Erstwähler:innen in Berlin: „Man muss aufpassen, dass man keine Scheiße liest“
Erstmals dürfen schön 16-Jährige ihre Stimme bei der Abgeordentenhauswahl abgeben. Zwei Erstwähler:innen berichten über ihre Wahlentscheidung.
Foto: Stefan Zeitz Photography/Imago
Clara, 17, Schülerin
Ich finde es unfassbar sinnvoll, dass Menschen, die unter 18 sind, wählen können. Die Wahl betrifft die Zukunft und wir müssen einen Einfluss darauf haben, wie Politik gestaltet wird. Das Recht zu wählen, hilft auch gegen das Gefühl der Machtlosigkeit. An meiner Schule höre ich oft, dass Leute politisch interessiert sind, aber das Gefühl haben, sowieso nichts erreichen zu können. Dadurch nutzen sie die Möglichkeit nicht, sich politisch zu engagieren.
Mein Interesse kommt durch mein Umfeld. Meine Familie und Freund*innen sind sehr politisch, der Aktivismus und die Schülervertretung politisieren auch. Den Politikunterricht an meiner Schule fand ich ein bisschen schwach, die Lehrkräfte hatten immer Zeitprobleme, viel wurde oberflächlich behandelt, und aktuelle Themen wurden eher ausgespart. Vorbereitung auf die Wahlen sind sehr lehrkraftabhängig, viele Klassen haben den Wahl-O-Mat mal gemacht und gehen sonst kaum auf Wahlen ein. Erst seit der Oberstufe lerne ich richtig was im Politikunterricht.
Ich glaube, dass Social Media eine wichtige Informationsquelle für meine Generation ist, obwohl das auf mich eher nicht zutrifft. Aktuelle Entwicklungen bekomme ich hauptsächlich durch die „Tagesschau“ und die Nachrichten-Apps mit, durch den Austausch mit Menschen und zu einem kleineren Teil über Social Media. Wenn man sich nur darüber informiert, kann man schnell in eine Bubble geraten, wo man dann nicht wieder rauskommt.
Für Berlin wünsche ich mir eine klimafreundlichere Politik und mehr Unterstützung für Frauen und Minderheiten, mit Nachttaxis und Frauenhäusern zum Beispiel. Ich glaube, dass man in der Bildungspolitik einen deutlich besseren Fokus auf Chancengleichheit und politische Bildung legen müsste. Es sollte nur eine Schulform geben, und Noten sind ein System, das man überdenken muss, weil es enormen Druck auf junge Menschen ausübt. Die mentale Gesundheit fällt dabei oft unter den Tisch. In Berlin hat man krass an Orten gekürzt, wo Menschen sich austauschen können. Wie Jugendzentren, Kulturzentren, Kinos und Theater. Das ist ein Aspekt, an den die Politik noch mal ranmüsste.
Clara, Schülerin
Clemens, 18, Auszubildender
Ich denke, je niedriger das Wahlalter liegt, desto früher muss man anfangen, Kinder zu unterrichten und ihnen zu erklären, wie viel ihre Stimme wert ist. Ich hatte einen guten Politiklehrer, der hat seit der siebten Klasse richtig durchgezogen. Es gab es auch Kurse, Infowochen und richtige geheime Wahlen an der Schule. Doch seit meiner Ausbildung habe ich mich nicht mehr richtig mit Politik beschäftigt. Wir sind auf Arbeit oder beim Training, viel Zeit, sich über Politik zu unterhalten, ist da nicht.
Unsere Politiker haben das große Pech, dass sie gleichzeitig mit Trump regieren, der es gerade richtig verhaut. Für die steigenden Ölpreise zum Beispiel können wir ja relativ wenig, trotzdem schiebt man so was dann mit auf unsere Politiker.
Ich habe vor zu wählen, muss aber noch die Wahlprogramme lesen. Wenn viel los ist, hat man manchmal keine Zeit, sich richtig zu informieren. Und wenn man nur mal kurz auf Tiktok schaut, muss man aufpassen, dass man keine Scheiße liest. Wenn ich nicht informiert bin, würde ich meine Stimme ungültig machen, anstatt gar nicht wählen zu gehen.
Wenn ich mir eine Partei aussuche, würde ich besonders auf die Schuldenbremse, Migrationspolitik, Wehrpflicht und Aufrüstung achten. Dass jetzt immer mehr Schulden für die Bundeswehr aufgenommen werden, die wir dann jahrelang abbezahlen, find ich doof. Ich würde mir da mehr Generationsverantwortung wünschen.
Und einen besseren Umgang mit Migranten. An meiner Berufsschule werden die Leute einfach in die Klassen gesteckt, obwohl sie nur ein paar Wörter Deutsch können. Man würde sich da eine bessere Integration wünschen. Was Abschiebungen angeht, finde ich die Straffälligkeit, die toleriert wird, gerade ziemlich hoch. Da wäre ein härterer Umgang manchmal besser. Ein Freund von mir ist mit einem Messer bedroht worden, als er zum Briefkasten ging, das kann nicht sein.
Protokolle: Mila Kassem
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