piwik no script img

­Streik-Gespräch in der taz„Es gibt auch in der taz immer noch eine Bro-Culture“

Generalstreik gegen das Patriarchat! Auch in der taz wollen Flinta* die Arbeit niederlegen. Zwei taz-Redakteurinnen über Sinn, Soli und Schreiben.

Es sollte der Frauenbewegung einen neuen Schub geben: Frauenstreik in Leipzig, 1994 Foto: Waltraud Grubitzsch/picture alliance

taz: Das Bündnis Enough! ruft unter dem Motto „Wir sagen Genug!“ zum globalen Frau­en*­Gene­ral­streik am 9. März auf. Auch die taz organisiert im Haus einen Streikposten und plant eine besondere E-Paper-Ausgabe. Anastasia, Simone, macht ihr mit?

Anastasia: Ja, klar. Aus Solidarität mit allen anderen, die streiken. Und aus Überzeugung, dass wir konkret in der taz auch streiken sollten.

Simone: Ich habe an dem Tag ohnehin frei. Aber: Ich finde die Idee gut, einen Frauenstreik in Deutschland zu organisieren – wenn er denn tatsächlich funktioniert. So, wie der Streik momentan angekündigt ist, glaube ich nicht, dass er funktionieren wird.

taz: Warum?

Simone: Ich erinnere mich an den großen bundesweiten Frauenstreik 1994, da war ich als Journalistin unterwegs. Der war sehr groß angekündigt und wesentlich länger vorbereitet als dieser Streik. Es gab ein sehr großes Streikkomitee, das sich über viele Monate in Kassel getroffen hat. Die ganze Republik hat darüber im Vorfeld berichtet. Dieses breite Interesse sehe ich hier nicht. Und doch hat der Streik 1994 das Land nicht lahmgelegt.

taz: Du meinst, weil die politischen Kernforderungen der Frauen von damals – gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Entkriminalisierung von Abtreibungen, faire Verteilung von Care-Arbeit – heute, mehr als 30 Jahre später, noch immer genauso vorgetragen werden?

Simone: Damals sollten Frauen nicht nur für diese Forderungen auf die Straße gehen, sondern auch die Frauenbewegung sollte einen neuen Schub erhalten, man sprach von der „dritten Welle“. Man wollte die Ost- und Westfrauenbewegung vereinen. Allein, das erwies sich als schwierig. Wo sich die Westfrauen im Besitz von theoretischer Weisheit wähnten, machten die Ostfrauen geltend, Gleichberechtigung längst praktisch zu leben: Kinder, Beruf können wir alles gleichzeitig. Es wurde auch lange über Fragen diskutiert wie: Darf eine Feministin einen Minirock tragen? Sind nur Lesben Feministinnen, weil sie nicht mit dem Patriarchat ins Bett gehen? Das war alles völlig irre, aber darüber hat man sich total zerlegt.

taz: Anastasia, ist man da als junge Feministin jetzt ein bisschen entmutigt?

Anastasia: Ich will Simone erst mal einladen, am Montag trotz ihres freien Tages in die taz zu kommen und beim Streikposten vorbeizuschauen. Schon in der Vorbereitung merke ich, wie viel Mut und Kraft darin steckt, sich zusammenzusetzen und zu überlegen: Was wollen wir verändern, was fordern wir? Selbst wenn der Streik nicht riesig wird, können wir an die Verbindungen anknüpfen, die jetzt entstehen.

taz: Am 10. März soll es, als Ergebnis des Streiks, eine E-Paper-Ausgabe der taz mit Weißraum auf den Seiten und auf taz.de geben. Als Zeichen, dass hier die Arbeitskraft einer Frau fehlt.

Anastasia: Genau, da wo Flinta* Texte geschrieben, geplant, produziert hätten. Denn wir sind sehr viele, sehr gute Jour­na­lis­t:in­nen in der taz (lächelt). Wir wollen zeigen: Ohne uns funktioniert es nicht. Was aber unsichtbar bleibt: Die Care-Arbeit, die Flinta* in der Redaktion leisten. Die wird durch Weißraum nicht sichtbar.

Taz: Was meinst du mit Care-Arbeit?

Anastasia: Wenn wir uns darum kümmern, wie es den Kol­le­g:in­nen untereinander geht, wenn wir den Prak­ti­kan­t:in­nen helfen. Wenn wir die Geschirrspülmaschine ausräumen.

