Tagebuch aus der Ukraine: Ein Krieg, in dem Cafés geöffnet und Medikamente knapp sind
Über vier Jahre dauert die vollständige Invasion der Ukraine an. So ganz konnte Russland den Alltag in der Ukraine nicht zerstören. Aber erschweren.
Foto: Yuliia Ovsyannikova/Ukrinform/imago
K ürzlich verursachte ein ukrainischer Stand-up-Comedian einen Skandal. Er hatte nämlich ein Video aufgenommen, in dem er behauptete, die Berichte über Medikamentenknappheit in der Ukraine seien Teil russischer Propaganda. Die Folge war: Er musste sich entschuldigen. In den Kommentaren unter dem Video hatten sich nämlich Hunderte Menschen gemeldet, für die die Suche nach dringend benötigten Medikamenten zu einer regelrechten Odyssee geworden ist.
Der Scherz des Mannes funktionierte wie das bekannte Meme: „Wenn du obdachlos bist, dann kauf dir doch einfach ein Haus.“ Wenn man jung und gesund ist, verfolgt man vermutlich einfach nur die russischen Angriffe auf die Lagerhäuser von Pharmaunternehmen, ohne deren Folgen tatsächlich selbst zu bemerken.
Im Grunde ist der Skandal um das Video eine weitere Episode in der Geschichte eines Krieges, der oft einfach nicht so aussieht, wie ein Krieg aussehen sollte. Menschen, deren Vorstellungen vom Krieg durch Filme über den Zweiten Weltkrieg geprägt wurden, erwarten, an jeder Straßenecke Bilder, die aussehen wie nach der Schlacht von Stalingrad. Was sie aber sehen, sind ganz gewöhnliche Straßen mit Cafés, Geschäften und Apotheken.
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Dabei gibt es aus der Ukraine unzählige erschütternde Videos, die das Ausmaß der Zerstörung zeigen. Doch ausgerechnet Bilder, auf denen das Leben scheinbar normal weitergeht, sorgen häufig für die größte Aufmerksamkeit – und für Zweifel daran, wie sehr das Land tatsächlich vom Krieg betroffen ist.
Was viele dabei übersehen: Ein geöffnetes Café oder eine belebte Einkaufsstraße bedeuten nicht, dass der Krieg keine Auswirkungen auf den Alltag hat. In Kyijiw können Menschen weiterhin in modernen Cafés sitzen, während zeitgleich bestimmte Lebensmittel und lebenswichtige Medikamente knapp werden.
Mal fehlt Gemüse, mal Fleisch, mal Tabletten
Die Folgen des Krieges sind nicht immer unmittelbar sichtbar. Russland hat zahlreiche Logistiklager rund um die ukrainische Hauptstadt angegriffen und damit die Lieferketten beeinträchtigt. Dadurch können Supermärkte bestimmte Waren nicht mehr wie gewohnt erhalten – selbst wenn ihre Geschäfte weiterhin geöffnet sind.
Lebensmittel wird es weiterhin geben, wenn auch in begrenzten Mengen. Mal wird es an Gemüse fehlen, mal an Fleisch, aber selbst in den frontnahen Städten der Ukraine werden grundlegende Lebensmittel weiterhin erhältlich sein.
Bei Medikamenten sieht die Situation anders aus: Sie werden nicht einfach auf dem Markt verkauft. Und wenn die Apotheken keine Lieferungen mehr erhalten, werden vor allem Menschen mit chronischen Erkrankungen darunter leiden.
Hamstern gehört zum Krieg
Deshalb haben die Menschen alles, was sie konnten, auf Vorrat gekauft, um für mögliche neue Lieferverzögerungen und Beschüsse gewappnet zu sein. Viele erinnern sich noch an den Beginn des russischen Großangriffs im Jahr 2022, als das Hormonpräparat L-Thyroxin aus den Apotheken verschwand, das Menschen mit Schilddrüsenerkrankungen lebenslang einnehmen müssen.
Eine zweite Welle der Medikamentenknappheit gab es im Sommer 2022. Damals befürchteten viele Menschen einen möglichen russischen Atomangriff und kauften aus Angst große Mengen Kaliumiodid-Tabletten. In zahlreichen Apotheken waren diese deshalb schnell ausverkauft.
Dabei können solche Tabletten nur unter bestimmten Umständen helfen: Sie schützen die Schilddrüse vor radioaktivem Jod, bieten aber keinen allgemeinen Schutz vor den Folgen eines Atomangriffs. Dennoch griffen viele Menschen vorsorglich zu. Die Angst war in diesem Fall stärker als die nüchterne Einschätzung dessen, was die Tabletten tatsächlich bewirken können. Die Panik erweist sich oft als stärker als die Logik.
Vasili Makarenko ist freier Autor aus Kyjiw und war Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der taz panterstiftung.
Aus dem Russischen von Tigran Petrosyan.
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