piwik no script img

Tagebuch aus LitauenAufgehen in Vilnius

Irina und Michail mussten aus Belarus flüchten. In ihrem Exil haben sie sich mit einer Bäckerei selbstständig gemacht. Der Neuanfang hat funktioniert.

Z wei Brötchen“, so heißt eine Bäckerei in Vilnius. Ihr Logo erinnert manche an eine Wolke, andere an Spiegeleier, und wieder andere glauben, darin eine weibliche Brust zu erkennen.

Irina und Michail Serejonok haben vor einem Jahr in Vilnius diese Bäckerei eröffnet. Dass sie heute Brot backen, ist nur ein Teil ihrer Geschichte. Zuvor waren sie politische Gefangene in Belarus und verbrachten hundert Tage in Haft.

Erst recht spät haben mir Bekannte von dieser Bäckerei erzählt – und von dem Leben, das die beiden nach ihrer Freilassung und Übersiedlung nach Litauen neu aufbauen mussten. Ich selbst bin auch erst vor Kurzem ins Baltikum umgezogen.

Die Idee zu einer Bäckerei kam spät und beinah zufällig. Michail hatte Brot gebacken, das allen schmeckte

Denunziert von einem Freund

Vor Vilnius führte das Ehepaar ein ganz anderes Leben. In Minsk betrieben sie eine eigene Kette von Geschäften mit Kinderbekleidung. All das endete im Herbst 2022. Wegen ihrer Teilnahme an den Protesten von 2020 wurden sie festgenommen.

taz panterstiftung

Durch Spenden an die taz Panter Stiftung werden unabhängige und kritische Jour­na­lis­t:in­nen vor Ort und im Exil im Rahmen der Projekte „Tagebuch Krieg und Frieden“ sowie „Unser Fenster nach Russland, Belarus und in andere postsowjetische Länder“ finanziell unterstützt.

Ein enger Freund hatte Irina und Michail denunziert. Er hatte den Sicherheitskräften ein Foto gegeben, das die beiden mit einer weiß-rot-weißen Flagge zeigte – dem Symbol der belarusischen Opposition. Nach dem Prozess wurden sie unter Hausarrest gestellt. Das bedeutet: Sie mussten zu Hause bleiben, durften die Wohnung nur zu bestimmten Zeiten verlassen und standen unter ständiger polizeilicher Überwachung.

Es gelang der Familie nicht auf Anhieb, aus Belarus zu fliehen. Gegen Irina war ein Ausreiseverbot verhängt worden, und sie erinnert sich, wie sie sich jeden Tag informierte, ob es endlich aufgehoben worden war. Als das endlich der Fall war, fuhren sie, ihr Mann und ihre beiden Kinder sofort zur litauischen Grenze.

In den ersten Monaten lebten sie von dem Geld aus dem Verkauf ihrer Minsker Wohnung und versuchten, sich in ihrer neuen Realität zurechtzufinden. Die alltäglichsten Dinge – Dokumente, Rechnungen, praktische Angelegenheiten – bereiteten ihnen Stress.

Die Idee zu einer Bäckerei kam ihnen erst später und fast zufällig. Alles begann mit einem selbstgebackenen Brot, das Michail hergestellt hatte. Sie ließen Bekannte probieren – und erhielten unerwartet gute Resonanz.

In der Bäckerei wird Brot mit Sauerteig gebacken, ohne Hefe und Konservierungsstoffe, nur mit Mehl, Wasser und Salz. Den Sauerteig hat Michail nach einem eigenen Rezept hergestellt. Neben Brot bieten sie auch Frühstück an: Eier Benedict, Croissants, Kaffee und auch Käsekuchen.

Die Kosten der Selbstständigkeit

Die Eröffnung der Bäckerei kostete das Paar mehr als 100.000 Euro.
Da die Familie diese Summe nicht selbst aufbringen konnte, fand sie einen Geschäftspartner, der den fehlenden Betrag investierte.

Seither dreht sich der Tag von Irina und Michail um Teig, Brot und Kund:innen. Dieser Rhythmus hat eine Beständigkeit, die ihnen früher gefehlt hat. In diesem einfachen Rezept – Mehl, Wasser und Salz – liegt etwas Symbolisches: Alles beginnt immer von Neuem, bei den grundlegendsten Dingen.

Irina sagt, die Müdigkeit gehöre inzwischen zum Alltag.
Doch zugleich sei da dieses leise, beständige Gefühl, nun am richtigen Ort zu sein.

Über ihre Flucht ins Exil spricht sie nüchtern: Sie sei die Chance, endlich das zu tun, was man will – und ein ruhiges Leben zu führen.Ihre Geschichte zeigt, dass ein Neuanfang möglich ist. Selbst dann, wenn zuvor alles verloren schien.

Auch ein belarusisches Leben im Exil kann erfolgreich sein.
 Es kann neue Kraft geben, man muss sie nur finden.

Glafira Zhuk war Stipendiatin der taz panterstiftung.

Aus dem Russischen von Tigran Petrosyan.

Durch Spenden an die taz panterstiftung werden unabhängige und kritische Jour­na­lis­t:in­nen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare