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Tagebuch aus LitauenWo bleibt der Bus aus Belarus?

Lettland und Litauen schränken Verkehrsverbindungen nach Belarus ein. Für Menschen im Exil eine Belastung. Wie halten sie Kontakt zu ihren Verwandten?

M ama, ich habe aufgeschrieben, was Oma für mich kochen soll“, sagt der Sohn meiner Freundin. Auf einem großen Blatt Papier, das am Kühlschrank hängt, stehen in Kinderschrift seine Lieblingsgerichte: Würstchen im Teigmantel, Pizza, Kohlrouladen. Die soll seine Großmutter für ihn kochen.

Einmal im Jahr kommt die Oma aus Belarus nach Litauen, um ihre Tochter und ihren Enkel zu besuchen. Inzwischen fällt ihr das Reisen schwer. Sie ist auf zwei Gehstöcke angewiesen. Solange es jedoch direkte Busverbindungen gibt, kann sie den Weg noch auf sich nehmen.

Doch was passiert, wenn es diese Verbindungen zwischen Belarus und den baltischen Staaten nicht mehr geben wird? Die Frage ist keineswegs theoretisch. Ab dem kommenden Jahr stellt Lettland die entsprechenden Verbindungen ein. Auch in Litauen werden ähnliche Maßnahmen diskutiert. Begründet wird dies mit Russlands Krieg gegen die Ukraine, der Unterstützung des Krieges durch die belarussischen Behörden und mit Sicherheitsbedenken.

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Die politische Logik dahinter ist verständlich. Doch es gibt noch eine andere Perspektive: die der vielen Menschen aus Belarus, die vor politischer Verfolgung und Gefängnis nach Litauen geflohen sind und nicht in ihre Heimat zurückkehren können.

Der Bus ist oft die einzige Möglichkeit, den Kontakt nicht nur telefonisch aufrechtzuerhalten

Einige konnten gemeinsam mit ihren Familien ausreisen. Viele andere mussten Eltern, Großeltern oder weitere Angehörige in Belarus zurücklassen. Für sie ist der Bus oft die einfachste, manchmal sogar die einzige Möglichkeit, den Kontakt nicht nur telefonisch aufrechtzuerhalten, sondern ihre Angehörigen tatsächlich zu treffen.

Visa erteilen, aber Buslinien einstellen?

Darin liegt ein Widerspruch: Die baltischen Staaten stellen weiterhin Visa für Angehörige politischer Emigranten und ehemaliger politischer Gefangener aus, denn sie wollen nicht, dass Familien, die durch Repressionen und erzwungene Ausreise ohnehin auseinandergerissen wurden, auch noch die Chance verlieren, einander zu treffen. Doch was nützt ein Visum, wenn der Weg über die Grenze kaum noch zu bewältigen ist? Ganz unmöglich wird eine Reise ohne direkte Busverbindungen zwar nicht, aber sie wird komplizierter, länger und vor allem teurer: über ein Drittland, mit Flügen, Umstiegen – da entstehen erhebliche zusätzliche Kosten.

Für junge und gesunde Menschen mag das umständlich und anstrengend aber zu bewältigen sein. Für eine ältere Frau, die auf zwei Gehstöcke angewiesen ist und einmal im Jahr ihre Tochter und ihren Enkel besucht, kann ein solcher Weg jedoch zu einer kaum überwindbaren Hürde werden.

Soll das eigene Auto die einzige Möglichkeit werden?

Das Problem betrifft zudem nicht nur belarussische Exilierte. In Belarus leben auch Angehörige von Menschen aus Litauen, Lettland und Polen. Gerade in den Grenzregionen sind viele Familien über mehrere Länder verteilt. Wie sollen sie künftig zueinanderkommen? Wie schafft man es rechtzeitig zur Beerdigung eines nahestehenden Menschen? Wie besucht man die Gräber der Eltern oder Großeltern?

Natürlich gibt es Alternativen: das eigene Auto, private Fahrer oder Mitfahrgelegenheiten. Doch solche Fahrten sind erheblich teurer.Wo bezahlbare Verkehrswege verschwinden, entsteht fast zwangsläufig ein Markt für kostspielige Umwege. Was bisher eine Busfahrt war, kann für manche Menschen zu einer Reise werden, die sie sich kaum noch leisten oder körperlich nicht mehr bewältigen können.

Sollten die baltischen Staaten die Verkehrsverbindungen tatsächlich einstellen, werden wir unseren Kindern noch mehr erklären müssen: warum wir gezwungen waren, unser Land zu verlassen, warum wir nicht zurückkehren können, warum die belarussischen Behörden ihre Eltern ins Gefängnis bringen wollen – und was politische Repression bedeutet.

Und irgendwann vielleicht auch, warum Oma nicht mehr zu Besuch kommen kann. Und warum wir nicht wissen, wann wir sie wiedersehen werden. Wenn überhaupt.

Glafira Zhuk war Stipendiatin der taz panterstiftung.

Aus dem Russischen von Tigran Petrosyan.

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