Soziologe über Fußball in Argentinien: „Eine nationale Einheit entsteht daraus nicht“
Laut Pablo Alabarces sorgt die WM nur für ein kurzes Ausblenden von Krise und Polarisierung. Ein Gespräch über Maradona, Messi, Menotti und Milei.
taz: Herr Alabarces, schauen Sie die WM?
Pablo Alabarces: Ich bin Fußballfan, ich liebe den Sport und habe jede Weltmeisterschaft seit 1970 verfolgt. Aber es gibt etwas, das mich bei Weltmeisterschaften zunehmend ermüdet. Ich schalte den Fernseher ein und sehe nichts anderes als Werbung, in der die Spieler die absurdesten Produkte anpreisen. Das geht mir ziemlich auf die Nerven. Und jetzt wird das Ganze auch noch durch die künstliche Intelligenz verschärft, weil sie es ermöglicht, die Spieler in noch mehr Werbespots auftreten zu lassen, als es ihre tatsächliche Zeit überhaupt erlauben würde.
taz: Wen repräsentiert die argentinische Nationalmannschaft?
Alabarces: Keine Nationalmannschaft repräsentiert wirklich irgendjemanden. Was jede Nationalmannschaft repräsentiert, ist die Fiktion, zu glauben, dass sie jemanden repräsentiert. Entscheidend dabei ist, dass es sich um einen Glauben handelt. Wer daran glaubt, glaubt eben daran.
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
taz: Inwieweit fungiert der Fußball dennoch als Raum für die Bildung einer nationalen Identität in einem Argentinien, das von Wirtschaftskrisen, politischer Polarisierung und gesellschaftlichen Veränderungen geprägt ist?
Alabarces: Der Fußball erzeugt keine nationale Identität. Er erzählt und inszeniert sie, aber er erschafft sie nicht. Was real ist, sind die Wirtschaftskrise, die politische Polarisierung und die gesellschaftlichen Rückschritte. Die argentinische Gesellschaft ist heute viel schlechter dran als noch vor 20 Jahren oder vor 40 Jahren. Was es gibt, ist eine vorübergehende Aussetzung des Konflikts während des Spiels oder, wie es 2022 geschah, während der Feierlichkeiten und der Freude über den Gewinn der Weltmeisterschaft. Diese Aussetzung ist jedoch flüchtig und vergänglich. Eine nationale Einheit entsteht daraus nicht.
taz: Die meisten argentinischen Nationalspieler spielen in Europa.
Alabarces: Ob die Spieler in Argentinien geboren wurden oder nicht, ob sie in Argentinien gespielt haben oder nicht, spielt letztlich keine Rolle. Dasselbe könnte man über die deutschen oder englischen Spieler sagen, die Kinder von Migranten sind, oder über die gesamte französische Sturmreihe, deren Spieler selbst Migranten oder Kinder von Migranten sind.
taz: Einige der Nationalspieler haben als Profis nie in Argentinien gespielt.
Alabarces: Mehr noch. Nehmen wir Nicolás Paz. Ein großartiger Spieler, von dem ich hoffe, dass er viele Minuten zum Einsatz kommt. Aber er hat nie auf einem Bolzplatz in Buenos Aires gespielt. Messi dagegen hat zumindest auf einem Bolzplatz in Rosario gekickt. Und trotzdem tun wir so, als wären wir Fans von Nicolás Paz, von dem wir nicht einmal wissen, ob er überhaupt Anhänger eines argentinischen Vereins ist. Also lassen wir für anderthalb Monate unsere Zweifel ruhen und nehmen an, dass diese Mannschaft tatsächlich Argentinien ist, das gegen Brasilien, Frankreich oder England antritt.
taz: Scheidet Argentinien frühzeitig aus, wird Präsident Javier Milei im kommenden Jahr seine Wiederwahl verlieren. Sollte Argentinien die Weltmeisterschaft gewinnen, ist Mileis Wiederwahl garantiert. Stimmt das?
Alabarces: Beide Behauptungen sind falsch. Weder wird Milei die Wiederwahl verlieren, falls Argentinien ausscheidet, noch wird Milei die Wiederwahl gewinnen, weil Argentinien Weltmeister wird. Es gibt keinerlei Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen Politik und Fußball. Die gesamte Fachliteratur hat dies bestätigt. Noch nie hat ein sportliches Ereignis eine politische Wirkung ausgelöst, nicht einmal der sogenannte Fußballkrieg von 1969 zwischen Honduras und El Salvador.
taz: Diego Maradona war ein Frauenheld, er hatte mehrere Kinder mit verschiedenen Frauen und nahm Drogen. Lionel Messi ist ein liebevoller Familienvater, von dem keine Exzesse bekannt sind.
Alabarces: Es geht nicht darum, dass Maradona ein Frauenheld war und Messi monogam lebt, sondern darum, dass Maradona ein kulturelles, nationales, volksnahes und populäres Symbol ist, während Messi ausschließlich ein Fußballidol ist. Ein absolutes Fußballidol, das mit jedem Spiel noch größer wird, aber keine politisch-kulturelle Bedeutung hat. Dagegen ist die Bedeutung Maradonas sowohl fußballerischer als auch politisch-kultureller Natur.
taz: Was bedeutet also der Vergleich dieser beiden Persönlichkeiten?
Alabarces: Die Bedeutung von Messi und Maradona ist sehr unterschiedlich. Sie sind höchstens als Fußballspieler vergleichbar, und selbst das nicht wirklich. Ihre Karrieren und ihre Spielweisen unterscheiden sich grundlegend, zudem haben sie zu unterschiedlichen Zeiten gespielt. Maradona wurde in den Spielen regelrecht zusammengetreten, während Messi deutlich stärker geschützt wird. Maradona spielte für vergleichsweise kleinere Vereine und führte den SSC Neapel zum Meistertitel, was praktisch ein Wunder war. Messi spielte hingegen 20 Jahre lang beim FC Barcelona.
taz: Seit Wochen sorgt der Präsident des argentinischen Fußballverbands, Claudio Tapia, wegen mutmaßlicher Korruption und Steuerhinterziehung für Schlagzeilen. Warum sitzt er weiterhin fest im Amtssessel?
Alabarces: Ehrlich gesagt, ist mir Claudio Tapia ziemlich egal. Er und die gesamte Fußballhierarchie, zu der die kontinentalen Verbände Conmebol für Südamerika, Concacaf für Nordamerika, die Uefa und auch die Fifa gehören, sind durch und durch korrupte Institutionen. Die Anführer bleiben nur deshalb im Amt, weil sie intrigieren und eine ganze Reihe politischer und juristischer Beziehungen zu ihren Gunsten nutzen. Alles nach dem Motto: „Ich gebe dir etwas, du gibst mir etwas.“ Das hält auch Tapia in seinem Amt. Das schließt alle Führungskräfte des argentinischen Fußballs ein, die natürlich Komplizen sind.
taz: Argentinien gewann die erste Weltmeisterschaft 1978 während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983. Es hieß damals, das Militär wolle die Heim-WM nutzen, um seine Gräueltaten zu vertuschen.
Alabarces: Das Militär wollte die Weltmeisterschaft für seine Zwecke nutzen, aber nicht, um Gräueltaten zu vertuschen. Die waren bereits verborgen und nicht öffentlich bekannt. Die Wirkung des staatlichen Terrors der Diktatur bestand ja gerade darin, dass er im Verborgenen stattfand und man deshalb nur vermutete oder erahnen konnte, nicht aber darin, dass er offen gezeigt wurde. Was nicht offen sichtbar war, musste auch nicht aktiv vertuscht werden.
taz: Aber sie wollten Argentinien als ein geordnetes und weltoffenes Land präsentieren.
Alabarces: Daran besteht kein Zweifel. Das bedeutet aber nicht, dass ihnen dies auch gelungen ist. Zum einen waren zahlreiche ausländische Journalisten vor Ort, die über die Proteste auf der Plaza de Mayo berichteten und damit nicht die Repression, sondern den Widerstand sichtbar machten. Zum anderen organisierte der Gewerkschaftsverband bereits weniger als ein Jahr später einen Generalstreik gegen die Militärregierung. Das zeigt, dass der von der Diktatur angestrebte gesellschaftliche Konsens keineswegs so stabil war, wie behauptet wurde.
taz: 1978 hieß der Trainer der Nationalmannschaft César Luis Menotti. Beim Gewinn des zweiten WM-Titels 1986 war es Carlos Bilardo. Viele glauben, Argentinien habe unter Menotti linken Fußball und unter Bilardo rechten Fußball gespielt. Wie war es wirklich?
Alabarces: Die Vorstellung von linkem und rechtem Fußball ist eine billige Erfindung von Sportjournalisten, die nicht dazu neigen, ernsthaft über so etwas nachzudenken. Es gibt keinen linken Fußball und keinen rechten Fußball. Genauso wenig wie es ein progressives Schach und ein reaktionäres Schach gibt. Diese Vermischung ist lächerlich. Dass Menotti eher der Linken nahestand und angeblich Mitglied der Kommunistischen Partei war, ist eine Sache. Dass Bilardo mit dem rechten Journalismus in Verbindung stand, ist eine andere Sache. Aber die Spielweisen lassen sich nicht als links oder rechts bezeichnen. Von solchen Kategorien halte ich mich komplett fern.
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