Ukrainische Angriffe auf Russland: „Der Schaden summiert sich“
Tausende Male wurde die russische Energieinfrastruktur von der Ukraine angegriffen. Nun erwägt das Kreml-Regime, den Export von Diesel einzuschränken.
Die taz präsentiert unter taz.de/unserfenster jeden Mittwoch eine wöchentliche Auswahl aktueller Berichte aus russischen kritischen Medien. Mit diesem Projekt stärkt die taz panterstiftung unabhängigen Journalismus und ermöglicht es kritischen Redaktionen, ihre Arbeit auch unter schwierigen Bedingungen fortzuführen.
Novaya Gazeta Europe öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland. Den ganzen Text lesen Sie hier auf Russisch.
Seit Beginn der russischen Vollinvasion im Jahr 2022 hat die ukrainische Armee circa 3.400 Angriffe auf Industrieanlagen und Energie-Infrastruktur in Russland durchgeführt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Auswertung der Zeitung Novaya Gazeta Europe.
Besonders häufig waren Einrichtungen der Energieversorgung, der Ölindustrie, der Rüstungsproduktion und der Agrarwirtschaft Ziel der Angriffe. Zwar haben die Attacken Russlands militärische Schlagkraft bislang nicht entscheidend geschwächt. Sie gelten aber als einer der Faktoren, die dazu beitragen, die russische Wirtschaft langfristig zu schwächen.
Einrichtungen der Strom- und Energieversorgung wurden circa 1.000 Mal angegriffen. Am häufigsten trafen ukrainische Drohnen Stromleitungen: Mehr als 650 Angriffe richteten sich gegen Übertragungs- und Verteilnetze.
An zweiter Stelle stehen Anlagen der Öl- und Gasindustrie, sie wurden mehr als 700 Mal attackiert. Auch militärische Einrichtungen und Rüstungsbetriebe wurden häufig angegriffen: Fabriken, Depots und Militärstützpunkte traf es 450 Mal.
Russischer Ölkonzern Rosneft häufig angegriffen
Den vorliegenden Daten zufolge haben ukrainische Drohnen auch Anlagen des staatlichen Ölkonzerns Rosneft mindestens 71 Mal angegriffen – und damit deutlich häufiger als die anderer russischer Unternehmen. Rosneft ist größter Erdölproduzent Russlands und eine wichtige Quelle für Steuereinnahmen des Kreml. Rosneft verfügt über die meisten Raffinerien in Russland.
Ziel der ukrainischen Angriffe ist es, die Treibstoffversorgung Russlands zu stören, damit es zu Engpässen bei Benzin und Diesel kommt. Damit ist Kyjiw offenbar erfolgreich.
Im ersten Quartal 2026 schrumpfte die russische Wirtschaft um 0,2 Prozent. In ihrer aktualisierten Jahresprognose rechnet die Regierung inzwischen nicht mehr mit einem Wachstum. Laut der russischen Zentralbank tragen die ukrainischen Angriffe auf Industrieanlagen und Infrastruktur zur negativen Entwicklung der russischen Wirtschaft bei.
Der Militärexperte Pavel Luzin erklärt die wirtschaftlichen Folgen für das Kreml-Regime: Unternehmen müssten Geld für Reparaturen und die Wiederinbetriebnahme beschädigter Anlagen ausgeben. Gleichzeitig sinke der Wert von Vermögenswerten, die als Sicherheit für Kredite dienen. Dadurch werde die Finanzierung neuer Investitionen erschwert und immer teurer.
„Strategie der tausend Schnitte“
Die Angriffe führen außerdem dazu, dass Menschen die Regionen verlassen, die besonders häufig von Drohnen- und Luftangriffen betroffen sind. Dadurch verschärft sich der ohnehin bestehende Arbeitskräftemangel, sagt Luzin. „Jeder einzelne Angriff ist Teil einer,Strategie der tausend Schnitte'. Der Schaden summiert sich, die Kosten steigen, und die Motivation der Beschäftigten sinkt.“
Den Quellen der Novaya Gazeta Europe zufolge haben die Angriffe stellenweise sogar zu einer Benzinknappheit in Russland geführt. Die Ausfuhr von Benzin hat das Regime schon eingeschränkt. „Auf den Kriegsverlauf sehen wir bislang jedoch keinen entscheidenden Effekt“, sagte ein Analyst des Conflict Intelligence Teams.
Auch Kerosin wird offenbar knapp: Anfang Juni hat Moskau ein Exportverbot verhängt, um „die Stabilität des heimischen Kraftstoffmarkts zu gewährleisten“.
Die russische Armee nutzt allerdings hauptsächlich Dieselkraftstoff. Davon wird nahezu doppelt so viel produziert, um die Überschüsse ins Ausland zu verkaufen. Laut Militärexperte Luzin reichen die bisherigen ukrainischen Angriffe noch nicht aus, damit es zu einem Treibstoffmangel in der russischen Armee komme: „Dafür müsste die Wirkung der Angriffe um ein Vielfaches größer werden.“
Und trotzdem: Im Kreml wächst die Unruhe. Nachdem fast alle großen Raffinerien im europäischen Teil Russlands zeitweise von Angriffen betroffen waren oder ihre Produktion einschränken mussten, diskutieren die Behörden nun auch über mögliche Beschränkungen der Dieselexporte.
Damit soll verhindert werden, dass ein möglicher Treibstoffmangel die Streitkräfte trifft – oder die Landwirtschaft. Sie ist ebenfalls in hohem Maße auf Diesel angewiesen.
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 360 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert