Tagebuch aus Lettland: Nicht einmal zur Beerdigung meines Vaters konnte ich reisen
Das belarussische Regime spricht viel von Familienwerten. Aber es unterdrückt auch Kinder und Eltern – weil sie Verwandte von Oppositionellen sind.
V or drei Jahren starb mein Vater. Völlig unerwartet. Nur sechs Wochen vor seinem 50. Geburtstag. Zu diesem Zeitpunkt lebte ich bereits seit mehreren Jahren als politischer Flüchtling im Exil in der lettischen Hauptstadt Riga und konnte deshalb nicht zu seiner Beerdigung fahren. In all den Jahren der erzwungenen Emigration war nichts schlimmer als dieser Moment.
Ich erinnere mich noch genau an die Nacht, in der mir klar wurde, dass ich professionelle Hilfe brauche.
Ich lag im Bett und schmiedete einen Plan: heimlich nach Belarus zurückkehren, ganz in Schwarz gekleidet, mit Kapuze und dunkler Sonnenbrille zur Beerdigung gehen und anschließend wieder unbemerkt über die Grenze nach Lettland gelangen.
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An diesem Plan machte mir nur eine Sache Angst: die Vorstellung, dass mich jemand aus meiner Familie auf dem Friedhof erkennen könnte. Dann würden die Sicherheitskräfte, die ich mir bereits zwischen den Grabsteinen vorstellte, zuschlagen. Aus der Beerdigung meines Vaters würde ein absurdes Theater werden – mit einer Verhaftung als Schlussakt.
Am nächsten Morgen rief ich eine Psychiaterin an.
Angst um die Angehörigen
In den fünfeinhalb Jahren meines Exils habe ich viele ähnliche Geschichten erlebt. Menschen, die vor Schmerz kaum noch klar denken konnten und bereit waren, Dinge zu tun, die irrational und gefährlich waren. Fast immer ging es dabei um Angehörige, die in Belarus geblieben waren. Und wir sprechen hier von Menschen, die in Freiheit leben. Von Menschen, die Freundinnen und Freunde haben, ein soziales Umfeld, das sie auffängt, und die Möglichkeit, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Mehr noch: Wir können uns sogar aussuchen, zu welchem Arzt oder welcher Therapeutin wir gehen. Doch auch unter diesen Bedingungen bleibt die Trennung von den Menschen, die man liebt, für viele die schwerste Belastung des Exils.
Menschen, die eine solche Nachricht hinter Gittern erreicht, haben all das nicht. Im besten Fall gibt es Mitgefangene, die Trost spenden. Doch die Möglichkeiten, einem Menschen in einer Gefängniszelle wirklich zu helfen, sind äußerst begrenzt.
Das Lukaschenko-Regime zerstört weiterhin Leben und Familien – während dieselben Funktionäre öffentlich über die Bedeutung von Familienwerten sprechen. In ihrer Realität bedeutet „Familienpolitik“ allerdings etwas anderes: Eine politische Gefangene wie Natalja Lewaja wird erst dann freigelassen, wenn ihre Schwangerschaft bereits weit fortgeschritten ist – obwohl sie nie hätte im Gefängnis sitzen dürfen. Ein älterer politischer Gefangener wie Ryhor Kastusjou kommt erst frei, nachdem bei ihm Krebs diagnostiziert wurde. Und der Oppositionspolitiker Mikalai Statkewitsch durfte erst nach Hause zurückkehren, nachdem er sich einer erzwungenen Ausweisung widersetzt hatte, anschließend im Gefängnissystem verschwand und erst wieder auftauchte, als er nach einem Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert wurde.
Der Journalist Aliaksandr Ivulin bat das Gericht, bei der Urteilsfindung zu berücksichtigen, dass er als politischer Gefangener seine betagten Eltern und seinen schwer behinderten Bruder nicht mehr unterstützen könne. Dennoch wurde er zu zwei Jahren Strafkolonie verurteilt.
Eine Politik der Zerstörung familiärer Bindungen
Als die ehemalige Journalistin Larysa Shchyrakova verhaftet wurde, brachte der Staat ihren 15-jährigen Sohn in ein Heim. Dessen Vater lebte zu diesem Zeitpunkt im Ausland, und die Behörden weigerten sich, den Jugendlichen bei anderen Verwandten unterzubringen.
Solche Fälle zeigen, wie weit die Repressionen des Regimes reichen. Sie treffen nicht nur die politischen Gefangenen selbst, sondern auch ihre Familien, ihre Kinder und Angehörigen. Die Zerstörung familiärer Bindungen ist längst zu einem festen Bestandteil des Systems geworden. Seit Jahren können sich belarussische Männer und Frauen aufgrund politischer Repressionen nicht mit ihren Angehörigen treffen. Eltern werden für ihre Kinder bestraft.
Und Kinder für ihre Eltern. Eduard Babariko befindet sich nach wie vor im Gefängnis, nur weil sein Vater im Jahr 2020 um das Präsidentenamt in Belarus kämpfen wollte. Tatjana Franzkevich, die Mutter des politischen Gefangenen Alexander Franzkevich, wurde festgenommen, als sie ihm ein Paket ins Gefängnis brachte. Sie war in Begleitung ihrer Schwester Natalja Lobatsevich, der Mutter des ehemaligen politischen Gefangenen Ilja Lobatsevich. Natalia wurde ebenfalls festgenommen. Derzeit befinden sich beide Frauen in einer Strafkolonie, angeblich wegen Unterstützung extremistischer Aktivitäten.
Ich könnte noch lange die Namen von Menschen aufzählen, deren Familien durch das Lukaschenko-Regime zerstört wurden. Diejenigen, die belarussische Familien systematisch zerstören, sind nicht irgendwelche äußeren Feinde. Es sind die belarussischen Behörden selbst.
Ich rief wieder eine Psychiaterin an.
Nasta Zakharevich ist belarussische Journalistin und lebt im Exil in Lettland. Sie war Teilnehmerin eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.
Aus dem Russischen von Tigran Petrosyan.
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