Simone: Glaubst du wirklich, nur die Frauen räumen die Spülmaschine aus?

Anastasia: Das weiß ich natürlich nicht. Ich wollte vor allem sagen: Während meiner Zeit als Volontärin bei der taz waren es vor allem – mit Ausnahmen natürlich – die Kolleginnen, die mich gefragt haben: Wie geht es dir, kommst du mit dem Thema klar, hast du noch Fragen, kann ich helfen, sollen wir Mittagessen gehen?

taz: Ist der Weißraum nicht auch nur eine künstliche Leerstelle – Frauen haben sich im Vorfeld Arbeit gemacht, denn auch das Entwerfen der Weißraum-Seiten mit dem Layout kostet Zeit und wird vor allem von Kolleginnen umgesetzt, um es dann so aussehen zu lassen, als entstünde eine Lücke?

Anastasia: Wir werden ja von außen für gewöhnlich als ein sehr feministischer Betrieb wahrgenommen. Und wenn wir durch den Weißraum sichtbar machen, auch bei uns ist in Sachen Gleichberechtigung noch Luft nach oben, ja, dann hat diese symbolische Aktion für mich seine Berechtigung. Dann ist das letztlich auch ein journalistischer Umgang damit.

Es gibt auch in der taz immer noch eine Bro-Culture, also einen Umgang miteinander, der oft von männlichen Gruppendynamiken geprägt ist

Anastasia Zejneli, Redakteurin bei taz2

taz: Was genau fordert ihr, was forderst du, wenn du sagst: Wir sind noch nicht fertig in Sachen Gleichberechtigung?

Anastasia: Es gibt nach meinem Empfinden auch in der taz immer noch eine Bro-Culture, also einen Umgang miteinander, der oft von männlichen Gruppendynamiken geprägt ist. Und hinzu kommt, das geht jetzt ein bisschen über das Thema im engeren Sinn hinaus, dass es immer noch zu wenig marginalisierte Stimmen in der taz gibt, von People of Color, von Nichtakademikern.

Simone: Ich muss mal kurz widersprechen: Ja, wir sind ein recht akademischer Betrieb. Es gab immer wieder Versuche, das zu ändern. Es hat nicht richtig funktioniert. Dennoch würde ich behaupten: Wir sind intersektionaler, pluraler, weniger weiß und männlich als viele andere Konkurrenzmedien. Wir haben als einzige ein Volontariat für Menschen, die nicht den ganz geraden Weg über Uni und Journalistenschule gegangen sind. Das macht sonst niemand in der Form.

Anastasia: Wir sind sehr gut darin, marginalisierten Stimmen in unserer Berichterstattung Raum zu geben, das sehe ich auch. Ich bleibe trotzdem dabei: Das spiegelt sich noch nicht genügend in unserer Belegschaft wider.

taz: Nochmal zurück zu Flinta* in der taz, also Frauen, Lesben, Inter*, Non-Binary, Trans* und Agender* Personen: Wir sitzen oft in der Konferenz und kritisieren uns selbst, dass wir zu wenig Texte von Frauen haben. Warum ändert sich da seit Jahren nichts?

Simone: Das ist ein Missstand, das sehe ich auch so. Das liegt zum einen daran, dass wir gerade viele Themen verhandeln – Kriege, Wirtschaftspolitik, die USA – die auch in der taz vielfach von Männern beobachtet, beschrieben, kommentiert werden. Die Kollegen sind auch super, die sollen ja weitermachen.

Aber, da kann ich jetzt nur für mein Ressort, Meinung und Diskussion, sprechen: Wir versuchen, immer zuerst die Frauen zu fragen, wenn wir in einem Themenbereich die Wahl haben. Was man dann aber auch sagen muss: Männer sagen tendenziell immer eher, klar, das schreib ich dir. Frauen sagen: Hm, ich muss mich da erst mal einlesen, ich sage dir in einer halben Stunde Bescheid. Es gibt natürlich auch Frauen, die dieses vermeintlich männliche Auftreten haben. Das finde ich immer ganz toll.

taz: Aber ist es richtig, dass man das belohnt?

