Stuttgarter Ausstellung „Das kalte Herz“: Hauffs Märchen in die Gegenwart geholt
Das Kunstmuseum Stuttgart deutet Wilhelm Hauffs Erzählung „Das kalte Herz“ mit Gegenwartskunst. Zentral sind Fragen nach Identität und Zugehörigkeit.
Foto: Gerald Ulmann, Stuttgart; VG Bild-Kunst Bonn 2026
Der Oberkörper der von hinten fotografierten Frau im roten Kleid verschwindet ganz hinter der sie weit überragenden, aus dünnem Obstkistenholz gebauten Dorfsilhouette. Wie einen Rucksack trägt sie diese auf dem Rücken, in der Hand hält sie eine mit roten Geranien bepflanzte Obstkiste. „Buggelkraxen“ heißt die großformatige Fotoserie von Gabriela Oberkofler. Sie zeigt die Künstlerin, wie sie eine Miniatur ihres Heimatdorfes auf dem Rücken durch die Welt trägt.
Es ist die erste Arbeit, die in der Ausstellung „Das kalte Herz“ des Stuttgarter Kunstmuseums zu sehen ist. Die Schau verbindet Wilhelm Hauffs gleichnamiges Schwarzwaldmärchen von 1827 mit zeitgenössischer Kunst und fragt: Welche Themen der Erzählung reichen bis in die Gegenwart? Es ist ein interessanter kuratorischer Ansatz, vor allem da, wo er an seine Grenzen kommt.
Hauff erzählt von einem Köhler, der sein lebendiges Herz gegen eines aus Stein austauscht. Den gesellschaftlichen Aufstieg und Reichtum, den er dafür bekommt, bezahlt er mit dem Verlust seiner Gefühle. Die Geschichte beschreibt die Schattenseiten von Gier und Selbstsucht und ist ein frühes Zeugnis der tiefen, existenziellen Umbrüche, die die Industrialisierung für Mensch und Natur bedeutete. Um eine Brücke zwischen Märchen und Gegenwart zu schlagen, liest Kurator Dierk Höhne Hauffs Erzählung entlang von vier Leitmotiven: „Identität“, „Affekt“, „Gewalt und Heilung“ sowie „Ökologische Ausbeutung“. Jede Arbeit in der Ausstellung wird diesen Kategorien zugeordnet.
„Das kalte Herz“. Kunstmuseum Stuttgart. Bis 4. Oktober
Oberkoflers Fotoserie erschließt sich in diesem Kontext sofort. Das Heimatdorf auf dem Rücken der Künstlerin erinnert an die starke Bindung an einen Herkunftsort, die auch Hauffs Märchen prägt. Die Rucksack-Bildhauerarbeit wirkt wie Schutzraum und Last zugleich und knüpft an aktuelle Diskurse an: Fragen nach Identität und Zugehörigkeit sind in einer globalisierten Welt aktueller denn je.
Grob geschnitzte Deformationen
Ein paar Räume weiter stehen zwei Skulpturen der Serie „Culture, another nature repaired“ des französischen Künstlers Kader Attia. Es sind wuchtige Holzbüsten mit grob geschnitzten Deformationen. Bei einer ist die Nase plattgedrückt, anstelle des Mundes sind zwei unförmige Vertiefungen zu sehen. Der anderen wurde ein Auge herausgerissen, die rechte Seite des Mundes ist schartenartig nach oben gezogen. Die Bilder von verwundeten Soldaten, aber auch von Opfern rassistischer Lynchmorde kommen einem in den Sinn. Genauso wie die Frage: Was hat das mit Hauff zu tun?
Foto: Thierry Chassepoux; (c) Gabriela Oberkofler
Die kuratorische Lesart hilft: Sie ordnet Attias Skulpturen dem Kapitel „Gewalt und Heilung“ zu. Hauffs Protagonist verliert mit seinem steinernen Herzen nicht nur seine Gefühle, sondern der Mord an seiner Ehefrau macht ihn auch selbst zum Täter. Aus dieser Verbindung von emotionaler Verrohung und körperlicher Aggression zieht die Ausstellung eine Linie zu Attias Auseinandersetzung mit den Folgen kolonialer Gewalt.
In der Rotunde des Stuttgarter Kunstgebäudes hängen weiß gerahmte DIN A3 große Bilder an der Wand. Von Weitem sehen sie wie von Hand beschriebene, vergilbte Buchseiten aus. Erst aus der Nähe werden die Poren und feinen Härchen sichtbar. Nicht Papier, sondern Haut ist die Unterlage für so verstörende Texte wie: „Your awful language is in the Air by my head“, „She acts like an animal left for cooking“ oder „I am awake in the place where women die“.
Die Fotoserie „Lustmord“ der US-amerikanischen Künstlerin Jenny Holzer entstand 1993/94 und ist eine Reaktion auf die sexualisierten Gewalttaten, die während der Jugoslawienkriege systematisch gegen Frauen und Mädchen verübt wurden. Wieder steht die Frage im Raum: Wo ist hier der Zusammenhang zu Hauffs Märchen? Und hier kommt die kuratorische Lesart an ihre Grenzen, denn Holzers Arbeit wird gleich drei Themen aus Hauffs Märchen zugeordnet: „Identität“, „Affekt“ sowie „Gewalt und Heilung“. Dabei entzieht sie sich eigentlich solchen Deutungen.
Denn Holzers Arbeit stellt die Möglichkeit infrage, Gewalt überhaupt einer sinnstiftenden Erzählung unterordnen zu können. Die Texte stammen mal von Tätern, mal von Opfern, mal von Zeugen. Wer spricht, bleibt oft unklar. Gewalt erscheint hier nicht benennbar, sondern dringt in Sprache und Körper ein. Es geht um ihre Unbegreiflichkeit, um etwas, das sich nicht mehr erzählen lässt.
Und bei Jenny Holzer wird auch wieder die Stärke von „Das kalte Herz“ deutlich. Die Ausstellung zeigt, wie produktiv es sein kann, Hauffs Themen mit zeitgenössischer Kunst weiterzudenken, dass es sich aber immer nur um Deutungsangebote handeln kann. Weder Hauffs Text noch die Kunst gehen vollständig in diesen Einordnungen auf. Sie erzählen dort am meisten, wo das kuratorische Raster sie nicht mehr erfasst.
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