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Messi im ViertelfinaleErst Erleichterung, dann Schwärmerei

In Atlanta will den Argentiniern, will Messi gegen Ägypten lange nichts gelingen. Doch dann erweisen sie sich als Mentalmonster. Wie viel geht da noch?

Aus Atlanta

Frank Hellmann

Lionel Messi bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft, das ist schon viel Geschäft. Auch in Atlanta flimmerten seine Tricks und Tore bereits vor Anpfiff über den gigantischen Rundumbildschirm unter dem Dach. Schließlich wirbt der Argentinier gefühlt für jeden zweiten Fifa-Sponsor. Nach dem Schlusspfiff jedoch erschien auf dem gleichen bunten Halo Board ein weinender Weltstar – und erst in diesem Moment merkten viele Anhänger, welche historische Dimension die Aufholjagd der Albiceleste im WM-Achtelfinale gegen Ägypten, das mit 3:2 endete, besessen hatte.

Wenn sich schon ein völlig ausgepumpter Anführer seiner Tränen nicht schämt, geht’s vielleicht doch auch um Gefühle. Abertausende Messi-Jünger mit der Zehn auf ihren Replika-Trikots und der echte Messi im Originaljersey gleichermaßen von Emotionen überwältigt: Die Bilder nach einem WM-Finale können vermutlich auch nicht besser sein.

„Es war sehr schwer, wir haben gelitten, aber diese Gruppe gibt nie auf, sie kämpft bis zum Ende“, sagte Messi später wieder gefasst. „Es ist verrückt, was sie in dieser K.-o.-Runde geleistet hat. Ich freue mich, dass die Leute jetzt feiern können.“ Vor allem ließen sie ihn hochleben: Die Mitspieler schleuderten ihren Kapitän spontan in die Luft.

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Die taz bei der Fußball-WM

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Er könne nicht in Messis Kopf schauen, erklärte Nationalcoach Lionel Scaloni in der Pressekonferenz, „aber ich bin überzeugt, dass er für diese Momente Fußball spielt“. Und er sei auch für diese Emotionen Trainer geworden. „Das sind wir – das ist Argentinien!“

Messis 21. WM-Tor

Das bisweilen nicht ganz ausbalancierte Spiel seiner Mannschaft hatte sich wieder ganz um den 39-Jährigen gedreht. Aber es dauerte bis weit in die zweite Halbzeit, bis sich das auszahlte und er erst die feine Flanke zum Anschlusstreffer von Kraftpaket Cristian Romero schlug (79.), dann selbst mit einem Volleyschuss ausglich (84.). Sein 8. Tor in diesem Turnier, sein 21. WM-Treffer, sein 125. Länderspieltor. Noch Fragen?

Sein Tatendrang ist mindestens genauso groß wie beim argentinischen Titelgewinn vor dreieinhalb Jahren in Katar. Und auch in Nordamerika scheint die himmelblaue Gemeinschaft wieder auf einer besonderen Mission, weil sie ihrem „Wegweiser, Bezugspunkt, Anführer“ (Mitspieler Lautaro Martinez) bei seinem nun wirklich letzten Turnier noch einmal mit dem Goldpokal sehen wollen.

„Wir versuchen, ihm zu helfen, ihn zu unterstützen und jeden Moment an seiner Seite zu genießen“, sagte Angreifer Julian Alvarez in der überfüllten Mixed Zone. „Er ist der beste Spieler der Welt – der Geschichte.“ Alvarez hatte übrigens selbst tief in der eigenen Hälfte den entscheidenden Ballgewinn gegen Mo Salah vor dem Siegtreffer von Enzo Fernandez (90.+2) verbucht.

Können Europäer da mithalten?

Der Siegtorschütze schwärmte von einer „phänomenalen Gruppe“, die dem Rückstand durch Vasser Ibrahim (15.) und Mostafa Ziko (67.) trotzte. Es spiele keine Rolle, dass Messi nach 21 Minuten wie schon gegen Österreich einen Elfmeter verschoss und jetzt turnierübergreifend bei vier Fehlschüssen steht. Argentinien spielt nun am Sonntag im Viertelfinale in Kansas City gegen die Schweiz. Für den Sieger geht es im Halbfinale erneut in Atlanta gegen England oder Norwegen.

Liegen europäische Gegner dem einzigen Viertelfinalisten aus Südamerika vielleicht besser? Denn gegen zwei Vertreter Afrikas hat es Kraftakte gebraucht. Auch das Sechzehntelfinale gegen Kap Verde (3:2 n.V.) avancierte in Miami zur schweißtreibenden Angelegenheit. Oder will das Team so viel Drama bieten, weil seine Gefolgschaft für die US-Tour so viel Geld ausgibt? Die Wechselwirkung von den fanatischen Fans auf den Rängen und den impulsiven Protagonisten auf dem Rasen kann jeder spüren.

Der Titelverteidiger offenbart zwar eine defensive Anfälligkeit, bringt gleichwohl eine enorme Resilienz mit, die auf zwei Säulen basiert: Zum einen ist da fußballerische Qualität, die eben vor allem Messi zu verdanken ist. Zum anderen hilft eine beeindruckende Mentalität. Wenn sich die deutsche Nationalelf – einst ja mal ein Angstgegner –, die Messis Titelträume bei dessen ersten drei WM-Turnieren von 2006 bis 2014 hat platzen lassen, nur ein winziges bisschen abschaut, wäre für sie schon viel gewonnen. Aktuell hat Argentinien den Abstand eher weiter ausgebaut. Wenn sein Weltstar am Ende aus Erleichterung weint, ist alles über einen Antrieb gesagt, der von tief innen kommt

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