Simone: Mal ganz praktisch: Man muss die Zeitung irgendwann halt fertig machen. Deshalb ist mein Appell an alle Frauen immer: Schreibt auf, probiert es! Es gibt ja ein Redigat, wir können reden. Ich sage den Kolleginnen immer: Macht einfach! Habt Mut!

taz: Anastasia, hilft dir das?

Simone: Na, Anastasia macht ja einfach. (beide lachen)

Anastasia: Ich wurde in mein Berichtsgebiet am Anfang auch ziemlich hineingeworfen, da habe ich manchmal gedacht: Puh, weiß ich jetzt schon genug, um eine Meinung zu haben? Aber dann habe ich immer gedacht: Wenn ich nicht kommentiere, macht das ein Mann und der weiß es am Ende wahrscheinlich meistens auch nicht besser. Ich wurde übrigens bisher tatsächlich immer nur von Kolleginnen für einen Text gefragt oder vorgeschlagen.

taz: Das ist doch super: Frauensolidarität.

Anastasia: Ja, aber da wünsche ich mir auch mehr Solidarität von den Männern, mehr Care-Arbeit. Aber was Simone gesagt hat, stimmt natürlich auch: Frauen müssen sich auch selbst etwas zutrauen.

Simone: Wenn ich 20 Jahre zurückblicke, würde ich sagen: Der Umgangston im Haus hat sich deutlich verändert. Ich erzähle mal eine Anekdote: Es ging in einer Konferenz um die Einführung der Frauenquote für Führungspositionen. An dem Montag hatten vier damit befasste Ministerien eine große Pressekonferenz angekündigt, der Spiegel hatte am Samstag zuvor mit dem Thema aufgemacht. Ich war damals zuständig als Redakteurin. Natürlich wollte ich eine Seite 3 dazu schreiben, die wichtigste Seite. Da hieß es auf der Konferenz von einem Wortführer: „Quote, was soll der Mist, hab ich doch gestern im Spiegel alles gelesen.“

Frauen, Gender-Themen, Bildungsthemen – die hatten es schwer auf prominenten Plätzen in der Zeitung. Das hat sich völlig geändert

Simone Schmollack, Ressortchefin der Meinungsredaktion

taz: Da war das noch „Gedöns“, frei nach Altkanzler Gerhard Schröder (SPD), der so 1998 das Frauen- und Familienministerium zusammengefasst hatte.

Simone: Genau. Da kamen mir jedenfalls fast die Tränen, das war ich nicht gewohnt. Aber es ist dann auch wiederum ein Mann zur damaligen Chefredakteurin gegangen, der gesagt hat: So geht das nicht, so können wir als taz nicht damit umgehen. Frauen, Gender-, Bildungsthemen – das waren alles Themen, die hatten es schwer, gerade auf prominenten Plätzen in der Zeitung. Das hat sich völlig geändert. Es ist alles sachlicher geworden. Der Umgang ist solidarischer, egalitärer.

Anastasia: Viele sagen immer, früher war alles ruppiger hier. Aber manchmal wünsche ich mir in den Konferenzen heute auch noch einen Buzzer: Männer tendieren mehr als Frauen dazu, zu unterbrechen – oder gegenseitig ihre Positionen zu wiederholen. Das nervt.

taz: Frauen müssen Netzwerke bilden?

Simone: Unbedingt. Aber ich verstehe den Punkt, dass man etwas aus eigener Kraft erreichen will. Männer geben sich gegenseitig diesen Schutz, sie sind super im Netzwerken. Beim Frauenstreik 1994 waren die Frauen zwar solidarisch, konnten sich aber nicht wirklich auf ein gemeinsames Ziel verständigen. Es gab geeinte politische Forderungen – aber wegen der vielen identitätspolitischen Differenzen keine gemeinsame Schlagkraft.

taz: Diese Differenzen gibt es ja immer noch: Es gibt Rapperinnen wie Shirin David, die offen über ihre Schönheits-OPs spricht, die sich selbst – wie auch ihre Kolleginnen Ikkimel oder Zsá Zsá – als „Fotze“ bezeichnet und das als feministische Rückeroberung von Sprache sieht. Das wird sehr kontrovers diskutiert.

Anastasia: Es ermüdet mich. Es sind nicht die Kämpfe, die ich führen will, und es ist nicht die Diskussion, die ich führen will. Sofern wir beide Gleichberechtigung wollen, ist mir wirklich egal, wie du dabei aussiehst. Und das, was die Leute mittlerweile auch spaltet, ist ja diese Frage: Wer darf sich Fe­mi­nis­t:in nennen? Nur Frauen? Oder alle Personen, die keine Männer sind? Ich würde sagen: Alle Flinta*-Personen gehören dazu.

Simone: Mich langweilt das auch. Mir ist total egal, wie jemand aussieht. Ich muss es ja nicht schön finden – es muss der Person gefallen. Das ist eine Diskussion von vor 30 Jahren.

taz: Alice Schwarzer diskutiert darüber immer wieder, zuletzt im Zeitmagazin. Warum hält sich diese Debatte so hartnäckig?

Simone: Ich glaube, das kommt durch das Erstarken des Maskulinismus. Einerseits gibt es mehr Gleichstellung und Selbstermächtigung von Frauen – da ist die taz ein gutes Beispiel. Andererseits gibt es durch das weltweite Erstarken von Broligarchien auch wieder eine Gegenbewegung. Und Alice Schwarzer mischt da leider seit einigen Jahren heftig mit. Ich finde, sie verrät damit die Frauen.

Anastasia: Und das ist ja ein bequemer Streit. Sich mit Alice Schwarzer darüber zu streiten, ob ich einen Minirock tragen kann oder nicht. Es ist viel unbequemer, sich damit auseinanderzusetzen, dass Frauen in Deutschland sexualisierte Gewalt erleben.

taz: Noch so eine Debatte: Frauen und Teilzeitarbeit, häufig weil sie zu Hause Kinder und Angehörige versorgen, während der besserverdienende Mann Vollzeit arbeitet. Auch in der taz arbeiten viele Frauen Teilzeit. Wie denkt ihr darüber?

Anastasia: Wer Teilzeit machen will, sollte das machen dürfen. Und viele bei der taz haben sich bewusst dafür entschieden – und das ist gut so. Vielleicht sollten all die Männer in der taz, die Vollzeit arbeiten, auch Teilzeit machen und mehr Freizeit leben. Damit würde man vielleicht auch etwas das Problem der geringeren Sichtbarkeit von Frauen lösen, über das wir vorhin sprachen: Weil Männer auch in der taz oft größere Stellenanteile haben, sind sie mehr hier, können mehr schreiben, nehmen mehr Raum ein.

Simone: Mein Problem bei Teilzeitarbeit von Frauen ist das Geld – ihr eigenes. Feministische Ökonominnen warnen seit Jahrzehnten davor: Man weiß nie, wie das Leben verläuft. Wer lange in kleiner Teilzeit arbeitet, verpasst schnell den Anschluss – gerade jetzt, wo sich durch Digitalisierung so viel verändert. Am Ende verdient man wenig, ist abhängig vom Staat oder vom Partner – und die Rente ist minimal. Deshalb mein Plädoyer: 80 Prozent für alle, die „große Teilzeit“. Aber dieses Modell gibt es kaum. Dafür sollten wir kämpfen.

Anastasia: Aber das ist ja ein strukturelles Problem: klassische Rollenbilder. Frauen gehen in Teilzeit, um Kinder zu betreuen, und es gibt keine echte Belohnung oder Absicherung dafür.

Simone: Eben – dafür muss man kämpfen. Wenn eine CDU-Regierung „Lifestyle“ sagt und gleichzeitig die Mütterrente ausweitet, sendet sie ein widersprüchliches Signal: konservatives Familienmodell einerseits, mehr weibliche Arbeitskräfte andererseits. Ich finde: Frauen sollten für sich selbst raus aus der Teilzeit, nicht für „den Arbeitsmarkt“.

Kampf heute: Feministischer Flashmob am 8. März 2026 gegen das Patriarchat Foto: M. Golejewski/AdoraPress

taz: Zurück zum Frauenstreik: Wie solidarisch ist so ein Tag – etwa mit einer alleinerziehenden Altenpflegerin, die nicht auf die Straße gehen kann, weil sie den Verlust ihres Jobs fürchtet. Was kann man an diesem Tag über Aktionismus hinaus erreichen?

Simone: Ich bin skeptisch, ob dieser Streik die Debatte um mehr Frauenrechte und Gleichstellung auch nur marginal anstößt. Wenn im Aufruf steht: kein gewerkschaftlicher Streik, und dann: „Frauen sollen picknicken“, sich verweigern. Dann verweigern am Ende die Arbeit vor allem die, die es können: akademische Frauen.

