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Rennradfahren in der HitzeIst das unsolidarisch?

Während andere vor dem Ventilator sitzen, springe ich bei Hitze aufs Rad. Und riskiere damit, als Notfall im überlasteten Krankenhaus zu landen.

E s ist so heiß, dass Brandenburgs Dörfer noch ausgestorbener wirken als sonst. Die Menschen harren wahrscheinlich drinnen vor Ventilatoren aus, mit verschlossenen Jalousien und zitronigen Kaltgetränken. Es sind 33 Grad im Schatten und ich sitze auf meinem Rennrad. Vor uns liegen knapp 100 Kilometer. Schlau ist diese Tour nicht, aber schon lange geplant.

Ich weiß, wie gefährlich es sein kann, sich bei Hitze anzustrengen. Wenn es heiß ist, hat der Körper ohnehin schon damit zu tun, sich zu kühlen. Wir schwitzen, die Blutgefäße weiten sich, damit mehr Wärme über die Haut abgegeben werden kann. Gleichzeitig pumpt das Herz etwas schneller, damit der Blutdruck stabil bleibt. Wer zusätzlich Sport macht, fordert den Körper also einmal mehr heraus.

Das zu machen, sei ziemlich unsolidarisch, sagte mir ein Experte für Hitzeschutz in Städten, mit dem ich für einen anderen Text gesprochen habe. Ihn rege es jedes Mal auf, wenn er eine fitte junge Person bei Hitze mit tomatenrotem Kopf joggen sehen würde. Denn auch ein gesunder Mensch könne sich überschätzen und sei dann auf medizinische Hilfe angewiesen. Die bräuchten aber schon alte und kranke Menschen an heißen Tagen.

Auf dem Rennrad denke ich an seine Worte. Ich bin jung, ich bin gesund – bin ich vielleicht auch unsolidarisch?

150 hitzebedingte Notfälle landeten in 24 Stunden in einem Krankenhaus

Meine Sicherheitsvorkehrung gegen die Hitze ist ein nasses Halstuch, das ich unterwegs immer wieder mit Wasser tränke, damit es meinen Nacken kühlt. Auch in die Ritzen meines Helms spritze ich regelmäßig Wasser aus der Trinkflasche. Vielleicht sind diese Abkühlungsmaßnahmen schon ein Zeichen, dass man lieber nicht aufs Rad steigen sollte.

Der Experte hat natürlich recht, Krankenhäuser kommen bei Hitzewellen an ihre Grenzen. In die Notaufnahmen werden Pa­ti­en­t:in­nen mit Überhitzung oder Dehydrierung eingeliefert. Auch auf den Bettenstationen liegen kranke Menschen, die schlecht mit der Hitze zurechtkommen – flächendeckende Klimaanlagen gibt es in kaum einem deutschen Krankenhaus. Meistens werden nur die Operationssäle und Notaufnahmen gekühlt. Auch Pflegekräfte und Ärz­t:in­nen leiden unter der Hitze und müssen gleichzeitig mehr Menschen versorgen.

In Stuttgart, wo die Hitzewelle im Juni besonders brutal war, wurden in ein Krankenhaus innerhalb von 24 Stunden 150 hitzebedingte Notfälle eingeliefert. Auch ein 40-jähriger Mann, der beim Joggen kollabiert ist und auf der Intensivstation behandelt werden musste.

Bei 40 Grad kommt das Rad ins Auto

Nach 70 Kilometern sind unsere Trinkflaschen leer. Auf der Suche nach Wasser halten wir an der Dorfkneipe. Drinnen brennt kein Licht, aber als wir um die Ecke in den Gastraum laufen, starren uns 50 Augen aus dem Dunkeln entgegen. Verständnislos haftet ihr Blick an unseren verschwitzten Gesichtern statt auf den Spielkarten. Zigarettenqualm wabert durch den Raum. Wie von einem anderen Planeten kommen wir uns vor mit unseren Helmen, den verspiegelten Brillen und nassen Trikots.

„Ick kann mir Schöneres vorstellen bei dem Wetter“, sagt der Wirt und lacht uns aus, bevor er uns den großen Wasserhahn zeigt, an dem wir die Flaschen schneller auffüllen können.

