünger nutzen, die sich wegen des Irankriegs verteuert haben. Davon sollten die Konventionellen lernen, so Agrarökonomen.
Biobauern leiden nicht darunter, dass sich Kunstdünger wegen des Irankriegs stark verteuert hat. „In der ökologischen Landwirtschaft sind synthetische Stickstoffdünger verboten“, sagt Jürgen Heß, Agrarwissenschaftler am Forschungsinstitut für Biologischen Landbau. Deshalb würde es sie nicht treffen, dass die Preise für Düngemittel wie Harnstoff, Ammoniumnitrat oder Kalkammonsalpeter seit Beginn des Irankriegs Ende Februar erheblich gestiegen sind.
Wegen der Krise kostet Erdgas mehr, das sowohl der wichtigste Rohstoff als auch die primäre Energiequelle für die Herstellung dieser Düngemittel ist. Zudem werden viele dieser Produkte durch die Straße von Hormus verschifft, die nun blockiert ist. Kunstdünger verursachen erhebliche Treibhausgasemissionen bei Produktion und Anwendung.
Die deutsche Landwirtschaft verbrauche aber rund 1.000.000 Tonnen synthetischen Stickstoff pro Jahr, schreibt Heß gemeinsam mit acht anderen Agrarforschern wie Sabine Seidel von der Universität für Bodenkultur Wien, Sonoko Bellingrath-Kimura von der Berliner Humboldt-Universität und Moritz Reckling vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung. Knapp die Hälfte des Bedarfs wird demnach importiert, 59 Prozent der Einfuhren stammten aus Ägypten, Algerien und Katar, der Anteil Russlands sei auf unter 20 Prozent gesunken. All das seien keine „krisensicheren Staaten“.
Biolandwirte dagegen würden ihre Pflanzen zum Beispiel dadurch düngen, dass sie Schmetterlingsblütler wie Klee, Luzerne, Bohnen, Erbsen und Soja anbauen. Diese Leguminosen binden Stickstoff aus der Luft im Boden. Außerdem nutzten Ökobauern etwa die Exkremente des Viehs wie Gülle oder Mist häufig effizienter als Dünger. Denn diese Wirtschaftsdünger sind in der Biobranche anders als in der konventionellen Landwirtschaft knapp, weil Ökohöfe weniger Tiere pro Hektar halten dürfen.
Dass die Wirtschaftsdünger der Biobauern nun teurer werden, erwartet Heß nicht. Schließlich würden sie diese überwiegend selber erzeugen. Zudem habe die konventionelle Landwirtschaft einen sehr großen Gülleüberschuss. Die konventionell dominierte Landwirtschaft in Deutschland bringt laut Bundesagrarministerium im langjährigen Mittel rund 70 Kilogramm Stickstoff pro Hektar und Jahr mehr aus, als sie durch pflanzliche oder tierische Produkte bindet.
Leguminosen sind besser fürs Klima
„Die gegenwärtigen Reaktionen auf die Preisentwicklung zeigen aber, dass die konventionelle Landwirtschaft noch viel zu stark auf mineralische Stickstoffdünger setzt“, kritisieren die Forscher. Im globalen Vergleich nutze die Branche in Deutschland das Potenzial von Leguminosen zur Stickstoffversorgung besonders wenig. Der Deutsche Bauernverband fordert, die CO₂-Steuer auf Dünger vorübergehend auszusetzen.
Die Wissenschaftler empfehlen stattdessen, dass auch die konventionellen Bauern Leguminosen regelmäßig auf jedem Acker anbauen und Wirtschaftsdünger wie Gülle effizienter nutzen. Das würde zusätzlich die Artenvielfalt und den Humusaufbau fördern sowie dazu führen, dass das Grundwasser mit weniger Stickstoffverbindungen aus Dünger belastet wird, so die Experten.
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