Eine Krankenschwester kann nicht, eine Straßenbahnfahrerin kann nicht, eine Verkäuferin kann nicht. Und was hat die Verkäuferin davon, wenn ich picknicke und das als politisches Statement poste? Wenn man sagen würde: Wir legen das ganze Land lahm – wirklich alles – das wäre stark. In der Schweiz und in Island gab es das: Das schafft Eindruck. Und danach gab es in beiden Ländern politische Veränderungen.

taz: Das klingt ziemlich ernüchternd mit Blick auf den Streiktag am Montag.

Anastasia: Das macht mich gerade traurig. Aber selbst wenn nur fünf Frauen picknicken und sich politisieren, ist es ein Anfang. Und in der taz picknicken wir ja nicht: Es gibt Plena, Aktionen, wir reden über die 8.-März-Ausgabe. Wenn wir immer davon ausgehen, dass nichts passiert, wird auch nichts passieren. Wir müssen es versuchen.

Simone: Da gebe ich dir recht. Man muss es versuchen.

taz: Was müsste man tun, um mehr Menschen anzusprechen – jenseits der eher weißen, eher akademischen Blase, die zum Streik aufruft?

Simone: Man muss auch sagen: Es gibt viele Frauen, die feministische Kämpfe schlicht nicht interessieren – und es muss ja auch nicht alle interessieren. Es müsste aber die Menschen in Entscheiderpositionen interessieren: Ehegattensplitting, Gender-Pay-Gap, all diese Fragen müssen sie beschäftigen.

taz: Müsste man nicht eh viel stärker versuchen, sich die Männer als Zielgruppe zu erschließen: Dass sie mehr Care-Arbeit übernehmen, in Teilzeit gehen?

Anastasia: Ohne die Männer geht es nicht. Und ja, man muss den Männern in Vollzeitjobs zeigen, dass sie auch unter dem Patriarchat leiden.

Simone: Das war schon 1994 eine Frage: Dürfen Männer bei den Streikvorbereitungen mitmachen oder nicht? Das wurde stundenlang diskutiert. Am Ende wurden die Männer weitgehend ausgeschlossen. Später kam bei manchen die Erkenntnis: Gleichberechtigung funktioniert, wenn man Männer mit einbezieht.

taz: Gibt es noch etwas, das euch gerade umtreibt?

Simone: Mich erschreckt, wie viele Frauen – und auch Menschen mit Migrationsgeschichte oder wenig Geld – rechten Parolen anhängen, obwohl sich die AfD-Politik vor allem gegen sie richtet.

Ein anderes großes Thema bleibt Gewalt: Gewalt auf der Straße ist im Vergleich zu häuslicher Gewalt gering. Schutzsysteme, Frauenhäuser und die Ausbildung bei der Polizei müssen besser werden. Und wenn ein Mann gewalttätig ist, müsste das beim Sorge- und Umgangsrecht viel stärkere Konsequenzen haben.

taz: Was wollt ihr als Feministinnen und als tazlerinnen noch erleben?

Anastasia: Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland müssen entkriminalisiert werden. Und dass wir intersektionaler denken: Es geht nicht nur um „die Frau“, sondern um alle Flinta*. Wir müssen sichtbare Räume schaffen für andere marginalisierte Personen – für Menschen mit Rassismuserfahrungen, die darüber sprechen und schreiben wollen. Auch in der taz müssen wir diese Leute fördern und sichtbarer machen.

Simone: Die Rentenfrage und Altersarmut sind große Probleme. Das Ehegattensplitting sollte endlich abgeschafft und stattdessen sollten Familien mit Kindern gefördert werden, unabhängig davon, ob jemand verheiratet ist. Und insgesamt: Frauen sollen sich selbst mehr ermutigen, auch in der taz: Schreibt! Macht!

Anastasia: Meine Utopie ist eine Welt, in der das größte Problem in einer Beziehung mit einem Mann sein Schnarchen ist.

Im Gespräch:

Foto: Barbara Dietl

Simone Schmollack, Boomerin, geboren in Ost-Berlin, war viele Jahre Genderredakteurin der taz.

Foto: Josepha Stolz

Anastasia Zejneli, Generation Z, schreibt gern über ökonomisches Empowerment von Flinta*.

