Tiktok-Nonne Josefine Schwitalla: „Jesus wäre definitiv auf Insta“
Josefine Schwitalla lebt als Nonne im Kloster. Ihren Alltag dort dokumentiert sie auf Social Media. Wieso kommt das so gut an? Und wo liegen ihre Grenzen?
taz: Schwester Schwitalla, wenn Jesus heute leben würde, welches wäre seine Lieblingsplattform?
Josefine Schwitalla: Er würde wahrscheinlich einen Mix haben, um verschiedene Leute zu erreichen. Ich glaube, dass er neben Tiktok definitiv auch auf Insta wäre und er vermutlich einen Podcast hätte.
taz: Wann waren Sie das letzte Mal auf Tiktok?
(39) ist 2017 ins Kloster der Ewigen Anbetung in Osnabrück eingetreten. In dem Benediktinerkloster leben und arbeiten insgesamt 14 Nonnen. Neben der Hostienbäckerei kümmert sich die frühere Krankenschwester auch um kranke Mitschwestern.
Schwitalla: Heute Morgen.
taz: Und, was haben Sie sich da angesehen?
Schwitalla: Ich habe mir die Kommentare zu unserem letzten Video angeguckt.
taz: Seit knapp anderthalb Jahren geben Sie und Ihre Ordensschwestern über den Tiktok-Kanal des Bistums Osnabrück Einblicke in das Leben im Kloster. Warum?
Schwitalla: Die Idee kam von Urs von Wulfen, einem Social-Media-Manager des Bistums. Der kam irgendwann auf uns zu und wollte ein Video machen. Das war ursprünglich für Insta und wurde erst später auf Tiktok gepostet, dort hat es gefühlt über Nacht Millionen Klicks bekommen. Da haben wir plötzlich festgestellt, dass es nicht nur gut angekommen ist, sondern es auch haufenweise Kommentare gegeben hat. Und zwar nicht nur Lob und Kritik, sondern vor allem auch ganz viele weiterführende Fragen. Wir haben dann gemerkt, dass wir das nicht einfach so verpuffen lassen können, sondern dass wir darauf antworten müssen, und haben damit angefangen, die Fragen abzuarbeiten. Und dieses Abarbeiten machen wir jetzt seit eineinhalb Jahren.
taz: Das heißt, alles, was an Content kommt, sind Antworten auf Fragen aus der Community?
Schwitalla: Zu 95 Prozent, würde ich sagen. Also bei einzelnen Dingen haben wir auch eine intrinsische Motivation, wo wir sagen: Boah, dazu würde ich jetzt gerne mal was machen. Manchmal ist es auch das Tagesgeschehen, das unsere Inhalte bestimmt. Also dass wir zum Beispiel ein Video zu einem bestimmten christlichen Fest machen oder wenn jemand neu in die Gemeinschaft aufgenommen wird. Ansonsten ist der Rest Q&A (Frage und Antwort, Anm. d. Red.).
taz: Auf Tiktok folgen dem Kanal mehr als 55.000 Menschen, das erfolgreichste Video hat mittlerweile über 3,5 Millionen Views. Woher kommt dieses Interesse?
Schwitalla: Ich glaube, dass viele Menschen erst mal von der Exotik begeistert sind: Huch, da ist eine Nonne! Weil es im normalen Alltag wenig Berührungspunkte zu Menschen gibt, die in dieser Radikalität Christus nachfolgen. Hinzu kommt, dass ich als Frau weniger mit dem Missbrauchsskandal in Verbindung gebracht werde. Gerade unsere Gemeinschaftsvideos zeigen, dass wir eine sehr herzliche, sympathische, offene Gemeinschaft sind. Und das spricht Menschen an.
taz: Sie machen Videos zum Thema Gewalt gegen Frauen, Homosexualität, selbst zu der Frage, wie man mit körperlicher Lust im Kloster umgeht. Gibt es denn nichts mehr, was Ihnen heilig ist?
Schwitalla: Doch, eine ganze Menge sogar! Ich würde zum Beispiel niemals mein geistliches Tagebuch veröffentlichen. Und auch manche Dinge, die innerhalb des Konventes passieren, gehören definitiv nicht ins Netz. Aber die von Ihnen aufgeworfenen Fragen betreffen Themen, die jetzt nicht nur klosterspezifisch sind, sondern für die gesamte Gesellschaft eine gewisse Relevanz haben. Und ich glaube, es ist immer gut, wenn man sich bei solchen Fragen auch positionieren kann.
taz: Auf welche Fragen würden Sie trotzdem nicht antworten?