Ihr habt ja alle recht, denke ich mir. Als wir zwei Tage später zurückfahren wollen, sind es über 40 Grad. Also lade ich mein Rad ins Auto und lasse mich in die Stadt fahren.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Sophie Fichtner

Sophie Fichtner Redakteurin

Seit 2022 Redakteurin im Zukunftsteil der wochentaz, aktuell im Ressort Reportage und Recherche. Sie hat die Deutsche Journalistenschule in München besucht und Politikwissenschaften in Berlin und Lissabon mit Schwerpunkt auf Menschenrechten studiert.
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5 Kommentare

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  • fourorty

    Auf dem Rad lässt sich die Anstrengung wunderbar dosieren. An heißen Tagen kann man ja erstens die Strecken kürzen und zweitens weniger Gas geben. Zudem lässt man das Rad zur Zeit der größten Hitze um den Nachmittag herum eben stehen.



    Und Solidarität geht sowieso in beide Richtungen - hier auf dem Land sieht man genug ältere Semester, die in der größten Hitze meinen schwere Arbeit verrichten zu müssen.

  • Arafna

    Berechtigte Frage, ich würden meinen: nicht zwangsweise. Aber sich aufs Bike zu setzen und sich denken: "Mal kucken, im schlimmsten Fall rufe ich den Notarzt." Da würde ich ins Nachdenken kommen.

    "Es sind 33 Grad im Schatten und ich sitze auf meinem Rennrad. Vor uns liegen knapp 100 Kilometer. Schlau ist diese Tour nicht, aber schon lange geplant."

    Ich fahre selbst viel Fahrrad und ich habe gelernt: Alles steht und fällt mit einer guten Planung. Im Hochsommer besser doch die Zeit direkt nach Sonnenaufgang nutzen. Bis 11 Uhr vormittags bist Du immer im grünen Bereich. Wenn Ihr gleich mit dem frühen Hahn loslegt, habt Ihr etliche Stunden Zeit und dann vielleicht die 100 km auf zwei Etappen aufteilen? In der brütenden Mittagshitze kann man sich ja problemlos ein schattiges Plätzchen suchen und regenerieren, bevor es richtig heftig wird.

    Ich lege meine Langstrecken ausnahmslos so, dass ich immer noch im Bereich eines Regionalexpress bleibe. Den versuche ich zwar zu meiden, wo ich nur kann. Aber man weiß ja nie, was unterwegs alles passieren wird.

    Weiterhin gute Fahrt!

  • Retsudo

    Ich fahre regelmäßig in Stuttgart bei Hitzewellen Rennrad, auch jeden Tag bei der letzten Hitzewelle Ende Juni. Ich denke durch ständige Akklimatisierung ist es definitiv machbar, man muss halt im.Hinterkopf.behalten das die Viskosität des Blutes viel schneller ungünstig wird als bei normalen Temperaturen, d.h man muss deutlich mehr trinken. Joggen ist da wesentlich ungeschickter da es schwieriger ist mit 2l Wasser Joggen zu gehen. Eine Trinkblase zusätzlich mitzunehmen ist wohl die beste Garantie.

    Seit 6-7 Jahren Versuche ich meinen Resilenz zu erhöhen um.die Klimaeffekte.für mich abzumildern, ist es nicht unsolidarisch von der älteren Generation uns diese klimatischen Erscheinungen aufzubürden?

  • Marc Seeger

    Ich würde den Bogen viel weiter spannen!

    Ob jemand mit dem Rennrad einen Berg hinauf fährt, jemand ehrenamtlich tätig ist oder anderweitig aktivistisch unterwegs, macht den Unterschied aus! Und es zeugt von Reflektierter u. bewusster Lebensweise!

    Mit anderen Worten: man kann heute unglaublich viel machen, kaufen, Zeit mit etwas verbringen. Das machen die meisten. Die wenigsten verbringen ihre Zeit damit, die Menschheit voran zu bringen.



    Ich kann heute ein Fitnessstudio nutzen oder Gartenarbeit/Biodiversität machen, Sport treiben oder politisch aktiv sein, ein Festival konsumieren oder Probleme lösen.

    In Angesicht der vielen Probleme&, der weit verbreiteten Unzufriedenheit und der steigenden Krankmeldungen…. In Angesicht voller Autobahnen, Freizeitparks, McDonalds, Festivals… besteht hier eine enorme Diskrepanz!

    In einer Ultra komplexen Welt das wesentliche erkennen und danach Handeln - das ist heute eine Seltenheit.



    Der gesamte Freizeit-Sektor, Festivals, Trends, Veranstaltungen, Selbstoptimierungs-, und spirituellen Räume sind nichts anderes als Ego-Shooter.

    Mal was für die Menschheit, die in einer Krise ist, machen? Etwas Gutes, was wirklich voran bringt?



    Keine Zeit!

  • Cededa Trpimirović

    Kommt drauf an, ob es trockene Hitze ist oder schwül. Bei trockener Hitze kühlt Radfahren durch den Fahrtwind ab. Total geil.