Unser Mittel gegen Antifeminismus

Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Produkt-Arrangement bestehend aus dem bunt gemusterten „feministaz“-Halstuch, einer gedruckten taz-Sonderausgabe und einem Smartphone, das die digitale taz-Titelseite mit einer lila Faust zeigt.

10 Wochen taz testen + feministisches Tuch

Gerade jetzt ist die Sichtbarkeit solidarischer Stimmen wichtiger denn je – für Frauen, Queers und alle FLINTA* weltweit. Teste die taz jetzt und erhalten unser neues feministisches Tuch als Prämie dazu.

  • Lies 10 Wochen die taz: Montag bis Freitag digital, samstags die gedruckte wochentaz
  • Erhalte das exklusive Tuch als Prämie – so attraktiv kann Solidarität sein!
  • Limitierte Stückzahl, schnell sein lohnt sich

taz zur Probe + Tuch für nur 29 Euro

Jetzt bestellen

3 Kommentare

 / 
  • Was mich ermüdet ist



    a) die Inklusionsfrage. Ok, dann sind Männer* eben kein Teil des Feminismus (wie im Interview behauptet), das gilt dann aber auch für Trans*. Auch ermüdet mich



    b) die pauschale Behauptung, Frauen* seien schlecht im Netzwerken, Männer* seien gut im Netzwerken, obwohl es auch da extrem divers zugeht.



    c) Dass die Sis-Culture wirklich anders ist als die Bro-Culture muss sie vor allem noch unter Beweis stellen. Auch hier gibt es ja sehr diverse empirische Hinweise. Pauschal zu behaupten, weibliche Netzerke und Seilschaften funktionieren anders (bzw. nicht benachteiligend für andere Gender) halte ich jedenfalls für deutlich zu kurz gegriffen.

  • Ich habe in Berlin zusammen mit einer anderen lesbischen Schwester den Frauen Streiktag 94 angeschoben. Die Funktionärinnen fuhren nach Kassel, wir fuhren von Frauenprojekt zu Frauenprojekt und machten die Arbeiterinnen- Basisarbeit, ohne die die Funktionärinnen - sagten sie - auch nicht nach Kassel gefahren wären. Wir waren antikolonial und machten in Berlin die grösste Demo 3000 Frauen in Solidarität mit den Frauen von Bhopal 10 Jahre nach dem Chemie Unglück, welches auf neokolonialen Produktionsbedingungen der Global Player beruhte und 50 000 Tote in der ersten Woche forderte. Unsere Demo hiess " The women of the world demand accountabillity!" und wurde dann in der Dokumentation von den Funktionärinnen einfach geleugnet und tot geschwiegen. Die Öko feministische Basisarbeit ist immer noch gültig und der Generalstreik gegen den Faschismus der patriarchal-kapitalistischen und neokolonialen Kriegs Herrschaft bedroht uns alle. Ich versuch vorbei zu schauen !

  • Ausweitung der Kampfzone

    Zitat: „Das Bündnis Enough! ruft zum globalen Frau­en*­Gene­ral­streik auf.“

    Das erinnert an die berühmte Komödie „Lysistrate“ des altgriechischen Klassikers Aristophanes, das dritte seiner pazifistischen Stücke. Darin wird der Kampf der Ehefrauen Athens und Spartas gegen ihre kriegsgeilen Ehemänner im Peloponnesischen Krieg gepriesen, das männliche Geschlecht als Kriegsverursacher betrachtend. Unter ihrer Anführerin Lysistrata besetzen sie die Akropolis und verweigern aus Protest gegen den Krieg jegliche eheliche Hingabe. Überdies haben sie sich auch noch der Kriegskasse bemächtigt, um den Kriegern den Geldhahn zuzudrehen. In Sparta folgten die Kriegerfrauen mit ähnlichen Aktionen diesem Beispiel und hatten letztlich Erfolg damit.

    Angesichts der modernen Peloponnesischen Kriege, gegen die die Originalausgabe ein Kindergeburtstag war, ist dieser Liebesstreik nachahmenswert. Die Frauen sollten also ihre Kampfzone auf alles Militärische ausweiten und auf den Wesenskern fokussieren, die männliche Kriegsgeilheit.

    Übrigens bedeutet der Name Lysistrate (griechisch Λυσιστράτη Lysistrátē) die „Heeresauflöserin“. Wo bleibt die moderne Lysistrate?