Schwitalla: Also wenn es um Fragen bezüglich meiner eigenen Sexualität geht, das geht niemandem was an. Genauso wie das Miteinander mit meiner Familie oder Fragen in die Richtung: Mit welcher Schwester verstehst du dich besonders gut und mit welcher verstehst du dich gar nicht?
taz: Das Video mit dem Titel „Pommes oder Mayo“ haben sich etwa doppelt so viele Menschen angesehen wie das zum Thema „Sexueller Missbrauch und Präventionsarbeit im Bistum“. Interessieren sich die Follower weniger für schwere Themen?
Schwitalla: Das kommt immer sehr drauf an. Manchmal haben wir einfach super viele Klicks auf Videos und verstehen überhaupt nicht, warum. Manchmal liegt es einfach am Titel oder an der Art und Weise, wie das Video gemacht ist. Aber letztendlich ist Tiktok eine Plattform, auf der Inhalte schnell konsumiert werden. Deswegen laufen kurze Videos meistens deutlich besser. Und man muss sagen, gerade das Thema Missbrauch ist natürlich ein sehr, sehr schweres Thema. Ob man sich darauf einlassen möchte, wenn man gerade in der Kaffeepause einmal durchs Handy scrollt, weiß ich nicht. Aber uns ist es wichtig, die Themen nicht davon abhängig zu machen, wie sie ankommen, sondern das zu zeigen, was uns bedeutsam ist.
taz: Für Aufsehen sorgte das Video, in dem Schwester Judith ihren Austritt aus dem Kloster bekannt gibt. Die Dramaturgie erinnert ein wenig an eine Telenovela: Mittlerweile gibt es drei Folgevideos, in den Kommentaren ist von Plottwist und Cliffhanger die Rede. Inwiefern wirkt sich das auf den Klosteralltag aus?
Schwitalla: Allein durch die Präsenz von Schwester Judith auf Tiktok haben wir es als zwingend notwendig gesehen, uns zu äußern. Vor ihrem Weggang gab es eine Phase, in der ich aus familiären Gründen nicht so präsent war – auch das ist sofort aufgefallen. Die Videos von Schwester Judiths Abschied haben außergewöhnlich hohe Klickzahlen, das muss man ganz ehrlich sagen. Das heißt, Skandal verkauft sich leider immer noch ausgesprochen gut und besser als andere Themen. Aber den Klosteralltag ändert es ehrlich gesagt wenig. Natürlich müssen innergemeinschaftliche Prozesse erst einmal angepasst werden, weil da jetzt auf einmal eine Person weniger da ist.
taz: Haben Sie manchmal Sorge, dass Ihnen die Kontrolle entgleiten könnte?
Schwitalla: Für mich persönlich besteht diese Gefahr nicht wirklich. Einfach, weil wir eng mit der Stabsstelle für Öffentlichkeitsarbeit zusammenarbeiten und die auch, ich sag mal ganz salopp, 90 Prozent der Arbeit machen.
taz: Wie kommt das Ganze bei den höheren Instanzen an?
Schwitalla: Wir sind ein eigenständiges Kloster, die nächstübergeordnete Instanz ist quasi meine Oberin hier im Haus. Und die steht voll und ganz dahinter und motiviert mich sogar, das Ganze möglichst intensiv voranzutreiben. Und auch die nächsthöhere Ordensebene findet total gut, dass wir das machen.
taz: Gibt’s niemanden, der sagt: „Was soll der moderne Quatsch“?
Schwitalla: Es gibt natürlich einige Gläubige, die uns darauf ansprechen. Denen ist dann vielleicht auch das ein oder andere Video zu ausgelassen, zu kindisch oder zu trivial. Etwa bei besagtem „Pommes-oder-Mayo“-Video. Aber das ist eher der kleinere Teil. Und ich muss ganz ehrlich sagen, ich kann in den Videos so sehr ich selber sein, dass mich das eher, wie sagt man, peripher interessiert.
taz: Mein Lieblingskommentar aus einem Video mit Ihrer Oberin lautet: „Schwester, drop mal deine Skincare“. Haben Sie eine Antwort darauf?
Schwitalla: Ja! Weniger ist mehr, und Meditation wirkt dem Alterungsprozess entgegen. Da gibt es sogar Studien zu.
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