Streit bei Terre des Femmes: Kopftuchverbot-Antrag in der Kritik
Terre des Femmes will Mädchen das Kopftuch verbieten. Das sehen manche Frauen in dem Verein kritisch – und schreiben einen offenen Brief.
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Der Antrag hatte es in sich: „Die Mitfrauenversammlung möge beschließen, dass Terre des Femmes ein gesetzliches Verbot des sogenannten ‚Kinderkopftuchs‘ … fordert.“ Oder anders formuliert: Mädchen soll verboten werden, auf der Straße ein Kopftuch zu tragen.
Den „Kopftuch-Antrag“ hatte der Vorstand der Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes (TdF) auf seiner Vollversammlung am 20. Mai eingebracht. Er wurde mehrheitlich verabschiedet. „Durch die Verschleierung von Minderjährigen wird ein späteres Tragen des Kopftuchs bereits in der Kindheit vorgeprägt“, begründet der Verein: „Als Folge dieser Konditionierung können oder wollen die Mädchen auch später das Kopftuch nicht mehr ablegen.“ Das finden manche Mitfrauen, wie sich Mitglieder bei TdF nennen, skandalös – und distanzieren sich jetzt in einem offenen Brief von dem Beschluss.
Die 24 Autorinnen des Papiers, das an diesem Freitag veröffentlicht werden soll und der taz vorab vorlag, fürchten, dass solche Beschlüsse „rassistische Ressentiments reproduzieren und rechtspopulistische Tendenzen in der Gesellschaft legitimieren“.
Die Befürchtung könnte nicht unberechtigt sein. So propagiert Alice Weidel, Spitzenkandidatin der rechtspopulistischen AfD, im Tagesspiegel eine ähnliche Haltung wie TdF: „Kopftücher gehören aus dem öffentlichen Raum und von der Straße verbannt. Das sollte auf jeden Fall gesetzlich festgelegt werden.“
Diskriminierendes Verhalten nicht rechtfertigen
„Einen pauschalisierenden und undifferenzierten Umgang mit dem Islam kritisieren wir in scharfer Form“, sagt Katharina Kunze, eine der Unterzeichnerinnen, der taz. Die heutige Gleichstellungsbeauftragte in Erlangen war von 2013 bis 2015 bei TdF Referentin für weibliche Genitalverstümmelung.
Kunze und die anderen Autorinnen wollen jedoch nicht falsch verstanden werden und TdF diffamieren. Der Verein mache eine „tolle Arbeit“, sagen Meding und Kunze unisono. Er kämpfe gegen Genitalverstümmelung, Frauenhandel, Gewalt an Frauen, sexistische Werbung – in Deutschland und weltweit. Aber den Ansatz, der Islam sei das neue Feindbild des Feminismus, den TdF in ihren Augen seit Längerem vertrete, wollen die Kritikerinnen des Kopftuchverbots nicht mittragen.
Ungeachtet dessen wollen die Autorinnen keinesfalls „diskriminierendes Verhalten verharmlosen, das mit der Religion begründet wird“, sagt die Politik- und Rechtswissenschaftlerin Ruth Meding, die bei TdF 2014 ein Praktikum gemacht und danach in Indien ein TdF-Projekt gegen sexuelle Gewalt koordiniert hat. „Wir stehen solidarisch an der Seite jeder Frau, die sich unterdrückt oder zu irgendetwas gezwungen fühlt, sei es ein Kopftuch oder eine Ehe.“
Sowohl der „Kopftuch-Beschluss“ als auch der offene Brief dürften die Debatte über Rassismusvorwürfe innerhalb der feministischen Szene weiter anheizen. Derzeit ist die Frauenbewegung heftig gespalten: Denjenigen, die wie TdF das Kopftuch verbieten wollen, wird rasch Rassismus unterstellt. Diejenigen, die sich für die Kopftuchfreiheit aussprechen, müssen sich häufig nachsagen lassen, einen radikalen Islam zu verharmlosen.
Keine Spaltung – aber Austritte
In der Spaltung der Frauenbewegung sowie einem Kopftuchverbot sehen die Autorinnen des offenen Briefs allerdings eine grundsätzliche Gefahr für Frauenrechte. „Wer rechtspopulistische Argumente aufgreift, lässt außer Acht, dass Rechtspopulisten feministische Errungenschaften rückgängig machen wollen“, sagt Meding.
Manche der Autorinnen wollen aus dem Verein austreten, einige haben ihn bereits verlassen.
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