Therapeut über Coronaproteste: „Zu den Durch­blickern gehören“

Auf „Hygienedemos“ lebt sich der deutsche Oberlehrer aus, sagt Klaus Ottomeyer. Vom „besorgten Bürger“ dürfe man sich nicht kirre machen lassen.

Bildkombination Frau mit Grundgesetz

Eine „Querdenken“-Demo in Stuttgart. Foto: Jens Gyarmaty

taz: Herr Ottomeyer, viel ist derzeit die Rede von Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit den Maßnahmen gegen die Verbreitung von Covid-19. Können Sie mit dem Begriff als Psychotherapeut etwas anfangen?

Klaus Ottomeyer: Ja, natürlich. Die Weltgeschichte ist voll von erfolgreichen Verschwörungstheorien, der Antisemitismus ist da die bekannteste. Das Syndrom ist verbunden mit dem Autoritarismus. Einer neueren Untersuchung zufolge sind etwa 40 Prozent der Befragten autoritär: Sie sind bereit, sich selbst einer Autorität zu unterwerfen, orientieren sich an starren Regeln und pflegen eine Bereitschaft zur Aggression, die Objekte braucht.

Und das zusammen korreliert dann hochgradig wiederum mit einer Verschwörungsmentalität. Der Hass auf Außenfeinde geistert derzeit frei herum, weil Corona den Rechten, welche die Flüchtlingskrise zur „Mutter aller Krisen“ (Horst Seehofer) stilisiert hatten, das vertraute Geschäftsmodell zerstört hat. Sie sind jetzt doppelt zornig.

Das mit der Aggression leuchtet ein, wenn wir die sogenannten Hygiene-Demos betrachten. Die Leute dort verstehen sich aber explizit als antiautoritär. Wie bringen Sie das in diesem Modell unter?

Klaus Ottomeyer, geb. 1949, war Professor für Sozialpsychologie in Klagenfurt. Er ist Vorstand des Vereins Aspis, der sich der Behandlung von Flüchtlingen widmet.

Ähnlich bei allen Varianten ist die Hassbereitschaft. Das Konzept der Verschwörung ist immer verbunden mit einer Beschimpfung, einer Enttarnung finsterer Kräfte, die dann davongejagt werden müssen. Dazu gehört etwas Rechthaberisches. Man ist nicht widerlegbar, der Hinweis auf Fakten bleibt folgenlos. Man ist wie ein Oberlehrer. Und das möchte jeder Deutsche vielleicht ein bisschen sein.

Es erschreckt mich immer wieder, wenn in der taz in Artikeln über medizinische Themen völlig einseitig die Sichtweise der Schulmedizin wiedergegeben wird und kritische Denkansätze überhaupt nicht erwähnt werden.“ Solche Leserbriefe bekommen wir aktuell zu Corona – dieser aber stammt aus dem Jahr 1995, damals zur sogenannten Impfdebatte. Gibt es eine besondere Affinität des linksalternativen Milieus zur Infragestellung wissenschaftlicher Erkenntnisse unter dem Deckmantel des „kritischen“?

Die Betreffenden haben offensichtlich Angst, dass ihnen oder den Kindern etwas „eingeimpft“ wird. Da ist eine viel größere unbewusste Angst beteiligt. Soweit ich mich erinnere, waren wir in der Studentenbewegung auch zumindest am Rande der Verschwörungstheorie. Man hat überall kapitalistische Machenschaften vermutet, einen großen Plan, dass die Menschen ausgebeutet und an der Nase herumgeführt werden sollen und dass ihnen etwas eingeimpft werden soll, von der Bild-Zeitung mit Springer bis hin zur Industrie im Hintergrund. Wir haben die Professoren kritisiert und sie dann auch enttarnt als Knechte des Kapitalismus und des Imperialismus.

Die sie als ehemalige Nazis ja aber eben oft auch waren.

Ja, aber das kann dann überschießen.

Was bringt uns persönlich dieses Aufdecken?

Es ist erst mal ein super Gefühl, zu den Durchblickern zu gehören. Und damit ist man dann auch Teil einer Jagdgemeinschaft. Das ist aufregend, die Gegner zu verängstigen und abzuservieren.

Nun ist Angela Merkel kein Altnazi. Hat man Post-68 versäumt, eine kritische Aufarbeitung der eigenen monokausalen Welterklärung zu liefern?

Ja. Es geht um die Depotenzierung von Autoritäten und elterlichen Figuren. Angela Merkel steht da für die schlechte Mutter, die nicht richtig für uns sorgt, die mit anderen Mächten in Kontakt ist und uns verrät. Das ist das Märchen von Hänsel und Gretel. Da steckt ja auch der Verschwörungsgedanke drin. Da belauschen die Kinder die Eltern, und die Stiefmutter sagt, die müssen wir loswerden. Die Kinder sind dann aber schlauer als die Eltern. Und setzen sich selbst als neue Autorität ein. Auch Bill und Melinda Gates werden wie Eltern konstruiert, die in ihrer Stiftung nur scheinbar etwas für Kinder tun und sie in Wirklichkeit versklaven wollen.

Merkel ist aber auch eine Symbolfigur des Neoliberalismus mit seinem Motto: „Es gibt keine Alternative.“ Wenn gesagt wird, auf einer rationalen Basis sind bestimmte Entscheidungen alternativlos: Ist dann der Wechsel in den Irrationalismus nicht zwingend?

Das ist eben typisch Eltern: „Ihr müsst in die Schule gehen, ihr müsst euch die Hände waschen, da gibt es keine Alternative.“ Eltern stecken gern unter einer Decke in ihrem Schlafzimmer und hecken Pläne aus. Von der Affektlage her ist das eine pubertäre Reaktion, ein rebellischer Zorn, der verselbständigt abläuft, sobald uns jemand sagt, es gibt keine Alternative. Den Verschwörungsinszenierungen geht es dabei nicht um die Bewältigung von „Realangst“ (Freud), die immer mit Realitätsprüfung verbunden ist.

Sondern sie setzen auf eine „neurotische Angst“ in Bezug auf eine innere Erfahrung, dass wir wie ein verwirrtes Kind von etwas Großem unterworfen und gedemütigt und dass andere bevorzugt wurden. Das ist weitgehend unbewusst und hat mit den aktuellen äußeren Gefahren wenig zu tun. Drittens wird in der Empörung und mit dem Ruf nach Freiheit die lästige „Gewissensangst“ abgewehrt, die derzeit besonders mit der Rücksichtnahme auf andere und mit dem Zurückstellen unseres Egoismus verknüpft ist. Wir bewegen uns nach Freud immer zwischen Realangst, neurotischer Angst und Gewissensangst.

Wie kann man denn mit dieser Angstmischung umgehen?

Indem man sich nicht von der schon länger beliebten Figur des „besorgten Bürgers“ ins Bockshorn jagen lässt, in der alle diese Ängste miteinander vermengt sind. Die Ängste benennen und auseinanderklauben. Auch die eigenen. In Bezug auf Regeln und Gesetze ruhig und standhaft bleiben.

Und welchen Lustgewinn haben wir uns rational Vorkommende von der Beschäftigung mit der letztlich kleinen Minderheit der Verschwörungstheoretiker? Dürfen wir uns da schön überlegen fühlen?

Ja, narzisstisch sind wir alle. Aber wichtiger ist die Verantwortung, dazu beizutragen, dass die Proteste nicht von rechts gekapert werden. Sonst wird die Welt furchtbar.

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