Stromtrasse für Offshore-Windparks: Langeoog sorgt sich ums Trinkwasser
Unter Langeoog soll eine Offshore-Stromleitung verlegt werden. Inselbewohner fürchten um ihre Trinkwasserversorgung. Auch Naturschützer sind besorgt.
Der Plan, eine Stromtrasse unter der Nordseeinsel Langeoog hindurchzuführen, macht Umweltschützern und Inselbewohnern Sorgen. Die Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste (SDN) warnt vor „erheblichen Risiken für Natur, Trinkwasserversorgung und Tourismus“. Die Gemeinde Langeoog befürchtet, dass das Trinkwasserreservoir unter der Insel gefährdet werden könnte. Bis Ende April sind die Planunterlagen für das Projekt „Balwin5 Seeseite“ einzusehen.
Bei dem Projekt geht es darum, den Strom mehrerer Windparks auf See an Land zu transportieren. Die Netzbetreiber Amprion und Tennet haben sich dafür einen Korridor ausgesucht der unter dem östlichen Teil der Insel Langeoog hindurchführt.
Das Problem aus Sicht der Inselbewohner: Die Leitung soll im „gesteuerten Horizontalspülbohrverfahren“ dicht unter oder auch durch eine sogenannte Süßwasserlinse unter der Insel führen. Wegen des Reservoirs kann Langeoog bisher auf eine Trinkwasserleitung vom Festland verzichten.
In einer solchen Linse sammelt sich das Regenwasser, das auf der Insel versickert. Sie ist umgeben von Salzwasser, das vom Meer her in den sandigen Boden dringt. Durch seine geringere Dichte schwimmt das Süßwasser auf dem Salzwasser.
Gutachten bescheinigen Unbedenklichkeit
Langeoog hat mehrere Süßwasserlinsen: Aus einer wird über mehrere Brunnen Trinkwasser gefördert, die im Osten wurden bisher nicht angezapft. „Aktuell spielen die östlichen Süßwasserlinsen für die Trinkwasserversorgung keine Rolle für die öffentliche Wasserversorgung“, teilt der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband mit. Sie könnten jedoch als Alternative relevant werden, wenn sich die Rahmenbedingungen für die Wassergewinnung im Westen der Insel änderten.
Der Wasserverband fordert deshalb ein Beweissicherungsprogramm: Die Stromnetzbetreiber sollen dokumentieren, ob und wie der Leitungsbau das Süßwasserreservoir beeinflusst.
Amprion und Tennet haben Gutachter beauftragt, die im Voraus mögliche Effekte abschätzen sollten. Die Ingenieurgesellschaft Burmeier kam zu dem Schluss, bei der Tunnelbohrung unterhalb von Langeoog im Süß- und Salzwasser sei weder ein signifikanter Einfluss auf die Dimensionen der Süßwasserlinse noch auf die chemisch-physikalische und biologische Beschaffenheit des Grundwassers zu erwarten.
Allerdings seien lokal geringfügige Änderungen der Grundwasserbeschaffenheit durch den Eintrag von Bohrspülung oder Filtratwasser oder durch den Temperaturanstieg in der Nähe der Stromleitungen nicht vollständig auszuschließen. „Da diese jedoch lokal begrenzt und/oder nur temporär zu erwarten sind, wird hierdurch die Süßwasserlinse in ihrer Gesamtheit nicht beeinträchtigt“, stellen die Ingenieure fest.
„Das sind Gutachten, die auf Modellrechnungen beruhen“, warnt Langeoogs Bürgermeister Onno Brüling (CDU). Aus seiner beruflichen Erfahrung wisse er, wie wenig solche Modelle bisweilen mit der Wirklichkeit zu tun hätten. „Für uns ist das Risiko nicht absehbar“, sagt Brüling. Wenn sich Amprion und Tennet so sicher seien, sollten sie für die Wasserversorgung bürgen, findet der Bürgermeister.
Ulrich Birstein, Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste
Brüling versichert, seine Gemeinde sei nicht gegen den Klimaschutz und die Energiewende. „Das ist für uns ganz wichtig“, sagt er. Zugleich dürfe aber eine so wichtige Ressource wie das Trinkwasser nicht gefährdet werden. „Wenn ich nicht darauf aufmerksam machen würde, würde ich etwas falsch machen“, sagt der Bürgermeister.
Die Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste kritisiert, die geplante Kabeltrasse mitten im Weltnaturerbe Wattenmeer betreffe zentrale Schutzgebiete. „Wenn man von vornherein gesagt hätte, wir beeinträchtigen das Wattenmeer so wenig wie möglich, hätte man die Kabeltrasse auch anderswo planen können, etwa in der Nähe der Jade-Fahrrinne“, findet Ulrich Birstein, der stellvertretende SDN-Vorsitzende. Damit müsste die Leitung allerdings viel länger werden.
Die Planer beriefen sich auf das „überwiegende öffentliche Interesse“ an der Windparkanbindung, um in einem wertvollen und empfindlichen Naturraum zu bauen. „Das ist ein Totschlagargument“, findet Birstein. Dabei seien viele der Windparks noch gar nicht erschlossen.
Die Ausbauziele sind allerdings gewaltig und sorgen für einen gewissen Zeitdruck. Die installierte Leistung vor der deutschen Küste soll von 9,7 Gigawatt Ende vergangenen Jahres auf 30 Gigawatt bis 2030 steigen, um die Republik von fossiler Energie unabhängiger zu machen.
Die Baustelle, die die Stromleitung an Land aufnimmt, liegt im Vogelschutzgebiet „Ostfriesische Seemarsch zwischen Norden und Esens“. Birstein warnt: „Auch ein vorübergehender Eingriff ist erst mal ein Eingriff.“
Ein Gutachten des Oldenburger Büros IBL-Umweltplanung für den Planfeststellungsbeschluss gelangt dagegen zu dem Fazit: „Eine Beeinträchtigung der gebietsspezifischen Erhaltungsziele und des Schutzzwecks kann ausgeschlossen werden.“ Das Vogelschutzgebiet als solches werde nicht beeinträchtigt.
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